Die Liebe frisst das Leben (2019)

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Wenn Künstler*innen zu früh sterben, ist das gerne Stoff für Legenden. All das ungenutzte Potential! Wie geht „Die Liebe frisst das Leben“ mit der unvollendeten Karriere Tobias Grubens um?

Die Liebe frisst das Leben (2019)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Einem Mythos erlegen

Ein leichtes Knacken und Knarzen, dann das Einsetzen eines einfachen, aber doch schwermütigen Gitarrenriffs, parallel dazu erscheint die Gestalt eines jungen Mannes, das Videobild stark entsättigt, seine Haut leuchtet förmlich, der Hintergrund schwarz – sehr nah dran, sehr intim. Und doch entzieht er sich, er blickt nicht in die Kamera, wirkt fast abwesend, bis sich die Erkenntnis einstellt, dass er der Musik lauscht, sind seine Hände doch um ein Mikrofon gelegt. Tobias Gruben wird von Weggefährten, Freund*innen und Geschwistern im Film immer wieder als hell charakterisiert: Eeine Helligkeit habe er besessen und ausgestrahlt — doch kein Licht ohne Schatten. Tobias Gruben ist da keine Ausnahme. Schon die ersten Sekunden des Films zeigen den Musiker förmlich als eine Lichtgestalt, die zu stark brannte; eine Lichtgestalt, die sich von dem Elend der Menschen angezogen fühlte. Und die für viele, auch heute noch, viel zu früh verglühte. Eine Metapher, die die Ästhetik und Narration von „Die Liebe frisst das Leben“ durchzieht. Eine Metapher, so problematisch wie erhellend.

Die Liebe frisst das Leben, dessen Untertitel Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde lautet, welcher schon viel spezifischer auf die verschiedenen Konstellationen hinweist, die im Film gezeigt und aufgespannt werden, ist der filmgewordene Versuch, ein Musikerleben zu dokumentieren und greifbar zu machen, das vor dem Durchbruch abrupt endete. Angespielt werden all die Möglichkeiten einer Karriere, die unvollendet blieb. So sagt den Zuschauer*innen zwar das Zeitgefühl, dass der Film bald ausgespielt haben muss, und doch überrascht das nahezu abrupte Ende. Der Lebensfaden wurde durchgeschnitten, es gab nichts mehr zu erzählen.

 

Oliver Schwabe, der Regie führte und das Drehbuch schrieb, ist geübt im Porträtieren von Musikern, denn neben Dokumentationen fürs Fernsehen lief zuletzt Tokio Hotel – Hinter die Welt im Kino. Konnte er jedoch im Fall der letztgenannten Band auf Interviews mit den Mitgliedern setzen, um ihre eigene Sichtweise zu erzählen, ist dies im Fall von Tobias Gruben nicht möglich. Es ist angenehm, dass Schwabe nicht versucht, eine psychologische Studie des Künstlers abzuliefern. Stattdessen lässt er seine Schwester Imogen, gefilmt auf ihrem Hof in Italien, sowie seinen Bruder Sebastian – die Stimme spricht aus dem Off, denen Schwabe Naturbilder und Szenen Hamburgs hinzufügt – und viele andere Weggefährt*innen zu Wort kommen. Musiker*innen, mit denen Gruben in den Bands Cyan Revue und Die Erde spielte. Produzenten, die an das Talent des Mannes glaubten. Diese sprechen über ihre Begegnungen mit Tobias, über ihre Arbeit mit ihm und auch über die Verletzungen, die ihnen von dem Künstler zugefügt wurden. Es sind Wahrnehmungen der zweiten Instanz, die die Zuschauer*innen zu sehen und zu hören bekommen, ein Blick von außen auf Tobias Grubens Leben und Arbeit.

Nach und nach kristallisieren sich zwei zentrale Stränge heraus, die miteinander verwoben sind und durch die Aussagen, die Archivaufnahmen sowie das weitere dokumentarische Material – Fotografien, Briefe – gestützt werden. Zum einen das Herausarbeiten der Biografie Grubens mit starkem Fokus auf das Verhältnis zum Vater: von Kindheit und Schulzeit zur abgebrochenen Lehre und dem Entschluss, Musiker zu werden. Als Sohn eines Professors ein Affront. Der Vater, an dem er sich sein Leben lang abarbeitete, mit dem er trotz aller Differenzen versuchte, in Kontakt zu bleiben und irgendwann auf Verständnis zu stoßen. Zum anderen die Musik Grubens, die bis heute viele Bands zu Coverversionen inspiriert, viele davon im Film selbst zu hören und zu sehen. Meist ungeschnitten und in voller Länge. Noch mittels der Stimmen anderer ist der Verlust Grubens für die deutsche Musiklandschaft spürbar. Bis heute sind viele seiner Lieder nicht eingespielt worden.

