Großkatzen und ihre Raubtiere (Dokuserie, 2020)

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Wenn eine Serie wie Tiger King vorgibt, die abgefahrene Welt der Großkatzen-Züchter in den USA und all ihre düsteren Intrigen zu zeigen, muss sie aufpassen, nicht selbst allzu großer Teil dieser tierverachtenden Industrie zu werden.

Großkatzen und ihre Raubtiere (Dokuserie, 2020)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Industrie des Leidens

Selbst wenn das Reality-Fernsehen sich mit all seiner Kraft ins Zeug legen würde – eine Geschichte wie die von Joe Exotic könnte es sich nicht ausdenken. Mit Großkatzen und ihre Raubtiere (Tiger King) präsentiert Netflix eine Miniserie, die tiefe Einblicke in die unvorstellbaren Intrigen und Abgründe der Welt US-amerikanischer Großkatzen-Züchter bieten möchte. Über mehrere Jahre filmen Eric Goode und Rebecca Chaiklin den selbsternannten Tiger King Joe Exotic und seine Fehde gegen die selbsternannte Tierschützerin Carole Baskin. Den (vorläufigen) Hohepunkt dieses erbitterten Streits bildet 2019 Joe Exotics Verurteilung für den Versuch, einen Auftragsmörder auf Carole Baskin anzusetzen.

Zwei Seiten stehen sich scheinbar eindeutig gegenüber: Die erschreckend große Industrie von privaten Großkatzen-Zoos in den USA, die von Menschen wie Joe Exotic (bürgerlich: Joseph Maldonado-Passage) oder Bhagavan ‚Doc‘ Antle (bürgerlich: Kevin Antle) geführt werden. Mit der lange nahezu ungehindert erlaubten Nachzucht von Tigern, Leoparden und Löwen, Streichel-Shows mit Jungtieren und dem anschließenden Verkauf vieler Tiere an private Besitzer, dreht sich dort ein ganzes Geschäftsmodell allein um die Haustierhaltung von gefährlichen und bedrohten Raubtieren. Auf der andere Seite steht der Tierschutz: Über Jahre versuchen Organisationen wie PETA und private Aktivist*innen strengere Gesetze zu erwirken, die jenes Halten, Züchten und Verkaufen von Großkatzen strengeren Auflagen unterwerfen. Eine dieser Aktivistinnen ist Carole Baskin, ebenfalls Betreiberin eines Privatzoos, in dem sie allerdings keine Jungtiere mehr nach züchtet, um sie von Besucher*innen streicheln zu lassen, sondern erwachsene Tiere aufnimmt und pflegt.

Was nun erst einmal nach einer nachvollziehbaren Aufstellung klingt, enthüllt sich in Tiger King schon sehr bald als Folie, vor der sich Intrigen, Kämpfe und Wendungen in einer Schlagzahl abwechseln, die jede fiktionale Serie in den Schatten stellt: Joe Exotic, überzeugter Waffenbesitzer und stolzer Redneck, lebt nicht nur mit einigen hundert (!) Raubtieren zusammen, die er wie Kinder aufzieht und pflegt, er ist außerdem mit zwei Angestellten seines Zoos, Joe und Travis, verheiratet und hat seine eigene Web-Show. Carole Baskin umrankt dagegen das Geheimnis ihres ersten Ehemanns, der zwar seit Mitte der Neunziger Jahre spurlos verschwunden ist, Carole aber immerhin noch seine Millionen hinterließ – was zu entsprechenden Spekulationen über ihre Beteiligung an seinem Verschwinden verleitet. Auch ‚Doc‘ Antle, der neben einigen anderen Züchtern innerhalb der eng vernetzten Großkatzen-Szene immer wieder als Vertreter der Ansicht, Tiere seien Privateigentum, auftaucht, scheint kein harmloser Zoo-Besitzer und Tierzüchter zu sein: Berichte deuten auf schwere Misshandlungen an seinen Tieren und Kult-ähnliche Zustände in seinem Zoo, den er mit diversen (Ehe-)Frauen führt, deren genaue Zahl nicht zu erfahren ist und die meist als Teenager in Antles Zoo zu arbeiten beginnen, um dann über Jahrzehnte zu bleiben.

Wenn das alles schon nach viel zu viel des Schlechten klingt, so deckt diese Zusammenfassung doch nur jene Verstrickungen ab, die in der ersten Hälfte der Serie auftauchen. Von Joe Exotics zunehmend erratischem Verhalten, der Drogensucht seiner Ehemänner, den finanziellen Schwierigkeiten, die weitere, noch zwielichtigere Figuren auf den Plan treten lassen, ist bis hierhin gar nicht die Rede. Was aber will Tiger King hinter all den persönlichen, menschlichen Intrigen erzählen? Und was ist eigentlich mit den Tieren?

Eric Goode begann die Arbeit an Tiger King eigentlich als Dokumentarprojekt über die seltsame Welt der Raubkatzen-Züchter. Ein Glück für die Serie ist es daher, einen umfangreichen, über viele Jahre entwickelten Einblick in das Leben und die Geschäftspraktiken von Joe Exotic und seinen Mitarbeiter*innen zu bekommen, noch bevor dieses Leben und diese Geschäftspraktiken völlig aus den Fugen geraten. Doch der Deckmantel der Doku-Serie täuscht keine Sekunde über das durch und durch von seinen extravaganten Figuren begeisterte ästhetische Arsenal einer Reality Soap hinweg. Auch Regisseur Eric Goode ist eigentlich kein Dokumentarfilmer, sondern Nachtclub- und Hotel-Besitzer, der eine Stiftung zum Schildkröten-Schutz betreibt, in den Achtzigern und Neunzigern allerdings auch Kunst und Musikvideos gemacht hat. Eine andere Biographie wäre in der Welt von Tiger King wohl fast irritierend.

