I Am Mother (2019)

Log Line

Nach dem Ende der Menschheit zieht ein Roboter in einem Bunker ein einzelnes Mädchen groß. Das geht so lange gut, bis jemand an die Außentür klopft.

I Am Mother (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Mutter hat ne Schraube locker

Das Licht kühler Neonlampen, klinisch anmutende Korridore, funktionale Einrichtung: Um die Apokalypse zu überleben, müssen wir womöglich auf alle Heimeligkeiten verzichten. Oder doch nicht alle? Wenn „Mutter“, der sorgende und pflegende Roboter, die frisch in der künstlichen Gebärmutter im Expresstempo ausgewachsene „Tochter“ auf den Arm nimmt und mit Wärmelampen bestrahlt, dann wechselt das Farbschema in rote, orange, gelbe Töne: Hier ist Schutz und womöglich gar Zärtlichkeit. Das Rot wird „Tochter“ später in ihrer Kleidung weiter an sich tragen, irgendwann klebt sie ihrer Ziehmutter bunte Sticker auf die matt-metallischen Gliedmaßen.

Grant Sputores Debütfilm I Am Mother beginnt mit Kamerablicken in den Bunker, der, so bekommen wir es erzählt, das Überleben der Menschheit sichern soll. Von außen dringt Donnern durch die Wände, es wackelt und die Lichter flackern, während Einblendungen den Ort des Geschehens beschreiben: Eine „Einrichtung zur Neubesiedelung“ mit „63 000 Embryonen“. Menschen sind keine zu sehen, stattdessen setzen Maschinen den Roboter zusammen, der dann zu „Mutter“ wird, die aus den eingefrorenen Embryonen das erste Kind auswählt: ein Mädchen.

„Mutter“, mit warmer weiblicher Stimme (im Original der von Rose Byrne) sprechend, bringt der „Tochter“, die nie einen Namen bekommt, dann von Origami bis Ethik alles bei, natürlich auch, wie die Station funktioniert – bereitet sie auf eine Zukunft vor, in der die Welt außen nicht mehr verseucht sei, nicht mehr kontaminiert.

Wie nicht nur unnatürlich, sondern vor allem unheimlich sich diese Konstellation die ganze Zeit anfühlt, mag man vielleicht zunächst auf die Interaktion zwischen mütterlichem Roboter und menschlichem Kind zurückführen – tatsächlich ist aber das unterschwellig viel Bedrückendere, dass hier nie ein lautes Wort fällt, nicht gestritten wird. „Mutter“ ist zu perfekt, um wahr zu sein, schlimmer noch, sogar diese anscheinend fehlerfreie Maschine hat Macken, muss ihre Hand von „Tochter“ reparieren lassen, gesteht ein: „Mütter brauchen Zeit, um zu lernen.“

Natürlich kann dieses Idyll nicht ewig halten. Irgendwann hört die mittlerweile herangewachsene „Tochter“ (Clara Rugaard) an der Schleuse zur Außenwelt eine Stimme, und als sie dann die um Hilfe suchende Frau (Hilary Swank) hereinlässt, bricht das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Ist die Welt draußen doch bewohnbar? Warum betrachtet die Frau „Mutter“ als gefährlichen Feind? Und warum erfährt „Tochter“ nie genau, was eigentlich in der Welt da draußen passiert ist?

Viele der Wendungen und Überraschungen, die der Film in seiner zweiten Hälfte bereithält, werden Genrefans nicht völlig überrascht aus den Socken hauen; zugleich folgt das Skript von Sputore und Michael Lloyd Green einer konsequent dystopischen Erzählung und schreibt diese dann schließlich auch bis in die letzten Einstellungen hinein konsequent fort. Mit anderen Worten: Ob das Happy End, dass man da zu sehen glaubt, wirklich ein gutes Ende ist, oder gar ein guter Neuanfang?

Ästhetisch nimmt I Am Mother viele Einflüsse aus dem Science-Fiction-Kino der Gegenwart auf; die Räume des Bunkers erinnern nicht von ungefähr an die saubere, auch schon an eine Klinik gemahnende Mondstation aus Duncan Jones‘ Moon, nur geringfügig ergänzt durch funktionale Technikbereiche, die ganz sanft auf die beengten Raumschiffgänge aus Alien — Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt anspielen. „Mutter“ schließlich (Computer, die „Mother“ heißen, sind wahrlich nie ein gutes Zeichen, siehe Alien) wirkt so als habe sich Apples Ex-Chefdesigner Jonathan Ive den Terminator noch einmal vorgenommen und zum äußerlich freundlichen Bediensteten umgestaltet; die Bewegungen des Roboters changieren von anfangs zärtlich bis zum Ende hin zunehmend aggressiv, und das ist durchaus verstörend elegant gelöst.