Gruben selbst kommt nur selten zu Wort, wie beispielsweise in einem kurzen Interview oder in den Videos von Peter Sempel. Selbst die Briefe Grubens, die vor allem benutzt werden, um das schwierige Verhältnis zum Vater aufzuschlüsseln, geben zwar einen partiellen Einblick, müssen jedoch auch als Dokumente kritisch hinterfragt werden. Es sind die Lieder, mittels derer man Gruben wohl am nächsten kommt, von ihm selbst gesungen. Denn glücklicherweise gibt es viele Videoaufnahmen einzelner Performances aus verschiedenen Phasen seiner Karriere. Es ist bemerkenswert, wie dieser Künstler versucht hat, mit seiner Stimme und den Worten zu arbeiten. Welch dunkle Kraft sich durch das Material überträgt.

Es ist aber auch das Porträt eines Künstlers, der einem bestimmten Mythos erlag: Dem, Kunst und Leben zu verwechseln. Dem, dass Drogen und das Machen derselben einfach zusammengehören. Dieser zeigt sich nicht zuletzt in den Blut-Bildern, die seinen Heroingebrauch externalisieren. Der Droge ist auch ein Lied gewidmet, in dem er sehr hellsichtig und genau besingt, wie sie wirkt, wie es passiert, dass die Liebe das Leben frisst. Der Film beginnt mit einem Cover des Songs und endet mit selbigem. Trotz der Rahmung benutzt Die Liebe frisst das Leben Heroin nicht als Sündenbock, jedenfalls nicht völlig. Letztendlich bleibt nämlich offen, wie es zu Grubens Überdosis kam.

Dem Mythos des Genies erliegt jedoch der Film auch ein wenig selbst, obwohl anschaulich gezeigt wird, wer alles in die Entwicklung Grubens involviert war, welche Zufälle und Hilfestellungen es teils auch brauchte. Denn Schwabe scheint fasziniert zu sein von diesem Bildungsbürger, der gegen seine Eltern rebellierte, alles auf eine Karte setzte, unablässig an sich und seinen Erfolg glaubte – und die Droge und die Dunkelheit benutzte, um seine Kunst zu schaffen. Sicherlich ist es ein Anliegen von Die Liebe frisst das Leben deutlich zu machen, welche schwarze Leerstelle die ‚Lichtgestalt‘ hinterlassen hat. Doch genau dieses schwarze Loch läuft Gefahr, alles andere zu verschlingen.

Schlussendlich entzieht sich die ‚Lichtgestalt‘ dennoch. Sie bleibt unnahbar, unfassbar: die Erinnerungen, die Fotografien und die Aufnahmen bleiben an der Oberfläche, prallen ab. Wir kommen nie ganz ran, doppelt gefiltert durch die Patina der Fotografien, durch die flache Videooberfläche. Wir sehen Blicke auf Gruben. Lauschen den Coverversionen und seinen Liedern, von ihm selbst gesungen – denn es ist vor allem die Musik, die nachhallt und bis heute inspiriert. Und gleichzeitig den Mythos im Versuch, einen Künstler zu erinnern und zugänglich zu machen, befeuert.

Die Liebe frisst das Leben (2019)

„Die Liebe frisst das Leben“ spürt dem Werk von Tobias Gruben nach, der auch zwanzig Jahre nach seinem Tod als ungeschliffener Diamant deutscher Popkultur als nahezu unentdeckt gilt. Junge Bands wie Messer oder Isolation Berlin inspiriert der Sänger von Cyan Revue und Die Erde zu Coverversionen. Der Film erzählt aber nicht nur von einer unvollendeten Musikerkarriere, sondern er beschreibt auch den anhaltenden Kampf eines Sohnes um die Anerkennung seines Vaters. In Interviews, teils unveröffentlichter Musik und Briefen führt „Die Liebe frisst das Leben“ direkt in das Herz und den Kopf eines fast vergessenen Musikers, der kurz vor dem kommerziellen Durchbruch an einer Überdosis stirbt und dessen Texte und Lieder bis heute berühren.

Den Film bei Vimeo schauen:

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