Heimatklänge - Vom Juchzen und anderen Gesängen

Heimatklänge - Vom Juchzen und anderen Gesängen

Eine Filmkritik von Eva Maria Schlosser

Die wilde Religion

Jodeln war bislang nur bei Loriot filmreif. Als Evelyn Hamann das zweite Futur bei Sonnenaufgang im Jodel-Jargon lernte — „Da hab ich was Eigenes, da hab ich mein Jodel-Diplom“ — wurde dieser eigentümliche musikalische Ausdruck aus dem Stimmrepertoire des Bergvolkes zum humoristischen Symbol für weibliche Emanzipation. Ums Jodeln geht es auch in Stefan Schwieterts fast eineinhalb-stündiger Dokumentation. Um Emanzipation im weiteren Sinne auch. Das machen dem Zuschauer die drei außergewöhnlichen Protagonisten klar, welche hier ihre Philosophie vom Jodeln unterbreiten. Schwietert konzentriert sich auf Größen der Schweizer Szene: Zum einen der Stimmkünstler Christian Zehnder, der zusammen mit dem Bläser Balthasar Streiff die experimentelle Ethno-Jazzformation „Stimmhorn“ gibt. Zehnder ist gelernter Stimmpädagoge und beherrscht nicht nur das Jodeln, sondern auch den Obertongesang. Seine Experimentierfreudigkeit und Offenheit gegenüber anderen Musikstilen und jeglicher Art von Geräuschen machen seine Vokal-Kunst zur neuen Erfahrung. Erika Stucky ist ebenfalls über die Schweizer Grenzen hinweg bekannt. In Amerika geboren und im Alter von acht Jahren ins Schweizer Wallis gezogen nutzt die Sängerin die Eigenarten beider Kulturen, um sie zu einer extravaganten Mischung aus Musik und Performance zu vereinen. Dritter im Bunde ist Noldi Alder, Sprössling einer Appenzeller Volksmusikerfamilie und Mitglied der bekannten „Alder Buebe“. Während seine Brüder in der traditionellen Volksmusik ihre Befriedigung fanden, hat Noldi Alder neue Wege beschritten: Auch er ist ein Experimenteur, der das traditionelle Naturjodeln in andere, überraschende Zusammenhänge bringt.
Filmemacher Schwieterts Verdienst ist es, die Zuschauer zu Entdeckern und Zeugen dieses Neuen, Anderen, Überraschenden zu machen. Der Filmtitel Heimatklänge suggeriert zwar Volks- beziehungsweise Schlagermusik im Stile eines Hansi Hinterseer oder von Marianne und Michael. Trotzdem gibt es kaum einen besseren Namen für diesen spannenden Ausflug in die Appenzeller Bergwelt, wo seine Protagonisten ihre Inspiration finden. Immer wieder ist die Rede von der Heimat, den Wurzeln, von einer kulturellen Tradition, die Halt gibt und eine Art spirituellen Weg weist. Dabei spielt die Landschaft, die erhaben majestätischen Berge, die saftigen Wiesen und die Betulichkeit der grasenden Kühe und hier lebenden Bauern eine exponierte Rolle. Die Protagonisten begreifen sie als Ausgangspunkt und Ursprung des Jodelns, „ihr muss man doch etwas entgegensetzen“, so Zehnder. Schwieterts berauschende Bilder zeigen, was damit gemeint ist. Auch er setzt, gleich einem Echo, die Landschaft der Musik und den Menschen gegenüber. Er lässt die Vokal-Artisten zu Wort kommen, sich und das, was sie zu ihrem Gesang treibt, der so viel mehr als das allgemein als Jodeln Bekannte ist, erklären, er begleitet sie beim Gang durch die Natur, beim Hinterher-Lauschen der eigenen Stimme auf dem Berg, beim Besuch in der Wirtschaft oder bei einer Reise durch Tuwa. Er zeigt altes Filmmaterial und zeitgenössische juchzende Bergbauern, lässt die Tochter von Stucky oder die Brüder von Alder zu Wort kommen. Die eine erzählt erfrischend offen von der Extrovertiertheit ihrer Mutter, die in der Öffentlichkeit einfach zu singen anfängt und das peinlich sei, die anderen bekritteln zurückhaltend das experimentelle Treiben ihres kleinen Bruders, der die traditionellen Grenzen überschreitet. Das bringt leise Komik in den sonst sehr spirituellen, besinnlichen, aber auch spannenden Film. „Vielleicht ist da eine wilde Religion“, versucht einer der Jodler die Art des Gesangs, der manchmal wie ein Urschrei klingt, zu erklären.

Dass Filmemacher Schwietert (A Tickle in the Heart, El Acordeon Del Diablo) ein Profi ist, was Dokumentarfilme rund um die Musik betrifft, egal ob für Fernsehen oder Kino, wird einmal mehr an seinem neusten Streifen Heimatklänge deutlich. Er macht die Leidenschaft der Musik spürbar. Seine Protagonisten treten den überraschenden Beweis an, dass Jodeln so viel mehr sein kann, als harmloses, volkstümliches Gejuchze. Hier scheint der Klang aus der Seele zu kommen, Kulturen zu verbinden. Deshalb ist Heimatklänge ein Film, der nicht nur Musikfans erfreuen wird, sondern all jene, die sich gerne angenehm überraschen lassen. Für diejenigen, die von der Musik nicht genug kriegen, ist der Soundtrack auf CD zu haben.

Heimatklänge - Vom Juchzen und anderen Gesängen

Jodeln war bislang nur bei Loriot filmreif. Als Evelyn Hamann das zweite Futur bei Sonnenaufgang im Jodel-Jargon lernte — „Da hab ich was Eigenes, da hab ich mein Jodel-Diplom“ — wurde dieser eigentümliche musikalische Ausdruck aus dem Stimmrepertoir des Bergvolkes zum humoristischen Symbol für weibliche Emanzipation.
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Meinungen
· 13.09.2008

Ja, der Film ist faszinierend. Noch mehr ergreifend ist ein Konzert mit Christian Zehnder, egal in welcher Fromation, ob Stimmhorn (Blasinstrumente, Gesan), Zehnder Kraah Trio (rhytmisch) oder casalQuartett (klassisch). Da sind selbst 1000km von Kopenhagen nach Basel das Erlebnis wert. Und dabei bin ich Nicht-Musiker und kann musikalisch gesehen garnix. Hören können allein genügt.

Christa Dreißig · 07.12.2007

Nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich mir gleich die CD besorgt und höre sie nun ständig. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich je ein Film so begeistert hat, wie Heimatklänge. Alle Eindrücke auf mich durch die Musik und des gesamten Filmes klingen in mir weiter. Der Film belebt mich. Ich kann nur aplaudieren. Danke

Susanne Hille · 24.09.2007

Der Film war faszinierend und fesselnd, die Bilder beeindruckend, die Klänge umwerfend, die Protagonisten in ihrer Verschiedenartigkeit sehr interessant. Für mich.
Ich bin mir nicht sicher, ob auch Nicht-Musiker mir beipflichten können.

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