François Ozon - The Short Films Collection (2017)

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In den Werkschauen großer Regisseur*innen werden Kurzfilme gern übersehen. Was François Ozon von 1994 bis 2006 auf der Kurzstrecke ablieferte, versammelt eine DVD. Wie von seinen Langfilmen gewohnt, ist auch das hier Gefundene eine wahre Wundertüte.

François Ozon - The Short Films Collection (2017)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Kurzstrecken-Wundertüte

Ob François Ozons Werk der Filmgeschichtsschreibung standhalten oder als Kuriosum in einer Fußnote enden wird, wird sich erst noch zeigen. Eines ist aber jetzt schon sicher: Beim 1967 in Paris geborenen Regisseur und Drehbuchautor gibt es keine Gewissheiten. Ozon wechselt wild zwischen den Genres und Stilmitteln. Eine Konstante scheinen außergewöhnliche Beziehungen zu sein – egal ob hetero, homo oder sonst wie. Und dann ist da noch die Begierde, bei Ozon oft eine unheilschwangere Verschränkung von Lust und Verlust. Vieles davon findet sich bereits in seinen Kurzfilmen.

Die DVD aus dem Hause cmv Laservision ist nicht neu, das Berliner Label legt sie aber als cmv Classics noch einmal neu auf. Wichtig ist das schon deshalb, weil der Kunstform Kurzfilm im Allgemeinen und in Deutschland im Speziellen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die hier versammelten Arbeiten stammen aus der Phase kurz vor und kurz nach Ozons Durchbruch mit seinem Langfilmdebüt Sitcom (1998) und werden vom 2006 entstandenen, knapp 30-minütigen Kammerspiel Un lever de rideau ergänzt. Das stärkste Werk Besuch am Meer (1997), das Ozon nachhaltig in der Filmlandschaft verortete, ist streng genommen gar kein Kurz-, sondern ein mittellanger Film.

Darin trifft die frischgebackene Mutter Sasha (Sasha Hails) im Ferienhaus ihres in Paris weilenden Mannes auf die Landstreicherin Tatiana (Marina de Van), die im Garten für ein paar Tage ihr Zelt aufschlägt. Die Spannung zwischen den zwei Frauen ist förmlich zu greifen. Hier die gefrustete Ehefrau, die sich nach Abwechslung und Nähe sehnt und dabei alle Warnsignale übersieht. Dort die geheimnisvolle Herumtreiberin, die nie länger als ein paar Tage an einem Ort bleiben kann und durch ihr sprunghaftes, schwer vorhersehbares Verhalten keine Nähe zulässt.

Ozons Geschichte funkelt dunkel, weil er seine Figuren nie bis ins letzte Detail durchdekliniert, sondern ihnen gerade genug Leerstellen lässt. Das Begehren der zwei Frauen ist ganz unterschiedlich geartet und hat doch jeweils verhängnisvolle Konsequenzen. Schon hier ist der Preis dafür an Verlust geknüpft. Und schon in diesem ersten Aufgalopp zu seinen folgenden Langfilmen findet Ozon zu einer poetischen Formensprache. Wenn Sasha ihr Kind am Strand allein zurücklässt und sich für den schnellen Lustgewinn ins Dickicht stiehlt, verschmelzen in Kadrage und Montage Form und Inhalt. Dann findet Ozon für Sinnesfreuden gleichsam sinnliche wie innovative Bilder, die er später, etwa in Unter dem Sand (2000), zur Perfektion bringen wird.

Formal verspielt und einfallsreich kommt schon der drei Jahre früher entstandene Action vérité (1994) daher, in dem Ozon seine vier jugendlichen Protagonist*innen, zwei Mädchen und zwei Jungen, Wahrheit oder Pflicht spielen lässt. Die niedrige Qualität seines Filmmaterials gleicht er durch Einstellungen aus, die nah an die Figuren heranrücken und keinen Überblick gewähren. Die Qualität liegt in Ozons Kreativität. In der intimen Nahaufnahme ist Schönheit relativ.

