Isadoras Kinder (2019)

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Vier Frauen begegnen Isadora Duncans Solo Mother. Ein leiser Film voller sprechender Hände, der die Geste zu seinem alles bestimmenden Stilmittel macht. 

Isadoras Kinder (2019)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Sprechende Hände

Es beginnt mit einer Tragödie: Die Kinder einer der einflussreichsten und prägendsten Tänzerinnen des modernen Tanzes, Isadora Duncan, kamen beide bei einem tragischen Autounfall in Paris ums Leben. Der Wagen stürzte in die Seine, Deirdre und Patrick ertranken. Duncan hat sich von dem Verlust nie wieder erholt. Auch das Tanzen war ihr lange Zeit verwehrt. Bis sie eines Tages Gesten fand - oder diese zu ihr fanden -, um ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen. La Mère, Mother, Mutter, heißt das Stück. Und dieses wird in „Isadoras Kinder“ bearbeitet, erarbeitet, weitergegeben, von Hand zu Hand.

Isadoras Kinder, damit sind nicht nur ihre eigenen angesprochen, sondern auch all diejenigen, die von ihr gelernt haben und immer noch lernen. Duncan versuchte nach dem Tod ihrer Kinder, eine Tanzschule zu eröffnen, doch der Krieg brach aus. „She [Duncan] said that dance doesn’t belong to anyone, but everyone must find their own gesture, their own way of doing things. … That really touches me”, so wird das Anliegen von Duncan und auch des Films von einer der Tänzerinnen zusammengefasst. Doch dieser so zentrale Moment kommt zum einen recht spät, was nicht weiter schlimm wäre, wenn es nicht auch so beiläufig geschehen würde, sodass die Emphase fast nicht greifbar ist. Das ist das zentrale Problem des Films: Dass man den Eindruck bekommt, es gab eine große Idee, den Impuls die Gesten sprechen zu lassen, die Hände, von Übergaben und Transmissionen, ein Geben und Nehmen von Bildern. Doch dass diese Idee letztendlich nur schwer greifbar ist — und der Versuch, universell verständlich zu sein, viele Bilder wahllos und trotz ihrer ansprechenden Ästhetik nichtssagend, ja geradezu banal wirken lässt. So schön das alles anzusehen und mitzuempfinden ist: Die einzelnen Aufnahmen stehen oftmals seltsam unverbunden nebeneinander.

Isadoras Kinder reiht drei Frauen und ihre Erfahrungen mit La Mère aneinander, die sich auf ihre jeweils eigene Art den Tanz erarbeiten oder aneignen. Da ist zu allererst – und hier beginnen die ersten Vermutungen – die Tanzschülerin oder -studentin. Sie liest Duncans Autobiografie. Passagen, die die Tragödie beschreiben sind als Voice-Over zu hören. Man sieht sie bei sich zuhause, in einem leeren Tanzstudio, mit der Labanotation der Choreografie, arbeitend, überlegend. Sie probiert viel aus. Wir sehen ihre Hände und Füße, leise und bedächtig, tastend arbeitet sie sich vor. Es scheint anstrengend zu sein.

Auf sie folgt ein recht lebhafter Teil, in dem Manon, eine junge Tänzerin mit Down-Syndrom, von einer älteren den Tanz erlernt bekommt. Sie üben gemeinsam und allein, sie lachen und fahren zur See. Dann die Aufführung auf großer Bühne, die uns zur letzten Frau bringt, einer älteren, schwarzen Französin, die sich bei Nacht durch die Straßen der Stadt nach Hause bewegt. Und dann ihre ganz eigenen Gesten im Nachhall des Stückes findet.

Es ist schön, dass hier so unterschiedliche Frauen gezeigt werden und ihre jeweiligen Erfahrungen mit dem Stück versucht, filmisch zu fassen. Dass man nicht die klassischen Tänzer*innenkörper vorgesetzt bekommt, sondern eben Duncans universellem Motto gefolgt wird: Dass jede*r ihre/seine eigenen Gesten finden kann.

Auch wird versucht, einer zeitlichen Struktur zu folgen, markiert durch Zwischentitel. Zu welchem Zweck diese eingesetzt wurden — auch darüber kann man nur Vermutungen anstellen. An manchen Stellen erweckt Isadoras Kinder den Eindruck, als ob vieles angepackt wurde, ohne es fertig zu denken, in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen. Es scheint so, als ob Martin Bertier und Damien Manivel sich nicht auf eine klare Linie einigen konnten.

Letztendlich scheitert der Film jedoch an seinem großen Anspruch, an der zu großen Geste. Die Hände sind alles, was die drei Frauen zu verbinden scheint. Wir erfahren zu wenig über sie, ihren Hintergrund, ihre Motivation — und damit über die Motivation des Films selbst. Zusammen mit den nicht vernähten Bildern, fällt der Film zum Ende hin immer mehr auseinander. Als Zuschauer*innen wird uns zu wenig an die Hand gegeben. Das ist schade. Man muss nicht immer viele Worte aussprechen – wie es der Film eben auch vermeidet –, um verstanden zu werden. Aber wenn man sich am Ende fragt, warum gewisse Einstellungen gezeigt werden, ohne dies zufriedenstellend beantworten zu können, dann zeigt das, dass Gesten allein eben doch nicht ausreichen, so expressiv sie auch sein mögen. Es braucht mehr. Denn eine Frage bleibt offen und sie ist zentral: Was wird hier dokumentiert?

Isadoras Kinder (2019)

Nach dem Tod ihrer Kinder schuf Isadora Duncan das Solo Mother, in dem eine Mutter in einem Augenblick extremer Zärtlichkeit ihr Kind wiegt, bevor sie es gehen lässt. Ein Jahrhundert später begegnen vier Frauen diesem herzzerreissenden Tanz.

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