Hot Summer Nights (2017)

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Elijah Bynums „Hot Summer Nights“ wirft Timothée Chalamet, Maika Monroe, Alex Roe und uns ins dunkelfunkelnde, hitzige Vergnügen des Heranwachsens.

Hot Summer Nights (2017)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Sex, Lügen und Video

„Liebe Videofreunde, bevor Sie sich das Video-Programm Ihrer Wahl anschauen, bitten wir Sie einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit.“ So fing es an, wenn wir in den 1980er und 90er Jahren eine VHS-Kassette in den Rekorder schoben, in freudiger Erwartung des erwählten Films. Auf die steife Jugendschutz-Ansage folgten Programmhinweise, die sich entschieden mehr Zeit nahmen als heutige Trailer. Ein Off-Sprecher pries die neuesten B-Movies als „sensationell“ und „packend“ an und sprach die englischen Namen aller Beteiligten falsch aus. Und dann ging es los, in verrauschten Bildern, wabernden Farben, wackeligem Ton. Der Eintritt in eine wilde, wüste Welt der Träume.

An dieses VHS-Erlebnis knüpft Elijah Bynums Regie- und Drehbuchdebüt Hot Summer Nights an, etwa wenn der pinkfarbene Filmtitel nach ausgiebiger Exposition an uns vorüberflimmert. Das Coming-of-Age-Drama mutet an wie ein Werk aus vergangener Zeit, das – statt sich ins kollektive Filmgedächtnis eingegraben zu haben – direkt in den Himmel der vergessenen Videothekentitel aufgestiegen ist und seinen Platz vielleicht zwischen Gordon Willis’ finsterem Großstadt-Reißer L ist nicht nur Liebe und dem neonleuchtenden Mitch-Gaylord-Vehikel American Anthem gefunden hat. Wer sagt eigentlich, dass es dort nicht viel schöner ist als im festgezurrten Filmkunst-Kanon oder im protzigen Blockbuster-Kosmos?

Würde man Hot Summer Nights auf seinen Plot reduzieren, wäre dieser Film eher Durchschnitt. Aber das würden nur Menschen tun, die im Kino Rosinen statt Popcorn essen. Rosinen „futtern nur Arschlöcher“, exklamiert der Protagonist Daniel, kurz bevor ihm ein selbsterfundener Witz über eine zahme Giraffe in einer Bar misslingt. Zu diesem Zeitpunkt hat Daniels jüngst verwitwete Mutter ihn bereits an den Küstenort Hyannis geschickt („Du verbringst den Sommer bei Tante Barb.“ – „Fuck!“). Es gab eine Vorwegnahme des Finales, eine Einführung in die Hierarchien des Stadtviertels, unterlegt mit Fading Like A Flower von Roxette, und es gab einen spektakulären Auftritt von Hunter, dem coolsten Typen und berüchtigtsten Drogendealer auf Cape Cod, wie er in Zeitlupe seinem erdbeerroten Muscle Car entsteigt, mit Kippe im Mund, schwarzer Lederjacke und dem Körper eines griechischen Gottes. Zudem hat uns ein auktorialer Erzähler via Voiceover versichert, dass das alles „wirklich passiert“ ist.

Daran dürfen wir natürlich Zweifel hegen. Denn die Geschichte von Hot Summer Nights, angesiedelt im Jahre 1991, ist eine Geschichte der Legendenbildung, der Lügen und Gerüchte. Die bittersüßeste, perfideste Lüge folgt ganz zum Schluss, wenn Danny Coughlan True Love Will Find You in the End singt. Ja, womöglich wird sie uns finden, die wahre Liebe. Mit Gewissheit aber wird sie uns am Ende ficken und brutal zerstören. Immer wieder zwinkern die Figuren uns zu, während die Handlung stetig absurdere Blüten treibt. Alles ist hier offensichtlich fake, das Wispern und Gerede, die Aufreger und Superlative. Das weiß nicht nur Hunter, über dessen Sexkapaden die Gemeinde ebenso spekuliert wie über seine Ausraster, seine Temposünden und seine Penisgröße. Er soll gar „einen umgelegt“ haben, da sind sich alle sicher, inklusive dem kleinen Mädchen mit dem überdimensionalen Streuseleis. Auch Hunters Schwester McKayla dient den Leuten als Projektionsfläche und Lustobjekt, insbesondere den örtlichen Jungs. Und Daniel? Der baut um sich herum ein derart brüchiges Lügengebäude, dass es des heraufziehenden Hurrikans gar nicht bedurft hätte, um alles zum Einsturz zu bringen.

Die Figurenzeichnungen in Hot Summer Nights fallen durchweg so skizzenhaft aus, dass wir die Rollenbiografien der Spielenden automatisch mitdenken. Bei Timothée Chalamets Daniel denken wir direkt an den Knaben aus Call Me by Your Name, der sich in einen Mann verliebt, der verdammt gut Shorts tragen und beiläufig flirten kann. Bei Maika Monroes McKayla denken wir sofort an die junge Frau, die in It Follows von einer sinistren übernatürlichen Kraft in Gestalt wechselnder apathischer Personen verfolgt wird. Würde irgendetwas davon in die Handlung von Hot Summer Nights hinüberschwappen, käme uns das vermutlich völlig plausibel vor. Alex Roe gemahnt als Hunter derweil so sehr an James Dean, dass es gar nicht nötig ist, den gesamten Plot von … denn sie wissen nicht, was sie tun zu kopieren. Der Fifties-Klassiker ist auch so sehr präsent, einschließlich der homoerotischen Beziehung zwischen dem attraktiven Rebellen und dessen jüngerem Bewunderer. „Wo ist dein Lover?“, wird Hunter an einer Stelle von einem Gangster gefragt, der nach Daniel sucht. Gemeint ist das selbstverständlich als homophobe Abwertung – doch vielleicht ist es, ganz unfreiwillig, einer der wenigen wahren Sätze, die in diesem Film gesprochen werden.

Die thematischen Versatzstücke aus den Œuvres von Susan E. Hinton und Bret Easton Ellis und aus dem Adoleszenzkino der 1980er und frühen 90er Jahre machen aus Hot Summer Nights ein unterhaltsames Pop-Pastiche. Aber sie sind überhaupt nicht das Interessanteste an Bynums Film. Vielmehr sind es die Momente, die durch die Kameraführung, die Montage und den Musikeinsatz wie Knallbonbons hervorgehoben werden. Ein Lolli, der von Mund zu Mund wandert. Pommes, die in ein Ketchupmeer getunkt werden. Der gemeinsame Sprint über eine Wiese. Der erste Sex im Auto, bei prasselndem Sommerregen. Ein irisierendes Riesenrad in der Ferne. Ein Kuss vom Falschen, ein Zwinkern von der Richtigen, ein nächtlicher Straßentanz der Liebe, ein Streit, der zum Untergang führt. Oder war alles genau umgekehrt? War es ganz anders? Sind das noch die Programmhinweise auf zukünftige packende Sensationen oder ist das schon der Hauptfilm? Wer weiß das schon. Alles verschwimmt. Wie nach einer heißen Sommernacht – oder einem Videoabend in verblasster Erinnerung.

Hot Summer Nights (2017)

Elijah Bynums Regiedebüt „Hot Summer Nights“ erzählt von Daniel, der während eines Sommers in Cape Cod eine Ahnung davon bekommt, was es bedeutet erwachsen zu werden. Die Hauptrolle übernimmt Timothée Chalamet („Call Me By Your Name“).

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