Dream Horse (2020)

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Eine walisische Dorfgemeinschaft schließt sich zusammen, um im Pferderennsport Fuß zu fassen. „Dream Horse“ erzählt von Menschen und Tieren, die um ihre Anerkennung kämpfen und bietet bestes Wohlfühlkino. Leider nicht mehr.

Dream Horse (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Die Pferdeflüsterin

Vielen Pferdesportarten haftet ein Label des Elitären an. Wer dort rein will – egal ob als Züchter*in, Trainer*in, Reiter*in oder Besucher*in – braucht ein gewisses Budget (und in letzterem Fall auch einen kostspieligen Hut). Euros Lyns „Dream Horse“ handelt, basierend auf einer wahren Geschichte, von einer Gruppe Menschen, die diesem Elitarismus mit Kollektivismus, Leidenschaft und Graswurzelarbeit entgegentreten.

Schauplatz ist Wales Anfang der 2000er. Dort lebt Jan Vokes (Toni Colette) mit ihrem Gatten Brian (Owen Teale) am Rande einer kleinen Ortschaft, gemeinsam haben sie sich einen Hof aufgebaut, auf dem sie Gänse, Schweine und Ziegen halten. Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Tiere – oder dem, was davon noch aus der Zeit übrig ist, als Brian mit vollem Elan dabei war und Jan Erfolge als Tauben- und Hündezüchterin feierte. Inzwischen ist das Feuer erloschen: Er sitzt permanent auf der Couch und schaut Tierreportagen, sie müht sich tagsüber im Supermarkt und abends hinter einer Bar ab.

Dort lauscht Jan eines Abends Howard Davies‘ (Damian Lewis) Prahlereien aus vergangenen Tagen, als der nun als Steuerberater arbeitende Familienvater noch großes Geld mit Pferderennen machte, und fasst einen Plan: Sie will es ebenfalls versuchen und ein Rennpferd züchten. Also kauft sie kurzerhand eine Stute, lässt sie decken und sucht derweil finanzielle Unterstützung in ihrem Umfeld, indem sie mit einigen Nachbar*innen ein sogenanntes Kartell gründet. Das zahlt gemeinschaftlich in eine Kasse ein und soll am Ende auch zusammen von den Gewinnen profitieren.

Erzählt wird die klassische Geschichte einer Frau, die allem anfänglichen Spott zum Trotze ihre Ziele ehrgeizig und leidenschaftlich verfolgt – und schlussendlich immer mehr Menschen für ihre Sache gewinnt: Zunächst ihre Nachbar*innen sowie Howard, den der Pferdesport einst beinahe in den Bankrott trieb, weshalb er ihm eigentlich abschwor, der nun jedoch eine zweite Chance wittert, seine Passion nochmals auszuleben, wenn auch zum Unmut seiner Frau (Joanna Page). Wenig später überzeugt Jan auch den Trainer und kann letztlich sogar die Anerkennung des elitären Lord Avery (Peter Davison) für sich gewinnen, der den walisischen Pferderennsport mit seinen Tieren dominiert.

Dieses Durchhalten und Bestehen gegen alle widrigen Umstände projiziert der Film zugleich auf das Tier, das hier im Mittelpunkt steht: Die Stute überlebt die Geburt des Fohlens nicht und Dream Alliance, wie das Jungtier vom Kartell getauft wird, entpuppt sich zur Überraschung aller als robustes und überaus schnelles Pferd. Oder, so will es der Mythos à la „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“, gerade deswegen. „Er ist ein Kämpfer“, sagt Jan, in der Überzeugung, dass gerade dieser Verlust den Hengst zu Höchstleistungen treibt, kurz bevor er in die Obhut von Pferdetrainer Philip Hobbs (Nicholas Farrell) gegeben wird. Der straft das Tier wie auch seine Besitzer anfänglich mit Verachtung, zeigt sich jedoch schlagartig von seiner netten Seite, sobald Dream Alliance sein Potential beweist.

Dream Horse entblößt an dieser Stelle die mutmaßliche Oberflächlichkeit des Pferdesports, wenn auch unfreiwillig. Denn eigentlich will er über seine Laufzeit von knapp zwei Stunden emotionale Überzeugungsarbeit leisten. Dafür, dass auch jene, die nicht zu den oberen zehn Prozent gehören – oder im Falle des Pferdes keine reine Zuchtlinie haben – hier Erfolg haben und Respekt verdienen können, wenn sie denn nur genug Elan zeigen und Liebe hineinstecken.

Dieser romantisierte, stellenweise auch kitschige Blick, ist zugleich die größte Stärke wie auch Schwäche von Dream Horse. Einerseits ist da das hohe Maß an Empathie für die Mitglieder des Kartells und das Tier, dessen Leistungen tatsächlich als seine anerkannt und nicht etwa dem Reiter zugeschrieben werden, wie es ja gern mal der Fall ist. Andererseits blendet es die Schattenseiten des Pferdesports in seiner emotionalen Naivität aus – allem voran das grundlegende Dilemma, dass hier Tiere für das menschliche Vergnügen gezüchtet und bis an ihr Limit getrieben werden.

Stattdessen präsentiert sich der von Neil McKay (bisher als Serien- und TV-Filmautor tätig) geschriebene und Euros Lyn (Sherlock – Der blinde Banker) inszenierte Film als puristisches Wohlfühlkino, das permanent im seichten Fahrwasser treibt, hier und da ein paar Witzchen reißt, auch mal dramatisch wird und vor Liebe zu Wales, zu seinen Menschen und Tieren nur so strotzt. Da allem voran die beiden Hauptdarsteller*innen (die Australierin Toni Collette gibt eine überraschend glaubwürdige Waliserin ab) durch unaufgeregtes, einfühlsames Spiel zu überzeugen wissen, ist das ein durchaus vergnüglicher filmischer Trip, den man ohne Bedenken antreten kann. Nur wirklich großes Kino darf man von Dream Horse nicht erwarten.

Dream Horse (2020)

Jan, eine Putzfrau und Barkeeperin, beschließt, in ihrem kleinen walisischen Dorf ein Rennpferd zu züchten. Als das Pferd heranwächst und Rennen um rennen bestreitet, sehen sich Jan und die Leute aus dem Dorf mit der Renn-Elite konfrontiert, als es um die nationalen Meisterschaften geht.

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