Um die großen, gewissermaßen unterirdischen Fragen, die sich aus der Figurenkonstellation ergeben könnten, macht I Am Mother allerdings einen Bogen: Ist künstliche Elternschaft denkbar, womöglich gar der menschlichen überlegen? Was macht Mutter- oder Elternschaft aus? Allein das Verhältnis des Kindes zu seiner robotischen Ziehmutter spielt eine etwas größere Rolle, weil sich dies eine so trefflich große Rolle in dem Dreieckskonflikt zwischen „Mutter“, „Tochter“ und der Fremden von außen spielt.

Denn eigentlich will Grant Sputore, das wird in den letzten Momenten des Films klar, nur eine Versuchsanordnung ausbuchstabieren, eine These illustrieren, und die Personen sind allesamt nur Schachfiguren auf dem sehr, sehr dünn besiedelten Spielbrett. Wie fast immer aber, wenn die Story über die Figuren bestimmt, bleiben diese als nur halb gefüllte, ziemlich blasse Hüllen zurück.

I Am Mother (2019)

Kurz nach der Auslöschung der Menschheit nimmt ein Roboter namens „Mother“ in einem Hightech-Bunker unter der Erdoberfläche seine Arbeit auf. Das Ziel ist die Wiederbevölkerung des Planeten und zu diesem Zweck zieht der Roboter einen Embryo aus dem Reagenzglas zu einem Teenager heran. Doch als plötzlich eines Tages eine verwundete Frau vor der Tür des Bunkers auftaucht, stellt sich die Frage, ob sich die Dinge da draußen auf der Erde nicht vielleicht doch anders darstellen, als „Mother“ das bisher annahm. 

  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
Arne · 14.03.2021

Ein überraschend vielschichtiger und sehr faszinierender Film. Hat mich mit vielen anregenden Themen "versorgt"
Wenn man die Rahmenbedingungen des Filmes hinnimmt: Menschheit ist ausgelöscht, Embryonen lassen sich technisch bis zur Geburt versorgen, dann kann man sich vielen interessanten Fragen zuwenden und vor allem den mutigen! Antworten des Films. Das ganze verläuft sehr subtil und – wie ich finde – auf eine sehr mitreißende Art. Daran hat die junge Hauptdarstellerin Clara Rugaard einen gewaltigen Anteil: Eine großartige schauspielerische Leistung, wie ich finde, denn die „Tochter“ geht in einen wilden Trip durch alle möglichen, teilweise extremen Gefühlslagen, und das wirkte auf mich sehr überzeugend.
Am Ende war ich überrascht, erstaunt, fasziniert und wegen der emotionalen Intensität durchgekaut. Und hab den Film dann später noch mal sehen wollen. Da fand ich dann:
Die Regie oder das Film-Team hat wie an einem Kunstwerk an den Szenen gearbeitet: Jede trägt etwas zum großen Ganzen bei, nichts ist überflüssig, sondern Information.
Das Ergebnis ist so was von schalkhaft und durchtrieben... Oder was soll das sein, wenn der Film einem ganz offen etwas mitteilt, aber die Zuschauer ahnungslos bleiben?
Sehr subtil wird das enge und vertrauensvolle Zusammenleben des Kindes mit der „Maschine“ aufgebaut. Auch wenn soziologische Aspekte nur angerissen werden (können), aber das, was der Zuschauer sehen kann, wirkt. Jede und jeder kann dies an sich selber am Ende bemerken.
Dabei hat der Film nur wenig Effekt-Hascherei und wer sich darauf einlassen kann, dass nicht action im Vordergrund steht, sondern eine ethische Auseinandersetzung und die Rolle von Künstlicher Intelligenz, den nimmt der Film intensiv mit in diese Welt und ihre Herausforderungen – für mich ist genau das gutes Kino!

Andreas · 03.08.2020

Der Film ist sehr unheimlich in seiner Machart. Es bleiben auch viele Fragen offen ... mal sehen ob ich im Netz was darueber finde. Schlecht fand ich ihn jetzt nicht aber ich finde es gibt einige "Fehler" die evtl. durch den Schnitt entstanden sind ... erfahren werden wirs nicht.

Lilly · 03.05.2020

Fand den Film ganz gut - die Idee dahinter ist interessant.

Kommentare

Weitere Filme von

Grant Sputore