Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975

Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975

Eine Filmkritik von Wolfgang Nierlin

Beschreibung eines Phantoms

Er sei ungewöhnlich schön und oberflächlich, narzisstisch und unstet, sagen diejenigen, die ihn kennen. Er gehöre zu jener besonderen Art von Menschen, die man nur einmal im Leben treffe und dann nie mehr vergesse. Johan, der Titelheld aus Philippe Vallois’ 1976 entstandenem Film, ist ein Phantom, dessen Abwesenheit die Phantasie dieser Low budget-Produktion beflügelt. Als Suche, Annäherung und Liebeserklärung des Filmemachers Vallois an seinen unsichtbaren Helden trägt die verspielte Hommage von Anfang an autobiographische Züge, kreuzen sich unentwegt Fiktion und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge. Nicht nur Johans Charakter ist an dieser ebenso prekären wie kreativen Schnittstelle angesiedelt, sondern auch Philippe Vallois’ bis vor kurzem selbst noch verschollener Film.
Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975 / Johan — Mon été 75, der nach dreißig Jahren erstmals in deutschen Kinos zu sehen ist, beschwört völlig unverkrampft noch einmal den Geist der Nouvelle vague, ihre Leichtigkeit und Spontaneität, ihre Lust an der Improvisation und zwangloser Provokation. Vornehmlich Jean-Luc Godards Außer Atem, Die Verachtung oder auch Masculin – Feminin scheinen in vielen Szenen Pate gestanden zu haben. So pendelt der Film, der zu großen Teilen auf Pariser Straßen und Plätzen gedreht wurde, beharrlich zwischen Dokument und Inszenierung, Schwarzweiß und Farbe. Übersetzt hat Philippe Vallois diese unterschiedlichen Grade der Fiktionalisierung in eine Film-im-Film-Struktur, die die filmische Illusion immer wieder aufbricht. Während er auf der Erzählebene seine Freundschaft und Liebesbeziehung zu dem im Gefängnis sitzenden Johan anhand poetischer Liebesbriefe schildert, inszeniert er auf der Film im Film-Ebene ausgewählte Stationen ihrer Begegnung.

Als unterschiedliche Facetten von Johans Persönlichkeit lassen sich diese Szenen verstehen. Im Kontext der Dreharbeiten bilden sie zugleich die Suche nach dem „richtigen“ Darsteller ab. Wie in Todd Haynes aktuellem Film I’m not there über Bob Dylan, wird Johan von verschiedenen Darstellern, unter denen übrigens auch eine lebenslustige Frau ist, verkörpert. Dies ist für Vallois wiederum ein willkommener Anlass mit Lust und Freude seine schwulen Freunde und mit ihnen die homosexuelle Community in Paris Mitte der 1970er Jahre zu porträtieren. Die authentische, relativ freizügige Darstellung des Milieus bewirkte allerdings, das Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975 / Johan — Mon été 75 nach seiner Uraufführung am Festival von Cannes der Zensurschere zum Opfer fiel und bald darauf aus den Kinos verschwand, bevor 1996 für das französische Filmarchiv eine ungekürzte Version gesichert werden konnte. Wenn Vallois in Anlehnung an Platon einmal sagt, Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975 / Johan — Mon été 75,sei für ihn wie seine zweite Hälfte, die ihm von den Göttern entrissen wurde, gilt dies in gewisser Weise auch für seinen vergessenen Film, der in seiner vollständigen Fassung jetzt neu entdeckt werden darf.

Johan – Eine Liebe in Paris im Sommer 1975

Er sei ungewöhnlich schön und oberflächlich, narzisstisch und unstet, sagen diejenigen, die ihn kennen. Er gehöre zu jener besonderen Art von Menschen, die man nur einmal im Leben treffe und dann nie mehr vergesse.
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