France (2021)

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Bissige Mediensatire trifft kitschiges Melodram und kreuzt sich mit einem dramatischen Liebesfilm. Diese Mischung verdichtet Regisseur Bruno Dumont zu einem kunstvoll-komplexen Tableau unserer Gegenwart. Mit schrägem Witz stößt er mitten ins Herz unserer narzisstischen medialen Öffentlichkeit.

France (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Die Wahrheit der Tränen     

Der Regisseur Bruno Dumont gehört zweifellos zu den vielseitigsten Filmemachern der Gegenwart. In niederschmetternd pessimistischen Dramen wie „Das Leben Jesu“ und  „L’Humanité“ hat er am Anfang seiner Karriere die Abgründe der menschlichen Leere in einer strengen formalen Form auf Grund laufen lassen. Mit seiner überdrehten Arte-Serie „KindKind“ und der Slapstick-Groteske „Die feine Gesellschaft“ begann der Franzose dann lustvoll mit den Konventionen unterschiedlichster Genres zu spielen. Alles wurde bunter, lauter und seltsam grotesk überzeichnet. Auf den Musicalfilm über die Kindheit von Jeanne D’Arc „Jeannette“ folgt nun mit „France“ der nächste überraschende Haken im Schaffen des Franzosen. 

In diesem Film erzählt er die Geschichte der Star-Journalistin France de Meurs (Léa Seydoux). Sie ist das prägende Gesicht eines beliebten Fernsehsenders. Das Publikum liebt sie. Die Mächtigen hängen an ihren Lippen. Jedes Wort, jede Geste ist wohlüberlegt und mit ihrer Assistentin Lou (Blanche Gardin) einstudiert. In der Welt von France gibt es nur ein Zentrum – und das ist sie selbst. In ihren geschickt konstruierten Kriegs-Reportagen, dient das Leid der Bevölkerung lediglich als Hintergrund für eine narzisstische Show.  

Als France eines Tages einen jungen Migranten vom Roller fährt, beginnt diese perfekte Welt erste Risse zu bekommen; die Starjournalistin schlittert in eine Sinnkrise. Dabei ist der Vorfall eigentlich nicht der Rede wert. Ein verdrehtes Knie und eine längere Krankschreibung, mehr ist dem etwas einfältigen Baptiste (Jawad Zemmar) nicht passiert. France aber macht sich schwere Vorwürfe. Von der Presse wird sie an den Pranger gestellt. Und plötzlich ist da diese unerträgliche Traurigkeit, die nicht mehr so einfach weggeht. 

Es ist sind vor allem die kleinen Störungen des Alltags, die France aus der Bahn werfen. Darin liegt die brutale Dialektik dieses Films. Während sie in ihrem Berufsalltag ohne jegliche Gewissensbisse militärische Konflikte zur Bühne ihrer TV-Persona macht, führt dieser nichtige kleine Unfall zu einem vollkommenen Nervenzusammenbruch. Es scheint, als seien die Manipulationen und hyperrealistischen Verzerrungen der Wirklichkeit nur unter großer Kraftanstrengung zu ertragen. Denn schließlich muss die Darstellung für andere immerzu aufrechterhalten werden. Folglich scheint dann in den unscheinbaren Unwägbarkeiten des Tages, im kurzen Kontrollverlust, jene Vergänglichkeit auf, die sonst so erfolgreich verdrängt wird. 

France ist jedoch alles andere als eine bloße Mediensatire. Dumont spiegelt seine satirischen Ebenen in einem hochgradig stilisierten Melodram. France geht nicht einfach unter. Nein, sie leidet theatralisch. Sie stellt sich unseren Blicken dar und bricht völlig unvermittelt in Tränen aus. Doch im Grunde stimmt das natürlich nicht: Es ist Dumont, der diese Figur für uns inszeniert und weinen lässt. Und auch diese filmische Illusion wird gnadenlos offen gelegt. Es ist schon ein Wunder, dass die Erzählung unter der Last der andauernden Selbstreflexion nicht kollabiert.   

Die Tränen aber, da waren wir stehen geblieben. Kommen wir zurück zu den Tränen. Die spielen in der Tat eine zentrale Rolle in diesem Film. Oftmals sind ihre Gründe völlig belanglos. Sie brechen einfach hervor. Dann wiederum setzt France ihre Emotionen als dramaturgisches Mittel in ihren Reportagen ein. Dieses Spiel treibt Dumont so weit, bis wir Zuschauer_Innen die wahre Ergriffenheit nicht mehr von den inszenierten Tränen unterscheiden können: Können Tränen denn Lügen sein? 

Mit solchen Zonen der Ununterscheidbarkeit wird in France bis in den Liebesfilm hinein gespielt, in den sich der Film am Ende auch noch verwandelt. Aus einem infamen Schauspiel heraus entstehen echte Gefühle, Verletzungen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Dumont geht es also darum, ob nicht jede Inszenierung immer auch eine Wahrheit produziert. Die Frage ist nur, ob sich der Preis lohnt, den wir dafür zahlen müssen? 

Da France auch als Personifikation von ganz Frankreich gelesen werden kann – bereits im ersten Bild weht die Nationalflagge und markiert diese politische Dimension deutlich –  erhält die Krise von France de Meurs ganz anderes Gewicht: France ist dann ein Film über die Suche eines Landes nach der eigenen Identität; die reflexive Krise einer Nation. Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Brillant ist dieser komplexe und dabei immer leichtfüßig unterhaltsame Film so oder so. Darauf gebe ich Ihnen eine Träne von mir.

France (2021)

Das neue Werk von Bruno Dumont erzählt vom Absturz einer berühmten TV-Moderatorin, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hervorgerufen wird und zeichnet auf diese Weise ein Zeitbild des gegenwärtigen Frankreich.

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