Ein Clown – ein Leben (2021)

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Den Clown Zippo kennen viele, den Menschen Bernhard Paul dahinter nur wenige. Harald Aue stellt ihn in seinem Dokumentarfilm vor und fördert Interessantes zutage – etwa, mit welchen Berühmtheiten Paul die Schulbank drückte.

Ein Clown – ein Leben (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Mensch, zwei Gesichter

Wer als Kind im Zirkus war, wird diesen Film lieben. Ich selbst war oft im Zirkus, ob in winzig kleinen auf der Festwiese im Nachbardorf oder ganz großen in der weit entfernten Stadt. Als der Große Russische Staatszirkus in Deutschland zu Gast war, durfte ich dem legendären Clown Oleg Popow bei der Arbeit zusehen. Und auch seinen österreichischen Kollegen, von dem dieser Film handelt, habe ich schon live erlebt: Zippo vom Circus Roncalli.

Da sitzt er nun vor dem Spiegel und schminkt sich das Gesicht. Aus Bernhard Paul, dem Zirkusdirektor, wird Bernhard Paul, der Clown. Alt ist er geworden seit unserer letzten Begegnung. Wen wundert’s, ist der 1947 in Lilienfeld bei St. Pölten geborene Niederösterreicher doch inzwischen beinahe 50 Jahre im Geschäft. Ein Mensch, zwei Gesichter: der verantwortungsvolle Direktor auf der einen, der gedankenverlorene Clown auf der anderen Seite – davon handelt dieser Film.

Regisseur Harald Aue nimmt uns mit hinter die Kulissen. Wir sind bei den Proben dabei und sehen zu, wie eine Zirkusnummer entsteht, wenn Paul das Nachwuchstalent Marco Antonio Vega für eine alte Nummer anlernt. Kurz vor einer Vorführung bahnen wir uns mit einem Clown unseren Weg durch die vollbesetzten Reihen und amüsieren das Publikum. Wir gehen mit ins Winterlager nach Köln-Mühlheim, wo baufällige Zirkuswagen repariert werden und wir lassen uns von Fulgenci Mestres, dem aktuellen Weißclown des Circus Roncalli, die Geschichte der Clownerie erläutern.

Dazwischen begleitet Aue seinen Protagonisten an die Orte seiner Vergangenheit: in sein altes, inzwischen leerstehendes Elternhaus, in die Gemeindewohnung seiner Familie, die Paul originalgetreu wie in den 1950er Jahren wieder hergerichtet hat, auf den Friedhof ans Familiengrab. An diesen Orten erzählt Paul aus seinem Leben und denkt über das Leben nach. Dabei kommt Interessantes zum Vorschein.

Schon der Einstieg bietet Erstaunliches. Da sitzt Bernhard Paul Ende der 1970er-Jahre in einer Fernsehsendung und lässt sich von betagten Verbandspräsident:innen für seine neue Art des Zirkusses die Leviten lesen. Aus heutiger Sicht eine geradezu absurde Situation. Allein die Vorstellung, dem Zirkusgewerbe eine komplette Fernsehsendung zu widmen, erscheint abwegig und zeigt, welchen gesellschaftlichen Stellenwert diese Profession vor nicht allzu langer Zeit noch besaß.

Was Paul so revolutionär anders machte, dass es die Alteingesessenen so erzürnte, wird allerdings nicht vollkommen klar, wie Harald Aues Film überhaupt mal hierhin und mal dorthin blickt und dabei nicht immer den Überblick behält. Gemeinsam mit den Erinnerungen seines Protagonisten und von einem melancholisch-lässigen Soundtrack getragen, lässt sich auch der Film immer wieder davontragen – mal zu Pauls Sammelleidenschaft, die in Köln ganze Lagerhallen füllt, mal zurück an die Grafikschule in Wien, wo er neben späteren Größen wie Manfred Deix (1949-2016) und Gottfried Helnwein (Jahrgang 1948) die Schulbank drückte. Paul nennt das dort gemeinsam Erlernte und Erlebte seine „Schule des Humors“. Und schließlich zu dem Punkt, an dem er vom Zirkusdirektor zum Zirkusclown wurde, weil es der Zufall so wollte und die Not erforderte.

Harald Aues Dokumentarfilm ist in vielfacher Hinsicht ein Wiedersehen: ein Wiedersehen mit einem ganz Großen seiner Zunft und mit dem Zauber, bevor sich der Vorhang hebt und der Zirkusdirektor in die Manege tritt, um das Publikum zu begrüßen. Nach dem Filmende können das selbst all jene nachvollziehen, die noch nie eine Zirkusvorstellung besucht haben.

Ein Clown – ein Leben (2021)

Zwei Seelen wohnen in der Brust des Zirkusdirektors Bernhard Paul: die des pflichtbewussten Managers eines Unterhaltungsimperiums und die seines Alter-Egos Zippo, eines anarchischen Clowns. Seit seiner Kindheit träumt er von der Zirkusbühne. Bernhard Paul erzählt, wie der Zufall ihn zum berühmten Clown Zippo machte und öffnet die Türen zu seinen riesigen Sammlungen. Ein faszinierender Blick hinter den Vorhang und auf ein Gesamtkunstwerk, mit kongenialem Soundtrack von Ernst Molden & Der Nino aus Wien. (Quelle: Der Filmverleih)

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