Die Hand Gottes (2021)

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Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino überblendet seine eigene Jugend mit poetischen Bildern und der Fußballkunst von Diego Maradona: Ein berührend-melancholischer Film über die Wirren des Erwachsenwerdens und die tröstende Magie der Kinos.    

Die Hand Gottes (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Empfindsame Erinnerungen

Noch weiß der junge Einzelgänger Fabietto (Filippo Scotti) nicht so recht, was er später mal mit seinem Leben anstellen soll. Gerade lebt es sich eigentlich ganz angenehm im wohligen Schoß der Familie und der fiebrigen Erregbarkeit der Pubertät. Neben der möglichen Vertragsunterzeichnung des argentinischen Superstars Diego Maradona beim SSC Neapel dreht sich alles um die Anziehungskraft des weiblichen Geschlechts. Besonders von Tante Patrizia (Luisa Ranieri) können Fabietto und sein Bruder Marchino (Marlon Joubert) die Blicke kaum abwenden, wenn sie sich während einer Familienfeier vollkommen nackt auf dem Boot vor den Augen aller Verwandten sonnt.

Der Sommer scheint in Müßiggang zu vergehen, bis Vater Saviero (Toni Servillo) und Mutter Maria (Teresa Saponangelo) auf tragische Weise ums Leben kommen. Fabietto hat nur überlebt, weil er, statt die Eltern zum Skiausflug zu begleiten, im Fußballstadion der Kunst von Diego Maradona beiwohnte. Maradona hat ihm also das Leben gerettet. So eng sind in dieser Geschichte skurriler Humor und herzzerreißende Tragik miteinander verzahnt. Die Hand Gottes hat nicht nur den Ball ins Tor befördert, sondern auch in das Schicksal eingegriffen.  

Nun aber, da die Eltern nicht mehr sind, drängen Gespenster an die Oberfläche. Dabei ist es nicht so, als wären diese nicht auch vorher bereits zu erkennen gewesen. Auf einem Familienfest überdeckt der derbe Humor nur leidlich die offenkundigen Differenzen zwischen der skurrilen Verwandtschaft. Die Eltern haben eine heftige Beziehungskrise, weil die Affäre von Vater Saviero aufgeflogen ist. Und die Gleichgültigkeit, mit der die gesamte Familie die psychischen Probleme der Tante hinnimmt, ist mehr als verwunderlich. All diesen Dingen muss sich Fabietto nun mehr oder weniger stellen, um endlich herauszufinden, worin seine Zukunft liegt.  

Die Zukunft, um die es hier geht, ist die von Paolo Sorrentino selbst. Was sich hier nach einem weiteren klassischen Coming-of-Age-Film anhört, ist persönlichste Erinnerung. Nur dass der italienische Filmemacher nicht einfach seine Geschichte über den Tod der Eltern nacherzählt. Die kleinen skurrilen und großen tragischen Geschichten dieses Lebens verdichten sich in schwebend schönen Bildern zu einem Erinnerungsgefühl; die Tatsachen sind Spuren, die sich in verdichteten Empfindungen entfalten und verästeln. Die Wiedergabe der bloßen Wirklichkeit, damit hat sich Sorrentino noch nie aufgehalten.

Egal ob nun in seinem Oscar-prämierten La Grande Bellezza oder dem spekulativ-poetischen Berlusconi-Film Loro: Die Bilder sind immer in Form verdichteter Trost. Fabietto ist es, der spät im Film zum Regisseur Antonio Capuano sagt, er wolle Filme drehen, weil er die Realität nicht mehr ertrage. Ein imaginäres Leben, das sei es, was er begehrt. Damit liegen die Karten auf dem Tisch. Paolo Sorrentino hat mit Die Hand Gottes seine Poetik vorgelegt, also die Darstellung seiner eigenen filmischen Dichtkunst. Denn dichten, das ist es, was dieser eigenwillige Italiener macht. Er verzaubert das Profane, den Alltag und den Schrecken in etwas Ergreifendes und trotzt ihm einen Sinn ab; die ästhetische Umarbeitung der Wirklichkeit, darin liegt die besondere Kunst dieser Filme.

Die Hand Gottes ist voller Überhöhungen und Realitätsverweigerungen. Gleich am Anfang wird Tante Patrizia von einem mysteriösen Mann in eine verfallene Villa geführt. In einem Raum, in dessen Mitte ein erhabener Kronleuchter auf den Boden gekracht ist, trifft sie auf einen kleinen Mönch, der sie von ihrer Unfruchtbarkeit heilen soll. Mit eben diesem kleinen Mönch, der eine Sagenfigur Neapels ist, wird der Film auch enden. Was wirklich passiert ist, darüber lässt uns Sorrentino im Unklaren. Schließlich sollen die Bilder weiter zirkulieren.

Die Hand Gottes (2021)

Neapel, in den 1980er-Jahren: Der junge Fabietto wächst bei seiner komplexen Familie auf, die einen verschwenderischen Lebensstil pflegt. Er schwärmt für den hiesigen Fußballklub SSC Neapel, der zu seiner Freude den argentinischen Weltklassespieler Diego Maradona unter Vertrag nimmt. Doch Fabietto wird in dieser Zeit auch mit einer unerwarteten Tragödie konfrontiert. Freude und Leid wechseln sich im Leben des Jugendlichen ab und weisen ihm den Weg in die Zukunft eines aufstrebenden Filmregisseurs.

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