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Ein Psychopath infiziert ein vollbesetztes Flugzeug mit einem todbringenden Virus. Über den Wolken und am Boden bricht das Chaos aus: Gibt es überhaupt eine Chance für die Passagiere?  

Emergency Declaration (2022)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Virus on a Plane

Wenngleich wir das Fliegen gewohnt sind, gibt es wohl kaum etwas, das den Blick mehr fesselt als ein abhebendes Flugzeug. Der Moment, wenn die Räder einer Maschine plötzlich über die Startbahn schweben, ist immer noch ein Wunder: Der Mensch hat den Himmel erobert. Doch mischt sich in dieses Gefühl immer auch ein Unbehagen. Dort oben in den Lüften sind wir verletzlich und der immer brüchigen Hoffnung, dass schon alles gutgehen wird, vollkommen ausgeliefert. Wie in einer Konservendose sitzen die Passagiere nebeneinander, mitunter gestapelt, und es genügt ein kleiner Fehler in der Kette der Abläufe, dass es zu einer Katastrophe kommt. Anschläge, Entführungen und dergleichen – daran muss man gar nicht erst denken.

Das Kino liebt diesen prekären Raum über den Wolken. Aus den beengten Verhältnissen zwischen den Triebwerken lässt sich eine ungemeine Bedrohung entfalten – und ganz viele trashige Albernheit sind natürlich auch möglich. Was diese betrifft, ist ein großer Spielraum zwischen dem Slapstickfeuerwerk Die Reise in einem verrückten Flugzeug und der Horrorspielerei Snakes on a Plane. Es drängen sich natürlich noch die Actionkracher Air Force One und Con Air auf, bei denen auch eine gehörige Portion Wahnwitz im Spiel ist. Diese Aufzählung ist selbstverständlich unvollständig und soll die Vermessung des Luftraums lediglich andeutet: Das Flugzeug ist ein filmischer Raum für sich.

Emergency Declaration – der Abschlussfilm des diesjährigen Fantasy Film Fest ­– ist definitiv dem ernsten Register zuzuordnen. Was dieser Film gerade im zweiten Drittel an Adrenalin in den Kinosaal pumpt, das ist schon allerhand. Wer Flugangst hat, der sollte den Film meiden, so viel ist sicher. Dann allerdings verliert sich der Film zunehmend im klar abgesteckten Muster seiner auf Überwältigung ausgelegten Dramaturgie: Es ist die Unberechenbarkeit der eigenen Form, die hier schmerzlich fehlt.

Aber was passiert eigentlich in diesem Film? Ein Psychopath setzt auf einem Flug von Südkorea nach Hawaii einen hochansteckenden und tödlichen Virus frei, der sich in Windeseile ausbreitet und die Anzahl der Passagiere in Windeseile zu dezimieren droht. Davon sind – wie soll es auch anders sein ­– auch die Piloten betroffen, was zu großen Komplikationen in den Lüften führt. Zum Glück ist ein ehemaliger, schwer traumatisierter Pilot mit einem Immunsystem aus Stahl und Eisen anwesend, der heldenhaft Verantwortung übernimmt.

Während in der Luft ums Überleben gekämpft wird, bricht unten das Chaos aus. Wie bekommt man ein Flugzeug auf den Boden, das niemand landen lassen will? Denn die Sorge vor einer pandemischen Ausbreitung des tödlichen Virus ist größer als jegliches Mitgefühl für das Schicksal der Mitmenschen.

Emergency Declaration ist ein wilder Ritt, bei dem Regisseur Han Jae-rim wirklich alle Register der (Action)Montage zieht, um eine Panik aus Bewegung auf das Publikum zu übertragen. In den guten Momenten des Films kann man die Augen kaum von der Leinwand abwenden. Wenn das Flugzeug taumelnd hinabstürzt und die Passagiere durch den Innenraum geschleudert werden, stürzt und taumelt man ebenfalls.

Insgesamt aber wirkt dieser Katastrophenthriller deutlich zu kalkuliert und gerade gegen Ende ist das Tempo, mit dem große emotionale Momente verkettet werden, viel zu hoch: Der Film wird zu einer Überwältigungsmaschine, die vollkommen überdreht. Jedes auch nur vorstellbare Drama, in der Luft und zu Boden, wird mit dem Vorschlaghammer ausgespielt. Das ist ohnehin die größte Pille, die man schlucken muss: Wer dem Virus zum Opfer fällt und wer nicht, ist in Emergency Declaration eine Frage des Drehbuchs. Die Drehbuchseiten scheinen durch die Bilder dieses technisch durchaus anspruchsvollen Films hindruch, was dazu führt, dass all der Suspense, die Action und das Drama nicht aus den Bildern oder den Entwicklungen der filmischen Welt entspringen, sondern vielmehr in einer aufgesetzten außerfilmischen Konstruktion erstarren. Um es vielleicht so zu formulieren: In seiner Form hätte sich Emergency Declaration eher dem Virus angleichen müssen, statt der Ordnung eines Blockbusters.

Emergency Declaration (2022)

Nach einem Terroranschlag während des Fluges erklärt ein Passagierflugzeug den Notstand.

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