Gradaus daneben

Gradaus daneben

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mia san mia

Das Bayerische Oberland ganz im Süden des Freistaates ist eine der reichsten Gegenden Deutschlands – trotz oder gerade wegen der überwiegend ländlichen Struktur, die die Region zwischen Lech und Inn zu einer beliebten Feriengegend macht. Überhaupt lässt es sich gut am Fuße der Alpen leben – bei einer im Jahre 2006 durchgeführten bundesweiten Befragung bezüglich der Zufriedenheit mit dem Wohnort landete das Oberland auf Rang 1.
Folgt man Walter Steffens Dokumentarfilm Gradaus daneben, der neun höchst unterschiedliche Menschen aus dem Oberland porträtiert, könnte das Geheimnis dieser paradiesischen Zustände aber auch an etwas ganz anderem liegen – ausgerechnet hier im tiefsten Bayern, das sonst nicht gerade als Hort der Toleranz und Weltoffenheit gilt, hat er Menschen gefunden, die jeder für sich ihren ganz speziellen Lebensstil abseits der gesellschaftlichen Norm gefunden haben.

Katja Dapous, Tochter eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter arbeitete beispielsweise als Schreinerin beim Klavierhersteller Steinway in London, lebte einige Zeit als Restaurateurin in Schottland und kehrte vor einigen Jahren nach Deutschland an den Starnberger See zurück. Dort erfuhr sie irgendwann einmal von der Tradition der Fischer des Sees, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit Einbäumen aufs Wasser hinaus zu paddeln. Prompt war die Idee geboren, einen Einbaumverleih zu eröffnen, doch das Unternehmen erwies sich dank behördlicher Hürden als harte Nuss, die sie aber mit viel Zähigkeit und Geduld überwand.

Neben ihr gibt es auch noch den „Das-Unsichtbare-Sichtbar-Macher“ Sebastian Heinzdorf, der vermutet, dass ihm die Kunst und der Zwang, immer wieder Kunst machen zu müssen, quasi in den Genen stecke. Egon Heckel hingegen hat eine ganz andere Gabe: Der gelernte Physiotherapeut ließ sich zum Heilpraktiker ausbilden und arbeitet heute zudem als Wünschelrutengänger, der seine Dienste als „Gabe von oben“ den Menschen, die seiner bedürfen, ohne Honorar und Gegenleistung zur Verfügung stellt. Außerdem sind da noch Christina Jablonski, eine Malerin, die sich das Einhorn als Symbol auserkoren hat und die zudem eine Expertin für die geheimen Kraftorte der Gegend ist und Oliver Knötig, der früher der Vorzeigepopper von Starnberg war und der heute kosmische Bilder malt und nebenbei als Immobilienmakler jobbt.

Bemerkenswert sind auch die Geschichten, die Petra Riffel vom Leben zu erzählen weiß: Die gebürtige Österreicherin hat lange Jahre als Clown gearbeitet und bringt heute Menschen in Seminaren bei, wie man durch die heilende Kraft des Humors zu sich selbst kommen und Krankheiten überwinden kann. Die Selbstheilungskräfte stehen auch bei Peter Ramadan im Mittelpunkt. Nach einer schweren Kindheit, die von täglichen Schlägen geprägt war, entdeckt er sein musikalisches und literarisches Talent und ist heute Poet, Dramatiker und Schriftsteller, der zudem als künstlerischer Leiter der 850-Jahr-Feier Münchens einiges an Erfahrungen als Impressario sammeln konnte. Und zuletzt widmet sich der Film noch Stefan und Andrea Pischetsrieder, die in einem berühmten Bauernhof im Zentrum Tutzings leben und davon träumen, eines Tages die Bürde des familiären Erbes hinter sich zu lassen und in die Welt hinauszuziehen. Unterbrochen werden die Porträts immer wieder von kurzen Szenen aus „Dr. Döblingers geschmackvollem Kasperltheater“, die in humorvollen kurzen Einschüben wie Kommentare zu dem eben Gesehenen wirken.

Natürlich zeichnet der Film schon allein aufgrund der Fülle von Personen, die er behandelt, keine allzu tiefgehenden psychologisch fundierten Charakterproträts seiner Protagonisten. Dennoch ist es erstaunlich, wie viel man in der relativ knapp bemessenen screen time doch von diesen Menschen erfährt – was vermutlich auch am guten Verhältnis liegt, das Walter Steffen im Laufe der Dreharbeiten zu ihnen aufbauen konnte.

Gradaus daneben ist ein pfiffiger und verschmitzt-heiterer Film geworden über schräge Vögel und sympathische Querköpfe, deren Lebensbejahung und Mut zur Individualität irgendwie ansteckend wirken. Schaut man ihnen zu und lauscht man ihnen, dann verfestigt sich mit der Zeit der Eindruck, dass diese Menschen tatsächlich in einem zweifachen Paradies wohnen: Zum einen in einer der schönsten Gegenden Deutschlands, zum anderen aber – und das ist noch viel wichtiger – in einem geistigen Freiraum, den sie sich selbst erobert und gegen alle Widerstände verteidigt haben.

Gradaus daneben

Das Bayerische Oberland ganz im Süden des Freistaates ist eine der reichsten Gegenden Deutschlands – trotz oder gerade wegen der überwiegend ländlichen Struktur, die die Region zwischen Lech und Inn zu einer beliebten Feriengegend macht. Überhaupt lässt es sich gut am Fuße der Alpen leben – bei einer im Jahre 2006 durchgeführten bundesweiten Befragung bezüglich der Zufriedenheit mit dem Wohnort landete das Oberland auf Rang 1.
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