Guns Akimbo (2019)

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Miles Lee Harris ist ein Internettroll. Bei der Arbeit wird er gemobbt, seine Freundin hat ihn verlassen, nur an der Tastatur kann er sich als Held fühlen. Bis er eines Tages an einen Gangster gerät, der illegale Kämpfe über das Internet veranstaltet. Plötzlich verschwindet der schützende Bildschirm, und Miles muss sich mit ganz realen Feinden herumschlagen.

Guns Akimbo (2019)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Ein Film, so feige wie ein Internettroll

Der Internet-Troll ist nicht eben die heroischste Figur der Gegenwart. Er gilt als ausgemachter Feigling, dem der Bildschirm als Schutz vor seinen Opfern so wichtig ist, wie dem Zoobesucher die massive Scheibe vor dem Tigergehege. Als Voyeur, der fast gefahrlos eingreifen kann, ist er Zuschauer und Teilnehmer zugleich. ‚Guns Akimbo‘ kommt mit einem Internet-Troll als Hauptfigur daher und erinnert letztlich selbst an einen. Auf den ersten Blick noch schrill, aufdringlich und irgendwie gefährlich, entpuppt der Actionfilm sich alsbald als pflegeleichtes Nerd-Geblödel.

Die zweite Regiearbeit des Neuseeländers Jason Lei Howden –  selbst dem Streiten im Internet nicht abgeneigt – ist voll von Gesten und Momenten, die in die ungefähre Richtung von Provokation deuten. Symbole, Zeichen und Formen zeitgenössischer Vulgär-Internetkultur klingen an, ohne wirklich einen Eindruck zu hinterlassen. Als Synthese aus grellbuntem Rauschversprechen und präpubertärer Harmlosigkeit ist Guns Akimbo die filmische Entsprechung eines zuckerfreien Energydrinks. Ein aggressiv buntes Placebo für alle, denen selbst die konfektionierte Raubeinigkeit von Suicide Squad und Deadpool zu viel ist.

Schon seine unangenehme, eigentlich kaum zur Identifikation einladende Hauptfigur wird sofort relativiert: Der verhuschte Videospielprogrammierer Miles Lee Harris, gespielt von Daniel Radcliffe, beschimpft natürlich nur andere Internet-Trolle. Er ist vielleicht schrullig, aber natürlich nicht allzu sehr, eben fehlerbehaftet, wie wir es alle sind. Bei der Arbeit wird er gemobbt, seine Freundin Nova (Natasha Liu Bordizzo) hat ihn vor Kurzem verlassen. In ihm fließen „Gutmenschen“-Klischees (Vegetarier, pazifistischer Mickerling) und Internet-Rambo-Allüren zu einem Nerd-Frankenstein ohne Entsprechung in der Wirklichkeit zusammen. Derart widerspricht sich der Film unentwegt, bis kaum mehr etwas von ihm übrigbleibt.

Die Handlung beginnt mit dem Zusammenbrechen der Grenze zwischen dem Wilden Westen Internet und seinem wattierten Leben. Im allabendlichen Trollrausch beleidigt Miles den bösartigen Riktor (Ned Dennehy), seines Zeichens Chef des weltweit beliebten Internet-Kampfrings SKIZM. Dort ermorden sich reale Kämpfer zur Erheiterung eines streamenden Millionenpublikums. Plötzlich steht der übelgelaunte Gangster vor seiner Tür und aus unruhigen Träumen erwacht findet sich Miles mit zwei an seinen Händen verschraubten Pistolen und als Teil des realgewordenen Online-Egoshooters wieder. Er soll die taffe Nix (Samara Weaving) töten – und sie ihn.

Es gibt zahllose Geschichten, die auf das menschliche Misstrauen gegenüber Mimesis abzielen. Vom Pygmalion-Mythos bis hin zur The Ring-Reihe zieht sich die Angst, die Imitation der Wirklichkeit könnte sie verdoppeln. Auch den scheinbar nicht zu zivilisierenden Abgründen des Internets begegnet man ähnlich. Guns Akimbo ist ein Actionfilm für eine Zeit, in der die Trennung zwischen On- und Offline längst aufgehoben und die Welt zum gewaltigen Augmented-Reality-Spielplatz ‚gamifiziert‘ worden ist. Für einige ist das sicherlich eine reizvolle Fantasie: Eines der vielen anonymen Ekel des Internets wird dazu gezwungen, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Er hat lang genug an die Scheibe geklopft, jetzt steht er vor dem Tiger. Der Name der Organisation SKIZM führt also in die Irre, stellt ihre Arbeit doch keine Spaltung, kein Schisma, sondern vielmehr eine Engführung dar.

