Doch das Böse gibt es nicht (2020)

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Seit Jahren sitzt Mohammad Rasoulof im Iran fest. Nach dem Hausarrest erwartet ihn nun der Antritt einer einjährigen Haftstrafe. Unter diesem Druck hat er, trotz Arbeitsverbot, einen neuen Film geschaffen. „Es gibt kein Böses“ fragt sich in vier erschütternden Episoden, was Freiheit eigentlich bedeutet und ob sie noch Platz hat in einem Regime wie dem im Iran.

Doch das Böse gibt es nicht (2020)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Henker des eigenen Volkes

Eine ganz normale Familie. Mutter, Vater, Kind im Iran, die Kleider abholen und einkaufen gehen, sich um die kranke Mutter kümmern. Nur eines ist von Anfang an komisch. Der Vater, Heshmat (Ehsan Mirhosseini) muss dauernd nachts arbeiten. Und was er da genau macht, ist eigentlich nicht klar. Doch man merkt, die Arbeit macht ihn unglücklich. Er schläft nur mit Tabletten ein und ist auch sonst bedrückt.  

Am Ende der ersten Episode von Mohammad Rasoulofs Es gibt kein Böses wird man auch sehen warum. Zuerst sitzt Heshmat ganz unscheinbar in einem kleinen Kabuff und macht sich einen Tee. An der Wand gegenüber ein Panel mit roten Lampen, die erst blinken, dann leuchten und dann grün werden. Nun ist seine Aufgabe gekommen. Er muss durch eine Luke schauen, den schwarzen Knopf drücken und dann schauen, dass alles korrekt ist. Er drückt und danach ein Schnitt auf eine ganze Reihe Füße, die unvermittelt in die Kadrierung fallen und die zucken und sich krümmen. Bis nach ein paar Minuten Ruhe ist. Heshmat ist Henken des iranischen Regimes.

Drei weitere Episoden widmet sich Rasoulof danach, die alle von Männern erzählen, die mal mehr, mal weniger konform mit dem Fakt umgehen, dass sie im Sinne der allgemeinen Wehrpflicht zu Henkern gemacht werden. Viel Platz für Proteste bleibt da nicht, denn wer sich weigert kommt selbst in den Knast oder wird gehenkt. Und nur nach dem erfolgreichen Abschluss des Dienstes, der beim kleinsten Ungehorsam gern um Monate bis Jahre verlängert wird, bekommt man das Recht auf einen Reisepass, den Führerschein, eine Gewerbeerlaubnis… Es gibt also kaum ein Entrinnen und doch suchen die Protagonisten nach Möglichkeiten ihre eigene Meinung kundzutun und sich hier und da zu verweigern. Und so folgt der Film nach Heshmat Pouya (Kaveh Ahangar), der als Gefängniswärter in einer Stunde eine Hinrichtung vollziehen soll. Es ist seine erste und er muss den Gefangenen von der Zelle in den Raum begleiten und ihn dort erhängen, indem er den Schemel unter seinen Füßen umstößt. Doch Pouya, der angehende Arzt will nicht. Er versucht sich zu verweigern, doch seine Lage spitzt sich zu und wird lebensgefährlich. Javad (Mohammad Valizadegan) hat durchgezogen, was Pouya nicht wollte und als Belohnung drei Tage Urlaub. Er besucht seine Freundin, die Geburtstag hat, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Doch die Familie trauert, denn ein enger Freund wurde gerade vom Regime hingerichtet und Javad hat damit mehr zu tun, als hm klar ist. Bahram (Mohammad Seddighimehr) ist Arzt, darf aber nicht praktizieren und lebt auf dem Land, ganz unscheinbar. Seine Nichte besucht ihn. Das Mädchen lebt mit Bahrams Bruder in Deutschland und will auch Ärztin werden. Doch ihr Besuch ist nicht ganz freiwillig. Bahram hat sie kommen lassen, um ihr zu offenbaren, wer er wirklich ist. 

Lose sind die Episoden miteinander verknüpft. Der rote Faden entspinnt durch die Schicksale der Männer und Frauen, die alle mit der Todesstrafe, die im Iran verhängt wird, zu tun hat. Es geht aber vor allem um die moralischen Fragen, die diese mit sich bringt. Wie sich verhalten, wenn man gezwungen wird etwas zu tun, was man nicht will, vor allem wenn es bedeutet, dass man seine eigene Haut rettet, indem man jemand anderes tötet? Und wieviel Freiheit hat man in solch einem despotischen Regime überhaupt? Was soll man tun? Widerstand leisten oder überleben? 

All diese Fragen erkundet der Film in Episoden, deren Wendungen mal böse vorausgeahnt werden können und mal so unverhofft und gnadenlos kommen, dass man es kaum fassen kann. Dass das Ganze manchmal ein wenig daher konstruiert erscheint, lässt sich nicht leugnen. Ob dem so ist oder ob diese Geschichten nur so wahnsinnig erscheinen, weil das Leben im Iran eben solchen Wahnsinn produziert, lässt sich nicht sagen. Doch ein kleines bisschen Hintergrundinformation, die eben zeigt, wie zugespitzt die Situationen in diesem Land sind. Während der Dreharbeiten, die Rasoulof verbotener Weise durchführte, schaute der Regisseur jeden Morgen auf sein Telefon, um zu sehen, ob er in der Zwischenzeit zu einem Jahr Haft verurteilt wurde. Gefilmt wurde in Windeseile und fernab der Großstadt, die Gefahr von Gefängnis stets im Nacken. In der letzten Drehwoche war es dann tatsächlich soweit. Das Urteil stand. Rasoulof wartete auf die Polizei, die ihn abholen sollte. Doch sie kam bis zur Premiere des Filmes Monate später auf der Berlinale nicht.

Also wer von uns, die hier gut und sicher sitzen, kann schon sagen, was in diesem Land passiert. Umso wichtiger, dass Menschen wie Rasoulof und auch sein Kollege Jafar Panahi nicht aufhören Geschichten zu erzählen.

Doch das Böse gibt es nicht (2020)

Heshmat, ein vorbildlicher Ehemann und Vater, bricht jeden Morgen sehr früh auf. Wohin fährt er? Pouya kann sich nicht vorstellen, einen anderen Menschen zu töten, trotzdem bekommt er den Befehl. Javad ahnt nicht, dass sein Heiratsantrag nicht die einzige Überraschung für seine Geliebte an ihrem Geburtstag bleiben wird. Bahram ist Arzt, darf aber nicht praktizieren. Als seine Nichte ihn besucht, beschließt er, ihr den Grund für sein Außenseiterdasein zu offenbaren. Die vier Geschichten, aus denen „Es gibt kein Böses“ besteht, sind Variationen über die Themen moralische Kraft und Todesstrafe. Sie fragen danach, bis zu welchem Grad individuelle Freiheit unter einem despotischen Regime und scheinbar unentrinnbaren Bedrohungen möglich ist. 

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