Earwig (2021)

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Lucile Hadžihalilović entführt uns in ihrem gespenstisch-schönen Film in eine Welt eigener Gesetzmäßigkeiten. Die rätselhafte Geschichte entschleunigt sich bis zu jenem Punkt, an dem die Bilder zu vibrieren beginnen und das Schweigen sich in Schmerz verwandelt. Eine lohnenswerte Herausforderung.   

Earwig (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Schönster Wahnsinn 

Es ist schon eine Schande, dass dieses eigensinnige und märchenhaft-betörende Werk von Lucile Hadžihalilović in Deutschland kaum bekannt ist. Gerade im Kontext der Diskussion über die schwierigen Bedingungen von Frauen in der Filmbranche scheinen die Filme der französischen Regisseurin besonders bemerkenswert. 

Oftmals wird sich von Regisseurinnen eine weibliche Perspektive im von Männern dominierten Kino erhofft. Erneut müssen Frauen eine Rolle spielen. Dabei hält sich die reaktionäre Rede von starken Frauenfiguren hartnäckig; eines der deutlichsten Symptome einer altbackenen Frontlinie zwischen den Geschlechtern, die in einem Film wie Earwig völlig selbstverständlich unterlaufen wird. Hier arbeitet eine Künstlerin an einer völlig eigenständigen Filmsprache. Das ist im Zweifel ermächtigender als die Erfüllung jedweder gesellschaftlichen Erwartung. Lucile Hadžihalilović lässt sich nicht in eine Rolle drängen und lehrt uns das Sehen. 

Bereits das als laufenden Wandtafel angelegte Titeldesign macht deutlich, dass man drauf und dran ist, eine märchenhafte Welt zu betreten. Was sich dann auf der Leinwand entfaltet, orientiert sich an der britischen Ästhetik des klassischen Gothic-Horrorfilms, angereichert mit kafkaeske Absurdität, die in ihrer klaustrophobischen Atmosphäre an David Cronenbergs Charakterstudie Spider erinnert; eine dunkle, mechanische Kühle, fern von der Glattheit unserer digitalen Gegenwart.  

Das kommt auch nicht von ungefähr. Earwig spielt in Belgien irgendwann Mitte frühes 20. Jahrhundert. Im Grunde ist dies aber auch völlig egal. Denn Realismus ist des Films Sache ohnehin nicht; alles ist unheimlich, die Orte unwirtlich und alles andere als ein Zuhause. Die Menschen in Earwig haben sich selbst überlebt und schleppen träge ihr Fleisch mit sich herum. Dadurch entfaltet sich eine Eigenzeit, die sich der einfachen Zuordnung radikal entzieht. 

Gleich die erste Szene setzt den abseitigen Ton des Films: Ein hagerer, dem Lebenswillen offensichtlich beraubter Mann kauert in einer spärlich eingerichteten Küche auf seinem Stuhl. Für eine länger Zeit sitzt er dort in sich zusammengesunken. Als der Kühlschrank summt, beginnt der Mann seltsame Gerätschaften vorzubereiten. Ein Kind betritt den Raum, ohne ein Wort zu sprechen. Alle Tätigkeiten sind augenscheinlich Teil einer täglichen Routine. Im Gesicht trägt das Mädchen eine Vorrichtung, die einer Spange ähnelt und ihren Speichel in kleinen Glasbehältern auffängt. Aus dem Speichel werden Zahnprothesen aus Eis hergestellt, die jeden Tag erneuert werden müssen. 

Sich um Mia (Romane Hemelaers) und ihre Zähne zu kümmern, das ist die Aufgabe von Albert (Paul Hilton). In regelmäßigen Abständen muss er seinem Herrn über den Zustand des Mädchens berichten, das er in einem strengen Tagesablauf betreut. Als er schließlich gezwungen wird, Mia abzugeben, beginnt der wie ein Uhrwerk funktionierende Mann zunehmend psychisch zu zerfallen. Gewalt, Einsamkeit und rätselhafte Ereignisse beginnen in den Alltag einzufallen. 

Wie bereits die vorherigen Filme Innocence und Évolution, so ist auch Earwig nicht rational zu begreifen. Hadžihalilović bleibt darin auch der Vorlage treu; der Film ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Brian Catling, der vor allem mit seiner Vorrh-Trilogie für großes Aufsehen gesorgt hat. Die Filmemacherin übersetzt dessen doppelbödig-literarisches Spiel in haptische Raumbilder, die durch ihre karge Leere den Blick beruhigen und gleichzeitig herausfordern. Die erzählte Geschichte zieht sich zu einem entrückten Kern zusammen, der inwendige Fäden zieht, die zu Nebensträngen werden, sich unentwegt verknoten und verwirren.

Handelt der Film von einem Trauma? Von Kindermissbrauch oder erzählt er von der Unmöglichkeit der eigenen Vergangenheit zu entrinnen? Eine Vielzahl von Motiven und Themen blitzen auf und verflüchtigen sich im nächsten Moment im Dunkel dieser filmischen Bewegung. Man kann auch so fragen: Erleben wir den psychischen Verfall einer Person oder sind wir von Anfang an in einem Zustand des Verfalls gefangen? 

Liefert man sich der Vision dieser besonderen Regisseurin bedingungslos aus, dann gehört Earwig aufgrund seiner mysteriösen Rätselhaftigkeit zu den großartigsten Momenten reinster Kinoerfahrung. Wie erholsam es doch ist, dass sich dieser Film nicht für uns Zuschauer_Innen interessiert. Er ist einfach da und genügt sich selbst.  

Earwig (2021)

Irgendwo in Europa, Mitte des 20. Jahrhunderts. Albert wird angestellt, um sich um die 10-jährige Mia zu kümmern. Seine wichtigste Aufgabe ist die Pflege ihrer Zähne, die mehrmals täglich gewechselt werden müssen, weil sie immer wieder schmelzen. Jede Woche klingelt das Telefon und der Meister fragt Albert nach dem Wohlergehen des Mädchens, und jede Woche gibt er die gleichen Antworten. Eines Tages wird ihm gesagt, dass er das Mädchen auf die Abreise vorbereiten muss.

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