Diese drückt der Film mit vertrauten Mitteln aus. Viele stilistischen Entscheidungen erinnern an Edgar Wrights Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt. Wenn Miles zum Asthma-Inhalator greift, erklingt das Extraleben-Geräusch aus den Super Mario-Spielen, neue Figuren werden mit Freezeframe und Beschreibungstext eingeführt. (Selbst Nova ist Scotts „love interest“ Ramona Flowers erstaunlich ähnlich.) Zitate von Zitaten, Popkultur als Spiegelkabinett. Parodie ohne Intention, Pastiche also.

Man verspürt den Willen, ikonische Momente zu schaffen. Dafür zerlegt sich der Film in hoffentlich zitierbare, meme-taugliche Partikel. In Schnipsel und Clips. Immer wieder übernimmt kontrapunktisch eingesetzte Musik ganze Sequenzen, dann ordnet der Offbeat-Rhythmus von Ska oder die hundertste Cover-Version von Ballroom Blitz das Geschehen. Meist sind das die Gefechte zwischen Miles, Nix und Riktors Handlagern, die trotz musikalischem Gerüst rumpliges Stückwerk bleiben. Der Schnitt verbindet die Einstellungen nur lose, lässt Lücken in Geographie und Bewegungen. Schon frisch erbaut gleicht der Film einer Ruine. (Wäre er ein Schiff, würde die Sektflasche bei der Taufe den Bug einschlagen.) Zumindest vermitteln die seelenlosen Lagerhallen und Hausflure authentisches Egoshooter-Feeling, genau wie die vereinzelt eingesetzte, subjektive Kameraführung.

Zumal man die Action-Sequenzen in den endlos ausgewalzten Comedy-Passagen schnell wieder herbeisehnt. Miles palavert endlos mit einem Cypress-Hill-zitierenden, cracksüchtigen Obdachlosen. Dann versucht er, mit seinen Pistolen-Händen ein altes Würstchen vom Boden aufzulesen. Die Dialoge haben die wabernde, schwammige Textur von gescheiterten Judd-Apatow-Improvisationen. Würstchen und Witze, hinter dem Müllcontainer hervorgekramt.

Wenn gelacht wird, dann über den Zuschauer. Ein Teil des zeitgenössischen Pop-Kinos war zuletzt oft von einer seltsam zirkulären Publikumsverachtung geprägt. Deadpool und Co. wiesen ein erfahrenes Publikum augenzwinkernd auf Genre-Konventionen und mechanisierte Klischee-Gesten hin. Ein Spott, der nie wirklich auf Hollywoods Studiozombies und Blake-Snyder-Seminarautoren abzielte, sondern immer auf jene Zuschauer, welche sich natürlich trotzdem an die Unterhaltungs-Tröge locken ließen. Filme, die dem Zuschauer die Illusion geben, eingeweiht über dem Kino zu schweben, nur um ihn dadurch gänzlich zu erniedrigen.

Denn was ist Genre-Kino? Eine Sammlung von Ritualen. Feierliche Zeremonien, die es zu ehren gilt. Für eine bestimmten Art von Kinofans haben sie fast sakrale Qualität. Sie können verknöchern, Filmen aber auch etwas Widerständiges geben, ein Skelett gegen die amorphe, algorithmische Beliebigkeit formen. Guns Akimbo dekonstruiert sich und sein Genre, ohne dabei irgendetwas aufzudecken oder zu kritisieren. Es vollzieht sich ohne klares Ziel. Man macht das aktuell eben einfach so, warum auch immer.

Vielleicht, weil wir jetzt ja alle irgendwie Nerds sind, berstend vollgestopft mit Referenzen, die wir unermüdlich in der Welt suchen. Weil unser Gehirn in seiner Funktionslust die eigene Existenz beweisen will, und dieser Film dazu sonst eigentlich keinen Anlass gibt. Oder auch, weil ein Film, der sich verkaufen will, ja irgendeinen Inhalt braucht, und sei es nur seine eigene Implosion, mal in Zeitlupe, mal im Zeitraffer. Sonst müsste man ja eine leere Leinwand zeigen. Was in diesem Fall sogar besser wäre.

Guns Akimbo (2019)

Miles (Daniel Radcliffe) gerät über das Darknet in einen modernen Gladiatorenkampf, bei dem Menschen sich gegenseitig bekriegen müssen und die brutalen Kämpfe ins Internet hochgeladen werden. So wird auch bei ihm eine automatische Waffe an jeder Hand befestigt und schon sieht er sich auf einmal der tödlichen Gladiatorin Nix (Samara Weaving) gegenüber. Statt zu kämpfen tritt Miles zwar zunächst lieber die Flucht an, aber weil er seine Ex-Freundin Nova (Natasha Liu Bordizzo) retten will, ist er schlussendlich doch gezwungen, bei dem Kampf auf Leben und Tod mitzumischen…

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Meinungen
Benno von Archimboldi · 22.06.2020

Wow. Wirklich eine sagenhafte Kritik; äußerst pointiert und scharfsinnig.

Kommentare

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