Nicht nur die eigenen Hintergründe und Motivationen der beiden Regisseur*innen – Rebecca Chaiklin tritt in der Serie nicht in Erscheinung, sie ist in der Vergangenheit an anderen Dokumentationen als Produzentin beteiligt gewesen – bilden jedoch einen der großen blinden Flecken der Serie: Der Fokus, der nur vordergründig auf der Erkundung einer weitgehend abseits der medialen Aufmerksamkeit operierenden Industrie liegt, bleibt sehr schnell zur Gänze an der dreckigen und aufregenden Fehde von Joe und Carol hängen. Die Geschichten um andere Züchter wie Antle oder Mario Tabraue, der in den Achtzigern berüchtigter und verurteilter Drogenhändler war, geraten dann zu Fußnoten in der glitzernden Story von Großkatzen-Entertainment und (Pseudo-)Tierschutz. Nicht zuletzt den Tieren selbst gegenüber ist das mehr als unfair.

Das Leid, das einem System der rein ökonomischen Ausnutzung von Raubtieren und jenen Menschen, die sie pflegen, unweigerlich eingeschrieben ist, drängt nur in wenigen Momenten von den Rändern in die Episoden und wird dann schnell entweder zugunsten einer unfassbaren Wendung der wilden Erzählung um König Joe und die böse Hexe Carol wieder abgewickelt, oder selbst in sensationslüsterner Manier ausgestellt. In jeder Hinsicht wäre ein ernsthafter und kritischer Blick möglich gewesen, der sich vor allem das Leid der Tiere, aber auch das Leid jener Menschen vornimmt, die von Egomanen wie Joe Exotic oder Bhagavan Antle ausgenutzt und unwürdig behandelt werden. Ein solcher Blick jedoch, der weiter nachfragen oder gar recherchieren würde, fehlt Tiger King gänzlich.

Was zum Beispiel ist denn nun das Verhältnis der Angestellten zu Joe Exotic, der ihnen eine Art Familie und Heimat gibt, sie aber auch zu Hungerlöhnen in verdreckten Trailern leben lässt? Was unterscheidet Carole Baskins ebenso mickrige und trostlose Käfige von denen in Joes Zoo und warum gibt es auch um sie einen Personenkult, der unzählige freiwillige Helfer in ihrem Park arbeiten lässt? Und über allem die große Frage: Wie können diese Menschen behaupten, im Interesse der Großkatzen zu arbeiten, indem sie Aufmerksamkeit auf die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume richten, wenn sie die Tiere selbst lediglich als Teil einer geschäftlichen Bilanz betrachten und sie entsprechend behandeln?

Mit diesen Fragen lässt Tiger King ratlos und wütend zurück – nicht, weil die Serie etwas offenlegen würde, das nun ins Bewusstsein rückt und verändert werden könnte, sondern weil diese Fragen sich so offensichtlich aufdrängen und dann so konsequent beiseite geschoben werden. Im Zentrum bleibt immer der Titelheld, Joe Exotic, der Tiger King, für den die Serie eine bedenkliche Leidenschaft entwickelt, dessen Selbstzuschreibungen sie meist ungefragt hinnimmt und dessen gefährlicher Krieg gegen Carole Baskin und andere Tierschützer*innen zu keiner Zeit wirklich als irrsinnige Hasskampagne entlarvt wird. Zu sehr geht die Serie jeder verlockenden Gelegenheit nach, die menschlichen Dramen allzeit über die tatsächlichen Probleme jener Wirklichkeit zu stellen, die sie beobachtet und begleitet.

Natürlich ist es aufregend, in das Unfassbare abseits der alltäglichen Umwelt einzutauchen. Natürlich ergibt es ein großartiges Bild, einen Typen in Glitzerhemd mit blondiertem Vokuhila umgeben von einem Dutzend ausgewachsener Tiger zu zeigen. Natürlich ist, wie in allen erfolgreichen True Crime-Formaten der letzten Jahre, der geheimnisumwaberte Nebel des Verbotenen eine großartige Grundlage für eine packende Story. Doch die Freude am Ausgefallenen, die jedes Reality-Format in der einen oder anderen Weise antreibt, schlägt in Tiger King immer wieder in ihr Gegenteil.

Zu deutlich macht die Serie auf der einen Seite, welches enorme Leid für Tiere und Menschen aus Missständen erwächst, die es ermöglichen bedrohte Raubtiere zu einem bloßen Geschäft zu machen. Auf der anderen Seite ist die Serie selbst aber nicht in der Lage, dazu irgendeinen klaren, geschweige denn kritischen Gedanken zu fassen. Während die Episoden sich in einer unersättlichen Steigerungslogik von dramaturgischen Wendungen zu noch mehr dramaturgischen Wendungen drehen, bleibt die bittere Erkenntnis zurück, dass die Serie selbst an der von ihr ausgestellten Industrie in ihrer Begeisterungslust profitierend teilnimmt. Auch Tiger King behandelt die menschlichen (Witz-)Figuren mit größerem Respekt als die Tiere und jede Begeisterung, die sich vielleicht tatsächlich für die unvorstellbaren Charaktere und ihre Geschichten aufbringen ließe, ist nur weiterer Teil jener Industrie, die Großkatzen zu Unterhaltungszwecken missbraucht und das Leid dieser Tiere völlig außer Acht lässt.

Großkatzen und ihre Raubtiere (Dokuserie, 2020)

Diese Miniserie taucht ein in die Schattenwelt der Zucht von Raubkatzen und enthüllt die extremen Konflikte zwischen den verfeindeten Züchtergruppen.

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