Gipsy Queen (2019)

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Verstoßen von ihrer osteuropäischen Roma-Gemeinde und dem Vater, versucht eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder ihr Glück in Deutschland. Geplagt von sozialer Benachteiligung und täglicher Existenznot, steigt sie im Boxkeller einer Hamburger Kneipe in den Ring. Der Sport war einmal ihr Revier.

Gipsy Queen (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Mit dem Kampfgeist einer Mutter

Ali (Alina Şerban) hat gerade ihr zweites Kind geboren. Ohne Mann kehrt sie zum Vater in ihr rumänisches Roma-Dorf zurück, doch dieser stößt sie buchstäblich weg. Einst war sie sein ganzer Stolz, seine „Roma-Königin“, er brachte ihr das Boxen bei und sie kam darin weit, weit nach oben. Aber das mit dem Kinderkriegen war in Vaters Plan nicht vorgesehen.

Ali zieht also kurzerhand nach Deutschland. Eine einführende Montage zeigt die entbehrungsreichen Stationen in Form von Zeichnungen, etwa die Arbeit als Erntehelferin, sogar das Betteln auf der Straße. Einige Jahre vergehen, Ali lebt in Hamburg und arbeitet als Putzfrau. Ihren Kindern hat sie ein Dach über dem Kopf besorgt, indem sie mit der deutschen Tänzerin Mary (Irina Kurbanova), welche als Mieterin fungiert, eine WG gegründet hat.

Die ständige Geldknappheit, die Sorge um den nächsten Tagelöhnerjob setzen Ali zu. Sie kommt zum Putzen in den Hamburger Club Zur Ritze auf St. Pauli, in dessen Keller geboxt wird. Eines Tages drischt Ali auf den Boxsack ein und wird wiederentdeckt, vom Clubbesitzer Tanne (Tobias Moretti), der selbst mal Boxer war und seine verlorenen Träume gerne in Alkohol ertränkt. Als Ali zu trainieren anfängt, sind 45 Filmminuten vergangen. Einen typischen Boxfilm, in dem der Sport im Mittelpunkt steht oder die Beziehung zwischen Sportler*in und Trainer, hatte der deutschtürkische Regisseur und Drehbuchautor Hüseyin Tabak (Deine Schönheit ist nichts wert) mit diesem Drama also nicht im Sinn.

Tabak, der an der Filmakademie Wien studiert hat, ließ sich zu der starken Frauenfigur Ali von seiner Mutter inspirieren. Sie kam, wie er im Presseheft erzählt, als Kind aus der Türkei nach Deutschland, brachte sich selbst Lesen und Schreiben auf Deutsch bei, arbeitete hart und gründete eine eigene Firma. Für die Ausbildung ihrer Kinder, erinnert sich der Regisseur, habe sie stets „wie eine Löwin gekämpft“. Auch Ali, die eine liebende Mutter ist, muss um ihre Kinder kämpfen, die wegen einer Verkettung widriger Umstände – die migrantische Benachteiligung, der Konflikt mit der aufbegehrenden Tochter – plötzlich in einer Pflegefamilie landen.

Es ist also ganz schön viel, was der Regisseur in dieses Drama über eine boxende soziale Außenseiterin hineinpackt. Kann das funktionieren? Die Antwort fällt positiv aus, wenn Tabak mit wenigen Strichen die einzelnen Milieus und Situationen skizziert. Das gilt beispielsweise für die urige Kiezkneipe oder Alis Angst, den Kindern die gesellschaftliche Integration materiell nicht sichern zu können.

Negativ aber fällt die Antwort aus, wenn es darum geht, all die einzelnen Themen und Konfliktfelder miteinander zu verbinden und sie glaubwürdigen Personen einzuverleiben. Das fängt schon damit an, dass Ali viel zu sehr die gute, ja die Über-Mutter geben muss und als Persönlichkeit von dieser Rolle schier erdrückt wird. Gut, da deuten sich auch eine wilde Gipsy-Seite, die Unangepasstheit, das Feuer, die Wut an, nur: Was genau mag Ali eigentlich am Boxen? Tabak muss dennoch zugute gehalten werden, dass er sich bei vielen Themen ersichtlich um einen authentischen Eindruck bemüht. So hat er die Hauptrolle mit der Romni Alina Şerban besetzt und lässt sie neben Rumänisch und Deutsch auch einen Romanes-Dialekt sprechen.

