Flamenco Mi Vida

Flamenco Mi Vida

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Reise auf den Spuren des Flamenco

Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Filmemachers Peter Sempel: Seit 1981 ist der in Hamburg geborene und im australischen Outback aufgewachsene Regisseur und Fotograf bereits in Sachen Musik unterwegs. Und es war die rohe Energie des Punk, die ihn auch zum Film brachte. Es entstanden Filme über die Einstürzenden Neubauten, die frühen Toten Hosen, über Bands wie Birthday Party, DAF Abwärts, die U.K.Subs, Geisterfahrer, später folgten Filme über Nina Hagen (Punk & Glory), über Kazuo Ohno, den „Vater des Butoh-Tanzes“ und über Lemmy Kilmister, den Kopf der legendären Heavy-Band Motörhead. Mit Flamenco Mi vida legt Sempel seinen neuen Film vor, und wer glaubt, das verhältnismäßig „normale“ Thema bedinge auch einen glatteren Stil und eine größere Zugänglichkeit, der sieht sich getäuscht. Es gibt eben Dinge, die ändern sich – zum Glück – nie.
Denn Flamenco Mi Vida ist eine Mischung aus Dokumentation und Roadmovie, eine Collage aus Musik, Menschen und Leidenschaften, die sich einen Teufel um Chronologien und Gelehrtes schert, sondern allein dem eigenen Gefühl folgend einen oftmals chaotischen, aber immer faszinierenden Blick auf eine Musik, eine Lebensform wirft, von der wir alles zu wissen glauben. Dabei findet Sempel auf seinen Reisen nach Andalusien, Indien und Japan immer wieder Gesprächspartner, die den Flamenco leben: El Pele und der Tänzer Juan Carlos Lérida, Eva Yerbabuena und José Valencia, Soraya Clavijo, Andrés Marin sowie Diego de Morón und Matilde Coral. Und mancher Gast ist eine echte Überraschung: So erwartet man Dieter Meier, den Schweizer Multimediakünstler Musiker und Gründer der Popformation Yello nicht unbedingt in diesem Film. Doch Meier erweist sich als profunder Kenner der Materie, als musikalischer Archäologe, der Verbindungslinien offen legt.

Überhaupt verfällt Peter Sempels dokumentarischer Roadmovie niemals in die Klischees, sondern zeigt die ursprüngliche Seite des Flamencos und seiner Quellen und Seitenarme. So kommt es zu verblüffenden Begegnungen, wenn etwa eine indische Tänzerin zusammen mit einer Flamencotänzerin auf einer Bühne steht und sich beim gemeinsamen Tanz zeigt, dass die Bewegungen perfekt miteinander harmonieren, weil sie eben über gleiche kulturelle Wurzeln verfügen. Das Bindeglied sind die Gitanos, die Nachfahren der Zigeuner, die ihre Ursprünge in Indien haben. Sie sind gewissermaßen das Trägermedium, dass die Musik der alten Heimat bis nach Spanien brachte und es dort mit Elementen der arabischen und iberischen Folklore vermischte.

Doch Sempel belässt es nicht bei einer klugen Geschichtsstunde, sein Film zielt eher auf den Bauch als auf den Kopf: Chaotische Sprünge, Verknüpfungen, die eher dem assoziativen als dem logischen Prinzip folgen, versponnene Details, die bei Flamencomusikern nur die im Rhythmus wippenden Füße zeigen, dann wieder der Blick aus dem Fenster eines schmutzigen Wohnsilos irgendwo in Andalusien auf einen tristen Innenhof, auf dem zwei kleine Jungs Fußball spielen – das sind die Bilder, die Flamenco Mi Vida prägen. Ebenso das junge Mädchen, das Flamenco tanzt wie eine Große, und der das Gefühl der Leidenschaft und der Sehnsucht, der abgrundtiefen Traurigkeit alles Kindliche aus dem Gesicht gewischt hat, so dass sie beinahe wirkt wie eine Fratze

Eine andere Begegnung der unheimlichen Art ist eine Ton-Bild-Paarung, die man ebenfalls nicht unbedingt erwartet: Da untermalen die Einstürzenden Neubauten mit ihrem typischen Sound und einem Song namens „Sehnsucht“ den Auftritt des Tänzers Andrés Martin – eine Kombination, die nur auf den ersten Blick verstörend wirkt. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an Sempels unorthodoxe Weise des Dekonstruierens und Collagierens und erkennt gerade durch seine ungewöhnlichen Verknüpfungen, dass viele Bilder, die wir vom Flamenco kennen, nichts anderes sind als Mystifizierungen, die mit dem wirklichen Leben nicht viel zu tun haben.

Immer wieder hört man während des Films die Beteuerungen, die dem Film seinen Titel gaben „Flamenco es mi vida – Flamenco ist mein Leben.“ Was sich zunächst anhört wie eine hohle Phrase, die bedenkenlos dahergesagt wird, bekommt in diesem Werk und durch die Kraft und die Leidenschaft der Protagonisten aber eine Wucht und Glaubwürdigkeit, die beeindruckt. Und genau das, so kann man vermuten, wollte Peter Sempel mit seinem Film erreichen. Er hat es geschafft.

Flamenco Mi Vida

Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Filmemachers Peter Sempel: Seit 1981 ist der in Hamburg geborene und im australischen Outback aufgewachsene Regisseur und Fotograf bereits in Sachen Musik unterwegs.
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Meinungen
@Monika Szanto · 12.06.2008

Fragen Sie doch am besten mal beim Verleih nach, derzeit sind keine Termine für Dresden bekannt info@flamencomivida.de

Szanto Monika · 12.06.2008

kann mir jemand sagen,wann dieser Film nach Dresden kommt. Deutschlandstart war der 29.05.08.Bis heute ist er hier nicht angelaufen.Vielleicht weiß es jemand von Euch. Danke im Voraus und freundliche Grüße M. Szanto

Mi Vida · 23.05.2008

Hört sich interessant an.
Werd ich mir auf jeden Fall ansehen.

Kommentare

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