Echo (2019)

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In 56 Szenen zwischen Realität und Fiktion breitet Rúnar Rúnarsson in „Echo“ ein Panoptikum des Lebens auf Island aus. Es sind Szenen voller Witz, Bitterkeit, Trauer, Wut und verrückter Wendungen, die sich zu einem großen Film über kleine Leben formen.

Echo (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Menschlich-allzumenschlich-Zwischenmenschliches

Ein Auto, das in aufreizend langsamer Geschwindigkeit durch eine Waschstraße fährt und dabei durch die gläserne Wand beim seltsamen Ballett der Bürsten und gewaltigen Reinigungsrollen betrachtet wird, bildet den Auftakt zu Rúnar Rúnarssons fantastischem Bilderbogen „Echo“, der aus 56 einzelnen Fragmenten — meist kaum länger als eine Minute — besteht, die sich erst nach einer Weile zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Das aber hat es in sich. Denn in den kleinen Beobachtungen und Szenen, die allesamt auf Island in der Zeit um Weihnachten herum angesiedelt sind, entsteht eine Art Panoptikum, nicht nur des Lebens auf der Insel, sondern auch ein Sammelsurium des Menschlich-allzumenschlich-Zwischenmenschlichen, eine beinahe schon ethnographische Feldstudie über das seltsame Verhalten der Spezies Homo Sapiens zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Und so reiht sich Szene an Szene, Episode an Episode, Miniatur an Miniatur: Mal fackelt einer kurzerhand sein Haus ab und bekennt sich freimütig zu dem Schritt, weil es ja viel billiger sei, ein aus Polen stammendes Fertighaus zu importieren, statt den alten Kasten zu renovieren. Dann treten zwei Klavierschülerinnen in einen Wettstreit. Zwischendrin gibt es Familienstreitigkeiten zu betrachten, dann wieder eine Misswahl, von hinten gefilmt, als sinnlose Abfolge absurder Posen. Dann eine Krippenfeier, bei der die anwesenden Eltern vor lauter Smartphone-Filmerei vergessen, ihren Kinder einfach nur anzuschauen. Und so geht es immer wieder, zwischen Tragik und Komik, spezifisch Isländischem und Universellem.

Er sei nach seinen beiden ersten Filmen etwas der klassischen Erzähldramaturgie überdrüssig gewesen, so bekennt Rúnar Rúnarsson im Presseheft zu Echo. Und so ist es kein Wunder, dass sich Echo dieser ewig gleichen Abfolge von Anfang, Wendepunkt(en) und Ende klar widersetzt. Selbst die Episoden, die der Film scheinbar zusammenhanglos aneinanderreiht, haben in ihrer Mikroform keinen klassischen Anfang und kein Ende, es sind oft eher Stillstände, Loops, die sich ewig wiederholen ließen. Die Art und Weise, seine Geschichte(n) zu bauen, vergleicht Rúnarsson mit dem Sammeln von Steinen an einem Strand: Der eine mag glatt, rund und harmonisch erscheinen, der nächste wiederrum scharfkantig, der dritte sieht auf den ersten Blick wie nichts Besonderes aus. Alle haben sie nichts miteinander zu tun und doch ergeben sie ein Mosaik, so der Filmemacher über sein Werk.

Selbst die Unterscheidung zwischen Vorgefundenem und Inszeniertem fällt schwer in diesem Bilderbogen der zwar schwarzhumorigen, aber niemals zynischen Art: Die Grenzen sind fließend in diesem hybriden Gebilde — und manchmal ist es vielleicht besser, wenn man gar nicht genau weiß, ob der eine oder andere Mitwirkende wirklich weiß, was da gerade vor seinen Augen geschieht.

Mit einigem Recht kann man Echo mit den Filmen Roy Anderssons vergleichen. Doch während die Filme des Schweden sich auch durch ihre aufreizende Langsamkeit und ihre ganz eigene existenzphilosophische Poesie auszeichnen, ist Echo bisweilen viel direkter, harscher und auch politischer, was die Anprangerung von Missständen angeht. Und die starre, extrem auf gebaut wirkende Interieurs oder Anordnungen in öffentlichen Räumen fixierte Kamera erinnert an manchen Stellen auch an die spezifische Art und Weise eines Ulrich Seidl, seine Sets zu bauen und Perspektiven festzulegen. 

Rúnar Rúnarsson ist aber keine bloßer Epigone, auch wenn die beiden Vergleiche dies vielleicht nahelegen; seinem dritten Film nach Vulcano (2011) und Sparrows (2015) erweist er sich vielmehr als Auteur und Filmemacher mit der Fähigkeit, neue Wege zu gehen und Grenzen zu überschreiten. Der Lohn dieses heutzutage keinesfalls mehr selbstverständlichen künstlerischen Wagemuts ist ein Film voller Tiefe und Wahrheit, Humor und bizarr-versponnener Poesie.

Echo (2019)

In 56 eigenständigen Szenen zeichnet der Film ein ebenso bissiges wie zärtliches Porträt des heutigen Island während der oft turbulenten und aufwühlenden Weihnachtsferienzeit.

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