Girl Gang (2022)

Log Line

Die jugendliche Leonie hat es mit Selfie-Videos in sozialen Medien zu Starruhm gebracht. Damit sie als Influencerin richtig Geld scheffelt, übernehmen ihre Eltern das Management. Der Dokumentarfilm untersucht an diesem Beispiel ein Zeitgeistphänomen zwischen schönem Schein und harter Wirklichkeit.

Girl Gang (2022)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Teen-Influencerin im Arbeitsstress

Kreischende Fans weiblichen Geschlechts drängen sich dicht an dicht in Erwartung ihres Idols. Manche fangen im Überschwang der Gefühle zu weinen an. Die Ordnungskräfte haben Mühe, die wachsende Menschenmenge im Zaum zu halten. Solche Bilder erinnern an die Beatlesmania der 1960er Jahre, nur sind die Euphorisierten von heute jünger. Mädchen im Teenie-Alter, die so zahlreich in ein Wiener Einkaufszentrum einfallen, dass die Polizei das Event abbrechen muss, jubeln der Influencerin Leonie aus Berlin zu. Die Jugendliche hat zu diesem Zeitpunkt allein auf ihrem Instagram-Profil schon rund 500000 Follower. Ihre Eltern haben beschlossen, sie hauptberuflich zu managen und dafür zu sorgen, dass sich ihre Auftritte und Social-Media-Videos in barer Münze auszahlen.

Der Dokumentarfilm der Regisseurin Susanne Regina Meures (Raving Iran) widmet sich einem Phänomen, das Menschen über 30 oft nur ungläubig staunen lässt. Teenager himmeln Stars an, die aus den eigenen Reihen erwachsen und nichts mit Popmusik oder Hollywood zu tun haben. Als 14-jähriges Mädchen postet Leonie alle paar Minuten ein kleines Video, gibt öffentlich bekannt, dass sie noch schnell Hausaufgaben macht und worauf sie sich freut. Die langhaarige Berliner Schülerin sieht gepflegt aus, stylt sich aber nicht auffällig; sie wirkt natürlich-sportlich. Es macht ihr Spaß, sich mit kleinen Instagram-Stories in Szene zu setzen und ihre eigene Regisseurin zu sein. Das unbeschwerte Freizeitvergnügen aber artet in Stress aus, nachdem ihre Eltern ins Boot steigen und ihren Terminkalender mit immer mehr Werbeaufträgen füllen.

Meures beleuchtet in diesem Porträt der jungen Influencerin und ihrer Familie mehrere Problemfelder. Zum einen geht es um das Massenphänomen der permanenten Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Am Anfang des Films erzählt eine weibliche Stimme aus dem Off ein Märchen, das an Schneewittchen erinnert. Darin wird einem Mädchen ein kleiner schwarzer Spiegel geschenkt. Leonie setzt sich als Leoo vor ihrem Handy in Szene, und schon bald wird die Zahl ihrer regelmäßigen Betrachter*innen auf Instagram auf über eine Million anwachsen. Die 13-jährige Melanie gehört zu ihnen, ein einsames Mädchen, das findet: „Leoos Leben ist einfach perfekt!“ Melanie gründet eine Fanseite und fiebert dem Tag entgegen, an dem es ihr gelingen wird, ihr Idol videotauglich für ein paar Sekunden persönlich zu begrüßen. Zunächst mutet Melanie, die nach eigenen Angaben 12 Stunden am Tag in den sozialen Medien verbringt, wie das traurig abschreckende Klischee eines Fans an, der völlig im Schatten steht und sich ausschließlich über das Idol definiert. Aber sie wird zu erstaunlichen Erkenntnissen kommen.

Meures befasst sich zudem mit dem Geldregen, der auf jene Influencer*innen herabfällt, die fleißig Kosmetik, Fastfood, Schuhe und sonstige Produkte anpreisen. Eingeblendete Texte berichten über Befragungsergebnisse, denen zufolge sich über 90 Prozent der Teenager von Influencern zum Kauf eines bestimmten Produkts motivieren ließen. Für einen Beitrag in den sozialen Medien, der nicht wie professionell eingespielte Werbung aussieht, können Influencer*innen locker 15000 Euro bekommen, wie es im Film heißt. Leonies Vater Andy meint: „Wir wären ja wirklich blöd, wenn wir Aufträge ablehnen würden, wenn dafür Geld gezahlt wird.“

Das dritte Problemfeld dieser Geschichte ist der Konflikt zwischen der pubertierenden Leonie und ihren Eltern. Die Eltern ermahnen die Tochter, den straffen Tages- und Wochenplan voller Abgabetermine, Fotoshootings und Auftritte durchzuziehen. Leonies einst so vergnügliche Aktivität hört sich immer mehr nach Hausaufgaben an. Die Stimmung zu Hause ist oft gereizt. Die Eltern versuchen, der Tochter die schlimmsten negativen Kommentare vorzuenthalten, die sie wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit von manchen enttäuschten oder neidischen Followern erntet. Im heimischen Garten steht irgendwann ein Pool.

Der Dokumentarfilm beobachtet das Geschehen zuweilen mit dezentem Humor und stets offen genug, um nicht den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Warum sollten Teenie-Influencer*innen und ihre Familie nicht die finanzielle Chance nutzen, die ihnen der Zeitgeist quasi auf dem Tablett serviert? Jugendliche, die ebenfalls von einer Influencer-Karriere träumen, bekommen in diesem Film aber auch demonstriert, dass Leonies scheinbar perfekter Alltag verdächtig nach Arbeit aussieht.

Girl Gang (2022)

Die 14-jährige Leonie aus dem Osten Berlins erobert als Teen-Influencerin die Welt. Millionen von Followern liegen ihr zu Füßen, Firmen überhäufen sie mit ihren Produkten. Als Leonies Eltern das enorme wirtschaftliche Potenzial in ihrer Tochter erkennen, übernehmen sie kurzentschlossen ihr Management. Leonie soll ein besseres Leben haben, als sie es selbst hatten. Doch Leonies permanente Selbstbespiegelung und der gnadenlose Druck des Marktes fordern einen hohen Preis.

 
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Weitere Filme mit