Everything Everywhere All at Once (2022)

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„Everything Everywhere All at Once“ ist ein hochenergetisches, wahnwitziges Action-Spektakel mit einer anrührenden Botschaft.

Everything Everywhere All at Once (2022)

Eine Filmkritik von Dobrila Kontić

Im Schleudergang des Multiversums

Spielte sich der Verlauf des eigenen Lebens in einem Waschgang ab, befände sich Evelyn Wang (Michelle Yeoh) vermutlich gerade im Schleudergang: Die Arbeit im gemeinsam mit ihrem Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) betriebenen Waschsalon wächst ihr über den Kopf, noch dazu muss sie sich um ihren schwerkranken Vater (James Hong) kümmern, der vor Kurzem aus China angereist ist, und zu allem Überfluss steht ihr eine existenzgefährdende Steuerprüfung bevor. Evelyn hetzt durch ihr Leben, kaum fähig, seinen Wert anzuerkennen oder sich einfühlsam der Beziehung zu ihrem Ehemann oder ihrer erwachsenen Tochter Joy (Stephanie Hsu) zu widmen. Letztere ist lesbisch und will ihrem Großvater ihre Partnerin Becky als ebensolche vorstellen – was Evelyn nicht zulassen will. Währenddessen ahnt sie noch nichts davon, dass Waymond so unglücklich in ihrer Ehe ist, dass er eine Scheidung erwägt.

Noch bevor sich Everything Everywhere All at Once zum Action-Spektakel entwickelt, enthält die Einführung in Evelyns von Problemen und Stress überfrachtetes Leben einen spürbaren Bezug zum Filmtitel: Alles prasselt auf die so resolute wie überlastete Protagonistin ein und von einigem, was auf sie zukommt, kann sie noch gar nichts ahnen: Im Fahrstuhl auf dem Weg zum Termin mit der garstigen Steuerprüferin Deirdre Beaubeirdra (wundervoll: Jamie Lee Curtis) ergreift plötzlich eine andere Persönlichkeit von Waymond Besitz und erklärt ihr, dass ihr Leben sich in nur einem von unzähligen Universen abspiele und die Existenz dieses Multiversums in akuter Gefahr wäre. Nur eine Person könne diese Zerstörung verhindern: ausgerechnet Evelyn.

Hochenergetisch, rasant und witzig ist dieser erste Akt von Everything Everywhere All at Once inszeniert. Der Film stammt von dem Regie-Duo Dan Kwan und Daniel Scheinert, die seit ihrer Zusammenarbeit für diverse groteske Musikvideos (hier sei auf Turn Down for What verwiesen) als die „Daniels“ bekannt sind. 2016 legten sie mit Swiss Army Man ihr gemeinsames Spielfilmdebüt vor, in dem der von Paul Dano gespielte Protagonist mithilfe einer kraftvoll flatulierenden Leiche (Daniel Radcliffe) aus der suizidalen Erstarrung findet – eine etwas alberne, einfallsreiche und schlussendlich überraschend anrührende Tragikomödie.

Eben diese Markenzeichen — das Goteske, Alberne und gleichzeitig Anrührende — der Daniels lassen sich auch in Everything Everywhere All At Once finden. So wendet Evelyn während ihres niederschmetternden Termins mit Deirdre die gerade gelernte Methode des „Verse-Jumping“ an. Dadurch kann sie bald in die anderen Versionen ihres Lebens eintauchen und sich die Fähigkeiten ihrer anderen Ichs aneignen, etwa: die Stimmfertigkeit einer umjubelten blinden Sängerin, die blitzschnelle Messerakrobatik als Restaurantköchin (die wiederum mit einem Kollegen konkurriert, der „Ratatouille“-like von einem Waschbären gesteuert wird) oder die Kampfkünste einer Star-Schauspielerin und Kung-Fu-Meisterin, deren kleiner Finger einen beachtlichen Bizeps aufweist. Die Reisen in diese anderen Universen sind für Evelyn nur schwer kontrollierbar, und mitunter findet sie sich in verstörenden Welten wieder, in denen die Menschen zum Beispiel Hot Dog-Würstchen anstelle von Fingern haben oder sie plötzlich ein Stein ist. Was sie an nützlichen Fertigkeiten abrufen kann, soll sie dann im Kampf gegen ihre mächtige Widersacherin anwenden: Jobu Tupaki, die eine seit geraumer Zeit durch alle Universen springende Alternativversion ihrer Tochter Joy ist und, von der Sinnfreiheit allen Seins überzeugt, dem Multiversum ein Ende bereiten will.

Das Multiversum als illustres Spiel mit anders gearteten Parallelwelten ist ein gegenwärtig beliebtes Motiv in diversen Action-Blockbustern, man denke nur an Avengers: Endgame und Spider-Man: No Way Home. Die Daniels selbst ließen sich nach eigener Aussage vor allem von Matrix inspirieren und schufen mit Evelyn eine Protagonistin, die wie eine augenzwinkernde Version des ernsten Neo anmutet, aber in ihrer tollpatschigen Überforderung vom kampfkunstversierten Action-Star Michelle Yeoh großartig verkörpert wird. Zugleich haben die Daniels diese Figur als Teil einer ganz eigenen Deutung des Multiversums konzipiert: Evelyn wird nicht nur mit ihren alternativen Versionen, sondern auch mit der Theorie konfrontiert, dass jede einzelne ihrer möglichen Lebensentscheidungen separate, meist erfolgreichere Versionen ihrer selbst erschaffen hat. Das Multiversum wird hier zum Sinnbild verpasster Gelegenheiten, das am Selbstwertgefühl der diesweltlichen, ohnehin reuevollen Evelyn nagt.

Letzten Endes – und hier wird wieder der Hang der Daniels zu einer anrührenden Botschaft inmitten des grotesk Überbordenden deutlich – führt Evelyn diese Konfrontation zu einer Aussöhnung mit ihrem Leben und der Einsicht, dass dieses trotz aller Makel wertvoll ist. Man könnte dem „Love conquers all“-Motiv, das den letzten Akt dieses Films dominiert, etwas Fadheit vorwerfen. Aber dafür fühlt es sich zu sehr nach einem aufrichtigen, kraftvollen Kern in einem wahrlich sehenswerten Herzensprojekt an.

Everything Everywhere All at Once (2022)

Eine aus China stammende Immigrantin entdeckt, dass die Welt tatsächlich ein Multiversum ist und sie Zugriff auf all jene Fähigkeiten hat, die andere Versionen von ihr gehabt hätten. Und plötzlich braucht sie all diese Fähigkeiten auch, um die Welt vor dem Untergang zu retten. 

 

Der Film wird seine Weltpremiere beim South by Southwest Filmfestival in Austin im März 2022 feiern. 

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