Giraffe (2019)

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Ein Tunnelbauprojekt verbindet Menschen unterschiedlicher Nationen. In ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm erzählt Anna Sofie Hartmann von Zufallsbekanntschaften und davon, das Gestern im Morgen zu bewahren.

Giraffe (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Das geheime Leben der Orte

Um von der deutschen Insel Fehmarn auf die dänische Insel Lolland zu gelangen, benötigt die Fährverbindung 45 Minuten. Künftig könnte sich die Reisezeit auf weniger als 10 Minuten verringern, sollte der geplante Tunnel unter dem Fehmarnbelt auch von deutscher Seite aus genehmigt werden. In Dänemark haben die Vorbereitungen für das Megaprojekt bereits begonnen. Die Filmemacherin Anna Sofie Hartmann hat rund um die Begleiterscheinungen dieses gewaltigen Vorhabens die Geschichte ihres zweiten Spielfilms gebaut. Ein vielstimmiges Drama über Orte und die Menschen, die sie bewohnen.

Im Zentrum steht die Ethnologin Dara (Lisa Loven Kongsli). Weitab ihres Berliner Lebensmittelpunkts dokumentiert sie in ihrer alten dänischen Heimat die zum Abriss bestimmten Häuser. Sie fotografiert, notiert und hält das in Bälde Vergangene in Interviews fest. Nach Generationen am selben Ort müssen die Anrainer dem Bauprojekt weichen. Jenny Lou Ziegels Kamera erschließt sich die Wohnräume und Gärten mit langsamen Schwenks. Nach und nach blickt sich auch der Film um.

Zunächst ist da der polnische Bauarbeiter Lucek (Jakub Gierszal), später kommt die deutsche Fährenangestellte Käthe (Maren Eggert) hinzu. Durch flüchtige Blicke eingeführt und wieder aus den Augen verloren, greift der Film ihre Geschichten zu einem nachfolgenden Zeitpunkt wieder auf. Ihre Wege kreuzen sich, mal bewusst, mal unbemerkt. Und zwischen Dara und Lucek entwickelt sich einen heißen Sommer lang eine Affäre.

Sie ist 38, er 24. Für beide ist das kein Problem. Dass Dara einen Lebensgefährten in Berlin hat, schon eher. Während eines Wochenendes in der deutschen Hauptstadt sieht sich Dara ein Theaterstück an, das ihre Situation spiegelt. Und auch in ihrer Arbeit in Dänemark tut sich unerwartet eine Parallele auf. Dort spürt Dara der letzten Bewohnerin eines lange verlassenen Hofs nach, Agnes Sørensen. In den von ihr zurückgelassenen Tagebüchern erkennt sich Dara wieder. Auch Agnes stand zwischen zwei Männern.

Anna Sofie Hartmann ist in Dänemark geboren und hat ihr ganzes Erwachsenenleben in Berlin verbracht. Nach Limbo (2014), ihrem Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), hat sie erneut auf ihrer Heimatinsel Lolland gedreht. Abermals rückt sie Begegnungen in den Fokus, die durch einen Arbeitsplatz entstehen. In Limbo brachte die ortsansässige Zuckerfabrik Menschen unterschiedlicher Nationen zusammen, in Giraffe ist es der geplante Tunnelbau.

Was Hartmanns Drama von ganz gewöhnlichen unterscheidet, ist eine Form, die das Erzählte in einer nie ganz greifbaren Schwebe hält. Die Anwohner und Interviews sind echt. Die polnischen Bauarbeiter rund um Jakub Gierszal, der Lucek gibt, sind es ebenso. In Kombination mit den gespielten Szenen und Agnes‘ Tagebucheinträgen, die Daras Stimme zu ruhigen Einstellungen der Hinterlassenschaften aus dem Off vorträgt, ergibt sich eine merkwürdige Mischung aus Dokumentation, Fiktion und Reflexion.

Hartmann erzählt von Heimat und Arbeitsmigration, von Globalisierung, Mobilität und Kommunikation und von der Erinnerungsfähigkeit von Orten. Ihre Figuren sind Wandler zwischen verschiedenen Welten, mal aus der Not geboren, mal, weil sie es sich leisten können. Sie begegnen sich, schaffen gemeinsame Erinnerungen und gehen wieder auseinander. Was bleibt am Ende von ihnen und den Orten, die sie bewohnten? Mehr als die Dokumentation einer Ethnologin, irgendwo in einem Archiv in einer kleinen Schachtel abgestellt?

Giraffe ist ein nachdenklicher Film über den Fortschritt, darüber, was durch ihn gewonnen wird und was verloren geht. Wie schon in ihrem Debüt findet das Nachdenken mehr auf der Ebene des Zusehens als des Erzählens statt, weil sich Hartmanns Figuren nicht recht in ihre Köpfe blicken lassen. Ein möglicher Gedanke wäre folgender: Wie wird sich unser Reisen verändern, wenn wir künftig nicht mehr an der Reling einer Fähre stehen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen, sondern in unseren Autos durch einen Tunnel fahren? Jeder für sich, geschützt, fein säuberlich voneinander geschieden?

Giraffe (2019)

Ein Tunnel, der Dänemark und Deutschland verbindet, wird gebaut − die Gegenwart rollt auf die Zukunft zu. Menschen treffen sich und trennen sich wieder.

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