Die Schule auf dem Zauberberg (2018)

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Wie tickt die zukünftige Weltelite? Regisseur Radek Wegrzyn hat sie in einem exklusiven Schweizer Internat besucht und ein Schuljahr lang mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis überrascht.

Die Schule auf dem Zauberberg (2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ganz normale Superreiche?

Die Leysin American School ist ein kostspieliges Pflaster. 95.000 Schweizer Franken müssen Eltern jährlich berappen, um ihren Nachwuchs ins Internat oberhalb des Genfersees zu schicken. Doch was macht die englischsprachige Schule, eine der fünf exklusivsten der Welt, so besonders?

Ihre Fassade ist zumindest filmreif, ja gar filmerprobt. Hans W. Geißendörfer hat hier 1982 Thomas Manns Roman Der Zauberberg (1924) adaptiert. Seit 2008 gehört das ehemalige Grand Hotel aus der Belle Époque zum Internat. Doch so sehr Lage und Gebäude auch beeindrucken, die schlichten Unterkünfte und Klassenräume sehen ziemlich gewöhnlich aus. Stünde nicht an jedem Platz ein teurer Laptop und müsste Regisseur Radek Wegrzyn einige der Jugendlichen nicht durch nachträglich einmontierte Pandabärengesichter (!) unkenntlich machen, fiele kaum auf, dass hier Kinder von Millionären und Milliardären die Schulbank drücken.

Und noch etwas anderes verwundert. Statt des Geists des Kapitalismus weht hier einer der Nachhaltigkeit durch die altehrwürdigen Hallen. Sozialkundelehrer Hugh Kelly predigt gebetsmühlenartig die Grenzen des Wachstums, den Nutzen erneuerbarer Energien und der Permakultur. Sein Fachkollege Daryl Hitchcock gibt sich derweil zynisch. Seiner Meinung nach schalteten die Schüler*innen eher auf Durchzug, als später einmal die Welt zu verbessern. Die Auswahl des Theaterpädagogen Allen Babcock für das anstehende Musical, Mark Hollmans Pinkelstadt (2001) über eine Zukunft, in der jeder Toilettengang kostenpflichtig ist, muss wiederum als subversiver Frontalangriff auf all die Superreichen im Publikum begriffen werden.

Gern hätte man mehr von der zukünftigen Weltelite und ihrer illustren Lehrerschaft erfahren. Doch der Dokumentarfilmer heftet sich schnell an die Fersen des 17-jährigen Berk, der mit den hohen Erwartungen seines Vaters und der eigenen Motivation kämpft. „Es lag vor allem an der Art und Weise, wie Berk sich uns und vor allem mir gegenüber geöffnet hat“, hat Wegrzyn seine Konzentration auf den gebürtigen Istanbuler begründet. Eine nachvollziehbare Entscheidung, ist Berk doch ein ungemein reflektierter junger Mann und ein echter Sympathieträger. Einer, der später lieber ein nachhaltiges Restaurant eröffnen möchte, als das Unternehmen seines Vaters zu übernehmen; einer, der in seiner Freizeit als Koch im Café unten im Tal jobbt, um sein eigenes Geld zu verdienen; einer, der von einer neuen Wirtschaftsordnung träumt, dem „Kopitalismus“, einer Kreuzung aus Kommunismus und Kapitalismus.

Als Porträt über einen Jugendlichen auf der Suche nach seinem Platz im Leben ist Wegrzyns Film geglückt. Berks Beispiel macht deutlich, dass Geld nicht alles im Leben ist. Im Kreis seiner Freunde zu Hause in der Türkei blüht er regelmäßig auf. In der Schweiz leidet er auch deshalb, weil er dort keine Freunde hat. Einen Querschnitt der künftigen Weltelite liefert Die Schule auf dem Zauberberg hingegen nur in Ansätzen. Dafür zeigt Wegrzyn die bedeutenden wirtschaftlichen Kontakte nicht auf, die die Eliten im Internat knüpfen. Dafür rückt er Berks Mitschüler*innen zu wenig in den Fokus.

Die meisten, wie Ouwani aus Niger, haben keine Ahnung, was sie nach der Schule einmal werden wollen. Fast alle beschreiben den Druck, es einmal besser als ihre Eltern machen zu müssen. Andere, wie Abdulmohsen aus Saudi-Arabien, der an einem Hilfssystem für syrische Flüchtlinge arbeitet, machen Hoffnung. Wieder andere, wie zwei Schülerinnen, die unkenntlich gemacht sind, pfeifen auf einen Wandel. Bis die fossilen Energien ausgingen, seien sie längst tot. Wozu sich also einen Kopf machen?

Wegrzyns Botschaft ist die seines einnehmenden Protagonisten: Kinder, egal wie arm oder reich, eint der Wunsch nach bedingungsloser elterlicher Liebe. Teenager wie Berk machen Mut für eine bessere Zukunft. Berufspessimisten halten es wohl eher mit Sozialkundelehrer Kelly in seinen zweifelnden Momenten. Dann kommt er sich manchmal so vor, als ob sein Zweck lediglich darin bestünde, den Reichen beizubringen, reich zu bleiben.

Die Schule auf dem Zauberberg (2018)

Sie sind die zukünftige Elite: Die Sprösslinge der reichsten Familien der Welt – aufgewachsen im Überfluss und sicher eingebettet in ein Leben voller Geld, Genuss und Luxus. Was den jungen Heranwachsenden jedoch fehlt: der eigene Erfolg. Durch den Besuch des exklusivsten Internats der Welt – der Schule auf dem Zauberberg – soll sich das ändern. Hier sollen sie zu globalen Führungskräften ausgebildet werden. Absoluter Leistungsdruck inklusive.

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