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Valeria wird in ihrer Schwangerschaft von „La Huesera“ („Die Knochenfrau“) heimgesucht. In bedrohlichen Visionen wird sie an ihr äußerstes getrieben und steht vor der Frage, wie sie ihr Leben in Zukunft leben will. Als Mutter sieht sie sich nicht.

Huesera (2022)

Eine Filmkritik von Sophia Derda

Knochen knacken bis sie brechen

Es war einmal eine junge Frau. Ihr Name war Valeria. Sie lebte mit ihrem Mann Raul ein scheinbar perfektes Leben. An nichts sollte es den beiden fehlen. Nur war da eben dieser große Kinderwunsch von Seiten Rauls und Valerias Familie. Doch mit einem Baby sollte es nicht klappen. Mit allerhand religiöse und technischen Unternehmungen wollte man der Sache nachhelfen. Und sieh da, Valeria wurde schwanger. Valeria aber war darüber gar nicht glücklich und erlebte die Zeit der Schwangerschaft als grausame Tortur. Sie sah große Spinnen an der Wand und entstellte Frauenkörper, die sich auf allen Vieren über den Boden bewegten, wobei sich ihre Körper verdrehten, während ihre Knochen knackten. Ihre Familie glaubte ihr nicht und so war die junge Frau mit ihrer Angst allein. Vergangene Zeiten kamen ihr wieder ins Gedächtnis und sie sehnte sich in ein glücklicheres Leben zurück, in dem sie eine Frau geliebt hat. Valeria stand vor einer großen Herausforderung und musste sich die Frage stellen, wie sie in Zukunft leben wollte.
 

In manchen Phasen muss man schmerzhafte Prozesse durchleben, um den richtigen Weg für sich zu finden. Aber woher weiß man, ob man auf dem richtigen Weg ist? Die Protagonistin Valeria bekommt an einer Stelle in Huesera gesagt: „You are in deep shit, girl.“ Das fasst gut zusammen, wie sie sich als schwangere Frau fühlen muss, die mit ihren Ängsten vollkommen allein gelassen wird und nach außen hin funktionieren muss. Die Beziehung von Valeria (Natalia Solián) und Raul (Alfonso Dosal) wirkt oberflächlich harmonisch. Beide gehen ihrer Arbeit nach, leben zusammen und freuen sich, wenn sie sich am Abend sehen. Doch dann gibt es immer wieder Situationen, die anderes vermuten lassen.

Der Wunsch nach einem Kind scheint in Raul ein so unbändiges Verlangen auszulösen, dass man sich fragt, ob es in dieser Beziehung überhaupt noch ein Gemeinsames gibt: Valeria soll schwanger werden und damit glücklich sein. So gehört sich das eben. Zwischenmenschliche Nähe scheint nur in Zusammenhang mit dem Kinderwunsch zu existieren und man fragt sich im Verlauf des Films immer wieder, warum niemand auch nur einmal fragt, wie es Valeria eigentlich geht. Und genau darin liegt das Problem: Mit Beginn ihrer Schwangerschaft fangen ihre Knochen an zu knacken.

Regisseurin Michelle Garza Cervera macht daraus einen Tick und Valeria muss in jeglichen Stresssituationen ihre Fingerknöchel knacken. Das steigert sich im Laufe des Films exponentiell; das Geräusch wird beinahe zum Soundtrack des Films. Der Titel ist einer mexikanischen Volkssage entnommen: La Huesera ist die Geschichte einer Frau, die in der Wüste Wolfsknochen sammelt, bis sie ein ganzes Skelett zusammensetzt, um den Wolf zum Leben zu erwecken. Wölfe werden in vielen Kulturen und in der Folklore mit dem Bösen in Verbindung gebracht. Valerias Visionen von spinnenartigen Erscheinungen und anderer übernatürlicher Bedrohungen scheinen mit La Huesera in Verbindung zu stehen.
 
Aber woher kommen diese Ängste mit den dazugehörigen Visionen von Valeria? Was verbirgt sich dahinter? In einer Rückblende in ihre Jugend sieht man sie mit anderen jungen Menschen rockig angezogen auf den Straßen umherziehen. Sie rennen vor Polizisten weg und rufen, dass sie sich nicht domestizieren lassen wollen. Zu diesem Zeitpunkt war Valeria mit einer jungen Frau zusammen. Es gab gemeinsame Pläne, die Heimat zu verlassen. Für Valeria aber kam das letztlich nicht infrage. Der normative Druck war zu groß: Ihre Familie hatte anderes mit ihr vor.
 
Huesera entspinnt sich als kraftvolles Drama, das das Innenleben von Valeria in verschiedenen Facetten zu inszenieren schafft. Horror-Elemente, die sehr physisch ausgestellt werden, sorgen immer wieder für schockierende Momente. Die große Stärke des Films liegt aber in der Frage nach Mutterschaft selbst. Valeria sieht sich nicht als Mutter, die Menschen um sie herum zweifeln ebenfalls daran. Dennoch scheint dieser Weg vorgezeichnet zu sein, gesellschaftlich zementiert.

Welche Gefahren birgt solch ein Druck auf Menschen, die sich mit ihren zugewiesenen Rollen nicht identifizieren können oder wollen? In Valerias Transformation kann man erkennen, wie sich psychischer Druck in physische Qualen übersetzen lässt. Der schwangere Körper von Valeria steht dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit. Diesen gilt es zwar zu schützen, aber zu welchem Preis?

Huesera (2022)

Valeria hat lange davon geträumt, Mutter zu werden. Als sie erfährt, dass sie schwanger ist, erwartet sie, sich glücklich zu fühlen, doch irgendetwas stimmt nicht.

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