Europe (2022)

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Zohra verliert ihre Aufenthaltsgenehmigung, und damit löst sich nach und nach ihre Stellung innerhalb ihres Umfelds und schließlich ihre Identität auf. Realität und Fiktion liegen in diesem Film sehr nahe beieinander – oft auf erschreckende Weise.

Europe (2022)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Wandelnder Geist

„Europe“ heißt die Haltestelle in Châtellerault, dem kleinen Ort in der französischen Provinz, an der Zohra Hamadi (Rhim Ibrir) wohnt. Das ist ziemlich ironisch, denn in dieser Siedlung wohnen sehr viele Ausländer, die meisten aus Nordafrika, die in Europa Schutz und eine Zukunft suchen. Zohra ist eine von ihnen. Sie ist Algerierin und in Frankreich nur mit einer temporären Aufenthaltsgenehmigung geduldet, während sie sich hier von einem Rückenspezialisten behandelt lässt. Ihr Mann lebt in Algerien, nachkommen kann er erst, wenn Zohras eigener Status gefestigt ist.

Doch Zohra wird wider Erwarten die Aufenthaltsgenehmigung entzogen, was sich sofort in ihrem Alltag bemerkbar macht und ihr nach und nach errungene Sicherheiten materieller sowie emotionaler Natur entzieht. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie in den Sommerferien nicht mit den restlichen Verwandten nach Algerien fahren kann, erst ihre Arbeit und dann ihre Wohnung verliert. Doch was macht das mit ihrem Selbstbild und der Art, wie sie von anderen wahrgenommen wird? Wen stellt sie innerhalb der Gesellschaft nun dar? Wie verhalten sich die anderen ihr gegenüber, wenn sie wissen, dass sie eigentlich gar nicht mehr da sein darf, bald nicht mehr da sein wird?

Diesen Fragen begegnet der Film von Regisseur Philipp Scheffner und Drehbuchautorin Merle Kröger mit einer ausgeklügelten künstlerischen Form. Europe überzeugt durch seine präzise und strenge Bildsprache, die den Bogen zwischen Dokumentarischem und Fiktion spannt. An sich handelt es sich um einen Spielfilm, der aber seine Geschichte aus der Realität der Protagonisten speist. Fast ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, bezieht das Autorenduo die ganze Nachbarschaft von Zohra, die im echten Leben Rhim heißt, mit ein.

Aufgeteilt ist der Film in drei Teile. Je weiter sich die Geschichte in Zohras unsichere Zukunft vortastet, desto surrealer wird die Atmosphäre. Während sie im ersten Teil noch voll im Leben steht, wird ihre Anwesenheit in den beiden anderen immer verschwommener. Eine ganze lange Reihe von Szenen verschwindet sie dann ganz aus dem Bild. Die Personen richten sich zwar an sie, doch Zohra bleibt konsequent außerhalb des Sichtfeldes. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht. An einer anderen Stelle ist es umgekehrt, sie spricht zu jemandem, aber diese Person ist nicht sichtbar. Bildet sie sich diese nur ein? Oder ist ihre Welt schon geschrumpft?

Ein sehr eindrückliches Bild für ihre Situation ist auch die menschenleere Stadt während des französischen Sommerferienmonats, als Zohra als einzige ihrer Familie nicht nach Algerien fahren kann. Es fährt kein Bus. Die Läden sind geschlossen. Die öffentlichen Plätze leer gefegt. Zohra betreut die Wohnungen ihrer Nachbarn, in denen die Fernseher und sämtliche Möbel abgedeckt sind und die zu betreuende Schildkröte sich unter der Kommode versteckt. Wie ein Geist bewegt sich Zohra durch die Wohnungen, genauso wie durch den Rest der Stadt.

Den Ausgang nimmt die Geschichte von Europe im Grunde während der Recherche zum vorangegangen Dokumentarfilm Havarie. Darin will einer der Protagonisten seine Frau in Frankreich besuchen. Da es ihm an offiziellen Einreisepapieren fehlt, muss er den Weg übers Mittelmeer wagen. Rhim ist diese Frau, das Ziel der Reise. Zwar wird sie aufgrund der besonderen Form des Films – Havarie besteht auf der Bildebene aus einem Youtube-Video, das von dreieinhalb auf 93 Minuten verlangsamt wurde – letztlich nicht zu sehen sein. Scheffner und Krögler sind allerdings derart von ihr begeistert, dass ausgehend von ihrer Person nun Europe erwachsen ist: Rhim verleiht Zohra eine natürliche Autorität und ihre Präsenz vor der Kamera steht der einer erfahrenen Schauspielerin in nichts nach.

Indem Rhim nun ein fiktives Alter Ego bekommen hat, bietet sich den Autoren die Gelegenheit, aus der Figur Zohra eine symbolische zu machen, einen Charakter, der exemplarisch für viele andere mit dem gleichen Schicksal steht. Als fiktive Figur erringt sich Zohra auch einen eigenen geschützten Raum, in dem sie sich eine gewisse Autonomie zurückholt, die ihr in der Realität abgesprochen wurde.

Die Ambivalenz zwischen Dokumentarischem und Fiktion lotet der Film im Übrigen bewusst aus. In den allerersten Minuten kommt es zum Beispiel zu einem Fiktionsbruch. Rhim stellt sich aus dem Off als Zohra vor. Während das Bild das Innere eines Krankenhauses zeigt, sprechen Regisseur und Rhim von außerhalb, unsichtbar für den Zuschauer, über die Protagonistin Zohra, die jeden Moment erscheinen wird. Damit spielen die Autoren geschickt mit den Erwartungen des Zuschauers. Dies macht die Stärke des Films aus, genauso wie die bereits erwähnte souveräne Form, die von einem naturalistischen Inszenierungsstil, einer Bildkomposition durch statische Kamera und dem Verzicht auf untermalende Musik geprägt ist.

Europe (2022)

Eine Bushaltestelle, ein Platz, ein paar Blocks an einer Ausfallstraße. Aus dem Bus steigt Zohra Hamadi, Metallstangen im Rücken. Sie geht aufrecht, kann endlich frei atmen. Doch Europa gewährt ihr nur ein paar Tage Gegenwart. Zohra Hamadi entscheidet sich, nach der Zukunft zu greifen. „Europe“ erzählt die Geschichte einer staatlich erzwungenen Fiktionalisierung. 

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