Aber Alis Traum ist im Grunde ja längst nicht mehr der Sport, der vielleicht auch, wie es sparsame, kurze Rückblenden und Tagträume andeuten, zumindest anfangs der Liebe zum Vater geschuldet war. Sondern ihr wichtigster Traum ist gesellschaftliche Anpassung um der Kinder willen, was sie mit einer Haltung unauffälligen Funktionierens gleichsetzt. Aus eigener Unsicherheit heraus treibt sie ihre zwölfjährige Tochter Esmeralda (Sarah Carcamo Vallejos) rigide an, mehr zu lernen und in Deutsch bessere Noten zu schreiben. Doch Esme hat ihre eigenen Probleme mit Mobbing und Ausgrenzung, wünscht sich schöne Kleidung, ihre zeichnerische Begabung erfährt zu wenig Beachtung. Der Konflikt zwischen Ali und Esme entwickelt sich zum eigentlichen Herzstück des Dramas, so intensiv wie er geschildert, so gut wie er gespielt wird.

Tobias Moretti gibt ebenfalls eine kraftvolle Vorstellung als Kiez-Charakter Tanne. Dieser ist ein Macho und Rüpel, hat aber ein weiches und großes Herz, wenn es um seinen neuen Schützling Ali geht. Nur, für die Beziehung dieser beiden Charaktere gibt es keinen echten Wachstumsraum. Da kreuzt Tanne beispielsweise einmal bei Ali zuhause auf und sie lädt ihn ganz selbstverständlich zum Essen ein. Das zwischenmenschliche Überwinden von Milieugräben beschränkt sich auf Tannes Irritation angesichts der Kinder und der zweiten Frau in der Wohnung. Vielleicht wollte er sich ja Ali angeln, aber seine Motive bleiben unklar, der Abend mündet in verhuschte Nettigkeit.

Ein relativ pflichtschuldig wirkendes Boxtraining gibt es dann auch, mit zum Glück nur mageren Anspielungen an Rocky und Million Dollar Baby. Eher aus den Ausführungen im Presseheft als aus dem Film selbst wird ersichtlich, dass das Boxen auch mit Alis Emanzipation vom sozialen Anpassungsdruck in Verbindung steht. Es erlaubt ihr eine innere Versöhnung mit der Vaterfigur und den eigenen Wurzeln, symbolisiert seine und ihre Selbstbehauptung als Roma, die in der von Weißen dominierten Gesellschaft wenig zu sagen haben. Ob ihr das Boxen auch einen Weg eröffnet, sich nicht mehr nur als Mutter zu begreifen, bleibt pure Spekulation. Denn Tabak will ja gerade einer kämpferischen Mutterfigur huldigen.

Atmosphärisches wird mit kräftigem Pinselstrich gezeichnet und kann dabei als prägnant überzeugen, manchmal aber auch zum Sozialkitsch tendieren. Es fehlt nicht an wehmütiger Gipsy Music und auch deutscher Rap ist eindrucksvoll vertreten. Ali aber wirkt, wenn sie dann recht schnell gegen eine Weltmeisterin antreten soll, wie in den Ring beordert. Der Film rettet sich aus dem prekären Szenario auf eigenwillige Weise in Traumgefilde und dann ist die Zeit auch schon um. Sollte der Regisseur mal um neue Filmstoffe verlegen sein, könnte er aus dem Steinbruch, den dieses Werk ergibt, noch viele einzelne abendfüllende Geschichten herausschlagen und ausformen.

Gipsy Queen (2019)

Ein junge Frau boxt um ihr Leben: In dem eindringlichen Sozialdrama wird die Hamburger Kultkneipe »Ritze« zur Arena eines Neuanfangs. Ali (Alina Serban) hat das Herz einer Löwin. Mit eisernem Willen bringt die Ex-Boxerin und alleinerziehende Mutter sich und ihre beiden Kinder mit einem Putzjob in der »Ritze« über die Runden. Ali ist erst vor kurzem nach Hamburg gekommen. Sie wurde von ihrem Vater aus ihrem rumänischen Roma-Dorf verstoßen, nachdem sie unverheiratet schwanger geworden war. Der Schmerz darüber sitzt tief. Als sie eines Tages ihren Gefühlen an einem Boxsack freien Lauf lässt, erkennt Tanne (Tobias Moretti), der Besitzer der Ritze, sofort ihr Talent und nimmt sie unter seine Fittiche. Doch für die Rückkehr in den Ring zahlt Ali einen hohen Preis.

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