Scènes de lit (1998), eine Serie von sieben Paargesprächen, kann die Hässlichkeit seines Materials hingegen nicht kaschieren. Und weil diese kurzen Blicke in die Schlafzimmer, zum Teil auf schlechten Witzen basieren, nicht mehr als halbherzige, schnell aufs Papier geworfene Skizzen bleiben, bilden sie den Tiefpunkt dieser abwechslungsreichen Zusammenstellung.

Nicht mehr als Fingerübungen bleiben auch X2000 (1998) und Un lever de rideau (2006). Während sich in erstgenannter Geschichte die Wege eines nackten Mannes (Bruno Slagmulder) und einer nackten Frau (Denise Aron-Schropfer) am Morgen nach einer Silvesterparty zur Jahrtausendwende in einer spärlich möblierten Wohnung kreuzen, tigert in letztgenannter der junge Bruno (Louis Garrel), auf seine Freundin Rosette (Vahina Giocante) wartend, nervös in seiner Wohnung auf und ab. Schön anzuschauen sind beide Kammerspiele. Dem ersten fehlt aber eine gelungene Pointe, das zweite scheitert an der Übertragung der Vorlage – Henry de Montherlants Einakter Un incompris (1943) – in die filmische Gegenwart.

Deutlich elaborierter sind die Kurzfilme Der kleine Tod (1995) und Sommerkleid (1996), die – jeder auf seine Art – wie Prototypen späterer längerer Dramen wirken. Die bei Ozon so häufig wiederkehrenden Themen und Motive Liebe, Sexualität, Tod und Natur – in Sommerkleid sind es der Strand und das Meer – tauchen bereits hier auf und werden, wiederum ganz typisch für diesen Filmemacher, verschränkt und verdoppelt. Ozons Figuren zeigen, dass Emotionen fließend, schwer zu kontrollieren, nicht immer zu erklären, vor allem aber menschlich sind. Bei ihm gerät das, was allzu vorschnell als abnorm geächtet wird, zu etwas völlig Normalem.

Wie jede Kollektion hat auch diese ihre Stärken und Schwächen, ist aber essenziell, um sich einen Überblick über das Gesamtwerk zu verschaffen. Es bleibt zu hoffen, dass auch Ozons von 1988 bis 1994 gedrehte Kurzfilme hierzulande einmal zugänglich gemacht werden. In der Zwischenzeit kann man getrost zu dieser DVD greifen, um Wissenslücken zu schließen.

François Ozon - The Short Films Collection (2017)

Der französische Filmemacher Francois Ozon (8 Frauen, Unter dem Sand, Swimming Pool) gilt als einer der bedeutendsten Regisseure unserer Zeit. Begierde ist der Motor meiner Arbeit sagte er einmal, und in der Tat sind Begierde und Sex, hetero- wie homosexuell, die Triebfedern seiner Arbeiten. Schon früh zeigte sich seine Könnerschaft im oft wenig beachteten Kurzfilm. Die hier vorgestellten Kurzfilme bestechen durch Stil und Leidenschaft, und sind von ungebrochener Frische. In REGARDE LA MER lässt die allein erziehende Sasha die umherreisende Tatiana ihr Zelt neben dem Haus aufschlagen. Zwischen den beiden entsteht ein spannendes, psychologisches Minenfeld. In ACTION VÉRITÉ spielen vier Teenager Wahrheit oder Pflicht mit erstaunlich sexuellen Untertönen. Der junge schwule Fotograf Paul eilt in LA PETITE MORT ans Sterbebett seines Vaters und muss feststellen, dass er nie seiner Herkunft wird entrinnen können. Luc und Sebastian sind ein Paar in UNE ROBE D’ÉTÉ. Luc trifft am Strand Lucia und erweitert mit ihr seine Erfahrungen. SCÈNE DE LIT sind sieben kleine Bettgeschichten voller sexueller Etikette, hemmungsloser Leidenschaft und postkoitalem Verhalten. X2000 zeigt, wie man sich fühlt, wenn man am Neujahrsmorgen in einem leeren Apartment voll mit Partymüll und Leuten aufwacht, die man nicht kennt. Und in UN LEVER DE RIDEAU macht Bruno seinem Freund Pierre klar, dass er sich von seiner Freundin Rosette trennen wird, wenn sie wieder mehr als 45 Minuten zu spät kommt.

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