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Im finnischen Body- und Sozial-Horrorfilm „Hatching“ geht es um eine Zwölfjährige, die unter dem Perfektionswahn ihrer Mutter leidet – und ihre negativen Gefühle mithilfe einer grässlichen Kreatur kanalisiert.

Hatching (2022)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Im Vogelkäfig

Nachdem Eskil Vogt in der norwegischen Produktion „The Innocents“ im Frühjahr 2022 bereits hervorragenden, effektiven Coming-of-Age-Horror vorlegte, steht nun ein weiterer dieser Genre-Hybriden aus einem skandinavischen Nachbarland in den Startlöchern: Der von Hanna Bergholm inszenierte „Hatching“ – ihr erster Spielfilm – wagt sich einerseits in dezent satirische, andererseits in Body-Horror-Gefilde.

Letzteres wird schon in der ersten Szene angeschnitten, in der sich die zwölfjährige Tinja (Siiri Solalinna) für ihre Turnübung aufwärmt. Ein gekrümmter Rücken, unter dessen Haut die Wirbelsäule hervorragt, als platze diese gleich aus ihr heraus. Dann recken sich die dünnen Arme, Flügeln gleich nach oben – ein Vogel im Käfig, der in diesem Falle das Haus von Tinjas Familie ist. Einer mutmaßlich „ganz gewöhnlichen finnischen Familie“, wie es ihre Mutter (Sophia Heikkilä) in einem ihrer Video-Blogs erklärt. Diese Familie besteht überdies noch aus einem zwar körperlich anwesenden, pädagogisch jedoch abwesenden Vater (Jani Volanen) und Tinjas kleinem verzogenen, zu Wutausbrüchen neigenden Bruder Matias (Oiva Ollila).

In den Videos der Mutter sitzen die vier breit grinsend auf der Couch, tollen im Garten herum, es wird gekocht und gebacken – typische YouTube-Banalitäten also. Und – dafür reicht schon ein Blick auf die klinische Inneneinrichtung und die kitschige Blumentapete – natürlich alles hochgradig artifiziell. Was nicht ins heile Weltbild der Mama passt, wird herausgeschnitten. Oder im Falle eines Raben, der sich als schwarzer Störenfried eines Tages in die Wohnung verirrt, mit Gewalt aus der Welt geschafft.

Was in seiner Überzeichnung zunächst parodistisch, ja satirisch anmutet, entpuppt sich bald als eigentlicher Horrorkern dieser Geschichte. Denn diese Fassade muss freilich auch gewahrt werden, wenn die Handykamera nicht läuft. Negative Emotionen sind in diesem Haushalt ungern gesehen, Versagen ebenso wenig. Zwei Dinge, die Tinja gleich doppelt unter psychischen Druck setzen, wo sich ihre Mutter doch einerseits in einen anderen Mann (Reino Nordin) zu verlieben scheint und sie andererseits kurz vor einem wichtigen Turnwettbewerb steht. Der potenziellen Freundschaft mit der hinzugezogenen Nachbarstochter Reetta (Ida Määttänen) wirft die Mama ebenfalls Knüppel zwischen die Beine, schließlich ist Reetta ebenfalls in der Turnmannschaft und somit Tinjas Konkurrenz.

Eines Abends stößt das Mädchen auf die Hinterlassenschaft des anfangs getöteten Raben: ein Ei. Sie hegt und pflegt es, es wächst und wächst auf einen Meter Durchmesser, und schließlich schlüpft daraus ein Vogel-Mensch-Hybrid, der in Tinja seine Mutter sieht. Er imitiert sie, ernährt sich von ihrem Erbrochenen, wird ihr immer ähnlicher und bald zur Verkörperung all der negativen Gefühle, die Tinja nicht ausleben darf.

Der Sterilität des Tagesgeschehens setzen Bergholm, ihr Kameramann Jarkko T. Laine und ihr Komponist Stein Berge Svendsen fortan düster-bedrohliche Nachtszenen entgegen, immer wieder mit POV-Aufnahmen aus Sicht des Vogels ergänzt und mit wummernd-sphärischer Musik unterlegt. Ein subtiles Unwohlgefühl schleicht sich ein, eine stete Vorahnung all der schlimmen Dinge, die da noch kommen könnten. Denn das Wesen hat eine aggressive Ader – und doch gibt es auch immer wieder skurrile Momente der Harmonie, etwa wenn der Vogel von Tinja gebadet wird und wie ein kleines Kind mit dem Wasser planscht.

Das wäre nur halb so effektiv ohne das herrlich morbide Animatronic-Design von Gustav Hoegen, der der Kreatur einen schauderhaften Look verleiht: Anfangs dünn, halb befiedert und bezahnt sowie von einer Schleimschicht bedeckt, durchlebt sie im weiteren Verlauf einen physischen Transformationsprozess, der dem Body-Horror-Aspekt mehr als gerecht wird. Die gruseligste Figur jedoch ist und bleibt Tinjas kontrollsüchtige, narzisstische Mutter.

Hatching mag keine Genre-Innovationen vollbringen oder Horror-Aficionados vor Aufregung das Herz aus der Brust schlagen lassen, und auch der Glaubwürdigkeit der Figuren wird weniger Stellenwert beigemessen als dem, was sie verkörpern, wofür sie stehen und welche Funktion sie innerhalb des metaphernschweren Plots erfüllen. Doch innerhalb der 82 Minuten entspinnt sich eine Geschichte, die immer wieder mit effektiven Spannungsspitzen aufwartet und in ein pointiertes Finale mündet. Spätestens dann wird deutlich, wie sehr das Verhalten von Eltern auf ihre Kinder abfärben kann – im Guten, vor allem aber im Schlechten.

Hatching (2022)

Der Film dreht sich um Tinja, eine 12-jährige Turnerin, die ihrer Mutter (eine Frau, die davon besessen ist, der Welt durch ihren beliebten Blog das Bild einer perfekten Familie zu präsentieren) unbedingt gefallen will. Eines Tages findet Tinja ein mysteriöses Ei, das sie mit nach Hause nimmt. Als aus dem Ei eine kleine Kreatur schlüpft, nennt sie das Wesen Alli. Es nimmt, als Tinja es pflegt und umsorgt, die Gestalt von ihr und ihren unterdrückten Gefühlen an.

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Meinungen

Padmasana · 10.04.2022

der MIESESTE Trailer aller Zeiten! Ich habe den Film auf den FantasyFIlmFestNights gesehen, eigentlich "nur" dieses Riesen-Ei als "Anreiz" und mir so gar nix erwartet, ausser, dass ich nordische Filme sehr mag. Er hat mich TOTAL begeistert! Der Trailer hier ist nicht von der Sorte, dass er die "besten" Szenen verrät, nein, er nimmt die ganze STORY weg , . und das auch noch unchronologisch! und er verrät auch noch den schon fast als "Schlüsselszene" zu nennenden Anfang!.. der war mir (nicht nur mir!) zwar sofort "klar", nimmt aber alles weg, wenn man das in einem Trailer schon sieht! Der FIlm ansich! WOW .. schon lange nicht mehr SO ein "Brett" gesehen, das KEINERLEI Längen hat! Definitiv 9 von 10 Eiern aus Bio-Haltung!!!!