Jesus Christus Erlöser

Jesus Christus Erlöser

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Rekonstruktion eines denkwürdigen Abends

Die Stimmung ist gereizt an diesem 20. November 1971 in Berlin. 3000 bis 5000 Zuschauer, vor allem junge Leute sind gekommen, um einen großen Rezitator und ausgewiesenen Exzentriker bei der Arbeit zu sehen. Sein Name: Klaus Kinski. Der Text, den er vortragen will, ist ein eigener, selbst verfasster mit dem verheißungsvollen Titel „Jesus Christus Erlöser“. Es riecht nach einem Happening der besonderen Art, die Zeiten sind unruhig, der Text verspricht ein hohes Maß an Provokationspotenzial und der Vortragende ist in der Bundesrepublik schon seit langem als Reizfigur bekannt. Es verspricht ein denkwürdiger Abend zu werden.
Auch aus der Distanz von rund 37 Jahren betrachtet erschließt sich schnell, dass jener Oktoberabend in Berlin gleich in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter sein sollte: Zum einen ist dieser Bühnenauftritt Kinskis der einzige vollständige filmisch dokumentierte des Rezitators von hohen Gnaden. Und zugleich passt das Thema Jesus Christus haargenau in die Zeit: Ein Jahr zuvor war die Schallplattenfassung des Rock-Musicals Jesus Christ Superstar von Andrew Llyod Webber erschienen, und die Live Aufführung des viel umjubelten Stücks in New York war einen Monat vor Kinskis Auftritt über die Bühne gegangen. Die Jesus-Hysterie – man könnte auch sagen der Ausverkauf, der Jesus-Hype – war in vollem Gange.

Eigentlich hätte ein antibürgerlicher Schreck wie Klaus Kinski an diesem Abend leichtes Spiel haben müssen mit seinem Publikum, zumal seine Interpretation des Textes vor allem die radikalen, anti-institutionellen und revolutionären Aspekte von Jesus Christus betont. Doch weit gefehlt: Von Anfang an wird Kinski vom Publikum systematisch beleidigt und provoziert, mit vor allem ihre eigene Spießigkeit entlarvenden Aussagen wie „Du hast doch selbst nie gearbeitet“, „der hat doch schon seine Million“ und andere Zwischenrufe demontiert und schließlich von einem pseudorevolutionären Mob als „Faschist“ beschimpft. Kinski, nicht gerade bekannt für einen sonderlich sensiblen Umgang mit dem Publikum, pöbelt auf gewohnte Weise zurück, verlässt mehrmals die Bühne und kann seinen Text erst nach mehreren Stunden vor einem Häuflein Verbliebener zu Ende bringen. Es war ein Desaster, vor allem für Kinski selbst, der diesen Vortrag stets als seinen wichtigsten empfand.

In scheinheiliger Allianz mit den Provokateuren ergeht sich die Presse in den folgenden Tagen in Hohn und Spott über den ungeliebten Schauspieler, verschweigt die Vorfälle, die zum Chaos geführt hatten und treibt die Demontage Kinskis weiter voran. Schließlich bittet sein Veranstalter um Entlassung aus dem Vertrag und muss kurz darauf Konkurs anmelden – zur geplanten Welttournee mit mehr als hundert Auftritten rund um den Globus kam es nicht mehr. Und rund einen Monat später kommt es zum letzten Kinski-Auftritt auf der Bühne überhaupt – der Deklamator passt offensichtlich nicht mehr in die neue Zeit.

Dass der denkwürdige Abend überhaupt aufgezeichnet wurde, ging auf Initiative Kinskis zurück, aus im Archiv des Schauspielers lagernden 134 Minuten Material schnitt dessen Nachlassverwalter Peter Geyer 84 hoch spannende und entlarvende Minuten zusammen, die vieles sind: Porträt eines getriebenen, exzentrischen, verletzlichen Schauspielers, der wie kein zweiter erlitt, was er vortrug, der keine Grenze zwischen Kunst und Leben mehr kannte. Mehr Kinski hat man kaum je gesehen. Zugleich und quasi nebenbei ist der Film die messerscharfe Analyse einer wilden und bewegten Zeit, in der man meinte, alles ausdiskutieren zu müssen, Lehrstück über die Kunstfeindlichkeit vermeintlich progressiver Kräfte in Deutschland und zuletzt eine überaus faszinierende Auseinandersetzung mit dem Thema Jesus.

Und bei allen Vorbehalten, die man diesem Mann aus gutem Grunde entgegenbringt – wann sah man je wieder so ein Charisma, so eine Leidenschaft, solch eine Einsamkeit auf der Bühne? Und Tränen der Erschöpfung und der Enttäuschung, die Kinski ganz am Ende vergießt, als nach stundenlangem Tauziehen, nach Beschimpfungen und Störungen der Text, mit dem er so rang, endlich vollbracht ist. Ecce homo – Seht her, was für ein Mensch!

Jesus Christus Erlöser

Die Stimmung ist gereizt an diesem 20. November 1971 in Berlin. 3000 bis 5000 Zuschauer, vor allem junge Leute sind gekommen, um einen großen Rezitator und ausgewiesenen Exzentriker bei der Arbeit zu sehen. Sein Name: Klaus Kinski.
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Meinungen
Stefan · 30.06.2008

....das Komische daran ist ja, dass es heute nicht weniger Idioten gibt, als vor 37 Jahren. Die 68er haben sich (leider) etabliert und Kinski könnte heute genauso sprechen, es würde haargenau wieder als Antwort an diese Leute passen.

muaddib · 16.05.2008

endlich, hätte nicht gedacht dass ich die komplette fassung mal noch sehen darf ;)

Snacki · 15.05.2008

Toll, toll, toll! Kinski, Ausnahmetalent aller Klassen, lässt einem erschaudern. Atmosphärisch enorm dichtes Kino, da kommt bis zum heutigen Tag kein anderer deutscher Schauspieler dran.

Würgereflex · 14.05.2008

Schön als Live-Tonaufnahme läuft es einem kalt den Rücken runter!

Bestimmt sehr sehenswert, aber mit einem "gewissen" Anspruch.

KEIN MAINSTREAM SCH....!!!

Kommentare

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