Im Feuer (2020)

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Eine Schwester ist in Deutschland, als Soldatin bei der Bundeswehr. Die andere ist im Irak, als kurdische Kämpferin gegen den IS. Kann sich das mitunter packende Drama klischeehafter Darstellungen erwehren?

Im Feuer (2020)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Die Schwester im Irak

Rojda (Almila Bagriacik) ist Deutsche. Als Kind ist sie aus dem Irak hierhergekommen, hat ihre Jugend bei Onkel und Tante verbracht. Sie hat Glück gehabt. Im Irak ist Krieg, der IS überrennt die kurdischen Regionen, wer kann, flieht – oder kämpft. Rojda ist furchtlos, sie reist ins griechische Flüchtlingslager um ihre Mutter (Maryam Boubani) dort abzuholen, der deutsche Pass wirkt Wunder. Und sie reist in den Nordirak: Denn sie ist Stabsunteroffizier bei der Bundeswehr, sie setzt alles daran, versetzt zu werden nach Erbil, dort, wo die Deutschen die Peschmerga-Kämpfer ausbilden. Dort, wo Rojdas Schwester Dilan kämpft, gegen die Islamisten, für die kurdische Heimat, für ihre Familie, für das Überleben.

Rojda wird von ihrer Umwelt nicht mehr als vollkommen deutsch, nicht als vollkommen kurdisch gehalten. Das ist das Dilemma für alle, die irgendwann mal irgendwo einen migrantischen Hintergrund in ihren Schicksalsweg gelegt bekommen haben. Im Irak ist sie für den Feldwebel „die Kurdin“, die helfen soll, „die Frauen“ zu verstehen. Denn mit der örtlichen rein weiblichen Kampftruppe gegen die Islamterrornation kommt die Bundeswehr nicht zurecht. Das ist ein schöner, entlarvender Moment, den Regisseurin Daphne Charizani herausarbeitet: Wie in der Bundeswehr zwar problemlos Frauen Teil der Truppe sind, wenn’s in Deutschland um Geländelauf geht oder darum, Traktorreifen hinter sich herzuziehen. Im Einsatz aber herrscht die männliche Regelordnung, die nicht nur sich nicht einlassen kann (oder will) auf die Kultur des Landes, wo eigentlich Hilfe geleistet werden soll. Die sich auch gerade der weiblichen, gerade der migrantischen Kräfte bedient, um deren „typische“ Fähigkeiten zu nutzen: Klar, die Landessprache versteht die kurdischstämmige Rojda, aber sie soll insbesondere die militärischen Befehle oder taktischen Ratschläge der Deutschen so übersetzen, dass die Kämpferinnen kapieren, was gemeint ist; quasi nach dem Wörterbuch „Militär – Frau“. Dass diese ohne Anführerin – oder Anführer – ihren Kampfeinsatz leisten, das können wiederum die deutschen Offizieren nicht verstehen…

Rojda lebt zwischen allem, zwischen Deutschland und Irak, zwischen Familie und selbst aufgebautem Leben, zwischen deutscher Bundeswehr und kurdischer Peschmerga, zwischen Dienst und Pflicht und der Suche nach ihrer Schwester, die irgendwo dort die Stellung hält, die sich weigert, nach Deutschland zu kommen, die die Unsicherheit in Kauf nimmt, um etwas für ihr Volk, für die Familie, für sich zu tun, für ein Kurdistan, das es als Land gar nicht gibt.

Die Fronten zwischen Soldatsein und Frausein: Die sind es, zwischen denen der Film sich aufreibt. Denn wo er zuvor aufzeigt, wie schwer es der Bundeswehr und ihren Offizieren fällt, Soldatinnen einzusetzen, ohne in die Klischeefalle zu laufen – da hüpft der Film wenig später selbst hinein. Rojda nämlich lässt sich und ihr Handeln mehr und mehr von ihren Gefühlen bestimmen, lässt jede Vorschrift, jede Vorsicht außer Acht, weil in der Aufwallung der Emotionen die Professionalität sich vollkommen auflöst. Die Frau, das Gefühlswesen! Unberechenbar in ihren Handlungen, das Private stets über die beruflichen Anforderungen stellend! Solcherart Stereotypen spielt der Film aus, und er merkt es noch nicht einmal.

Die Figur der Rojda lässt sich gefangen nehmen von der Sehnsucht nach der Schwester, von der Trauer über die Ermordeten, davon, dass eine der kurdischen Kämpferinnen (Zübeyde Bulut) eine Kriegswaise, deren Familie gekillt wurde, einen Brief der Mutter erfindet, von einem leeren Blatt Papier Trost verliest. Wo der Film so im Kriegsmelodram überläuft, da kann auch Rojda nicht unberührt bleiben. Schleicht sich nachts von den Kameraden weg, gerät ins Feuer, läuft geradezu hysterisch umher, hat scheinbar alles vergessen, was sie in ihrer militärischen Ausbildung gelernt hat…

Dem Schreiber dieser Zeilen ist alles Militärische mehr als fern. Aber das weiß er: Eine derart emotionsüberwältigte Frau kann im Soldatischen keinen Platz haben. Sie kann in ihrem eigenen Leben, das sie führt, keinen Platz haben. Und da sie unsere Heldin ist, die Identifikationsfigur, da ärgert es ihn, dass sie so einfach konzipiert wurde, so am Klischee entlang; so sehr das angeblich „typisch Weibliche“ erfüllend.

Im Feuer (2020)

Die Bundeswehrsoldatin und gebürtige Kurdin Rojda meldet sich für eine Mission, um im Irak kurdische Soldatinnen auszubilden, die gegen den IS kämpfen. Niemand darf wissen, dass sie eigentlich auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester ist.

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