Drive Me Home (2018)

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Mobilität spielt im Leben vieler Europäer eine größere Rolle als heimatliche Verwurzelung. In diesem Roadmovie begegnen sich zwei Jugendfreunde aus Sizilien, die es hinaus in die Welt gezogen hat, nach 15 Jahren wieder. Besitzt ihre Freundschaft noch Kraft oder hat sie ihren Wert längst verloren?

Drive Me Home (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Sie wollten Freunde für immer sein

Als Jugendliche waren sie unzertrennlich in ihrem sizilianischen Dorf Blufi, und oft, wenn Antonio, genannt Antò (Vinicio Marchioni), daran zurückdenkt, muss er mit den Tränen kämpfen. Nach 15 Jahren hat er Agostino, genannt Tino (Marco D‘Amore), endlich wiedergefunden, auf einem Lkw-Rastplatz in Holland. Tino arbeitet als Kraftfahrer und Antò darf ihn begleiten. Aber auf seine Fragen, warum Tino einfach so, ohne sich zu verabschieden, aus Blufi und seinem Leben verschwand und sich nie wieder meldete, bekommt Antò lange keine Antwort.

Das Spielfilmdebüt des italienischen Regisseurs Simone Catania erzählt die Geschichte zweier Freunde, die sich aus den Augen verloren hatten. Antò konnte sich nie mit dem wortlosen Verschwinden von Tino abfinden, und wenn er ihn jetzt an die Freundschaft erinnert, die sie einmal verband, schwingen seine Verletzung und der Vorwurf des Verrats mit. Sie hatten doch einst, wie in der Eingangsszene zu sehen ist, ihre jugendliche Wut auf das trostlose Dorf im Duett in die hügeligen Weiten hinausgeschrien. Sie hatten sich ausgemalt, eine Mauer, einen Wassergraben mit Krokodilen zwischen Antòs Elternhaus auf der Anhöhe und dem schnöden Blufi zu stellen und ihr eigenes Dorf zu gründen.

Auch Antò lebt nicht mehr in Blufi. Er hat in London und anderen europäischen Städten gewohnt und es nicht geschafft, das Haus und den Grund in Sizilien vor der Verschuldung zu retten. Falls er in den nächsten Tagen nicht 30000 Euro auftreibt oder einen Käufer für das Anwesen findet, soll es zwangsversteigert werden. Wie die kurzen Rückblenden zeigen, hängt Antò sehr an den Erinnerungen an die glückliche, dort verbrachte Kindheit, zu der immer auch Tino gehörte.

Tino hingegen scheint nicht zurückzublicken. Einmal fragt Antò ihn im Laufe ihrer vorsichtigen Annäherung während der Durchmessung Europas, welches Ziel er im Leben verfolge. Tino hat aber kein Ziel im klassischen Sinn, wie die Gründung eines Heims, einer Familie. Sein Zuhause ist der Lastwagen.

Antò zeigt seine Verwundbarkeit, die zum Teil wohl zur Erfahrung jedes Individuums in der globalisierten Welt gehört. Wenn man hinaus in die Welt zieht, wie so viele junge Menschen es tun, verliert man sich dann nicht irgendwann selbst? Wo ist die Trennlinie zwischen Bewahren und Selbstbefreiung, zwischen Heimat und Fremde, zwischen Erneuerung und Flucht? Auf der Fahrt, mit Blick auf die vorbeiziehenden Landschaften zwischen Belgien und Italien, verschwimmen für Antò und Tino die scharfen Grenzen, die Gewissheiten. Mitgebrachtes und frische Eindrücke mischen sich, das Hier und Jetzt bekommt eine doppelte Qualität. Antò und Tino erleben sich darin als Akteure und schauen sich zugleich selbst zu, im Bewusstsein, dass sie buchstäblich nicht bleiben werden, wo sie gerade sind. Entsprechend flüchtig wirken auch ihre Dialoge, die Momente, in denen sie sich vertrauter werden.

Catania verleiht dem Roadmovie Spannung, indem er Hinweise streut, die auf falsche Fährten führen können. Er vermeidet klärende Eindeutigkeit, so dass die Zuschauer*innen sich selbst an das herantasten müssen, was zwischen Antò und Tino vor sich geht. Zunächst sieht es, schon wegen der seelischen Bedürftigkeit Antòs, so aus, als sei dieser in Tino verliebt gewesen. Einmal besuchen die beiden unterwegs einen Sexclub mit Bad und Sauna. Tino lässt sich im Pool von einem Fremden küssen, der ihm die Brust streichelt. Antò klebt mit seinen Blicken förmlich an den beiden, doch kaum meint man, sein Begehren herauszulesen, da lässt er sich schon von zwei Frauen zärtlich umgarnen.

Und dann begegnet Antò auf einem Bauernhof in der Provinz Trentino einer jungen Deutschen (Jennifer Ulrich), die ihm gefällt. Sie hat nur scheinbar den entgegengesetzten Weg im Leben gewählt, ist aus der Stadt aufs Land gezogen, hin zu den ursprünglichen Werten. Antò trägt ja auch die Sehnsucht nach dem Landleben in sich, nach dem verlorenen sizilianischen Paradies, das er so gerne irgendwie in der Welt und der Zukunft verankern möchte.

Das Thema Homosexualität spielt für den Weg, den die Freundschaft von Antò und Tino nahm, dennoch eine wichtige Rolle. Aber erst, indem die beiden darüber reden, erkennen sie die Zusammenhänge und können ihre Gefühle neu ordnen. Marco D‘Amore beeindruckt in der Rolle des sensiblen, in sich gekehrten Tino, der in der Arbeit Halt findet. Vinicio Marchioni spielt Antò als gegensätzlichen Charakter, er ist aufbrausend, frech, risikobereit, kann aber schlecht für sich selbst sorgen. Was sie verbindet, ist die Einsamkeit in der Welt, aber auch die Chance, ihr gemeinsam die Stirn zu bieten, wie sie es einmal wollten. Dieses ansprechende kleine Drama bahnt sich lohnende, atmosphärisch anregende Pfade in die Kontemplation über Werte und Vergänglichkeit.

Drive Me Home (2018)

Antonio und Agostino sind Freunde, seitdem sie ihre Kindheit in einem Dorf in Sizilien verbrachten und sich nichts sehnlicher wünschten, als der Enge zu entkommen. Nun sind sie beide in ihren Dreißigern und leben anderswo. Doch dann erfährt Antonio, dass sein verlassenes Elternhaus daheim zum Verlauf steht und macht sich auf die Reise, um seinem alten Freund wiederzusehen und das Haus vor dem Verlauf zu retten.

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