Die Frau, die rannte (2020)

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Während einer Geschäftsreise ihres Mannes besucht eine Frau drei frühere Freundinnen, unterhält sich mit diesen und offenbart dabei mehr über ihr Leben, als ihr bewusst ist.

Die Frau, die rannte (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Von Katzen und Menschen

Der unbestrittene Festivalliebling Hong Sang-soo ist ein Meister der kleinen Form: Seine Filme (24 sind es mittlerweile geworden, seitdem er 1997 mit The Day The Pig Fell Into the Well sein Debüt feierte) wirken karg und günstig produziert, kein Schnickschnack — nur ein paar Schauspieler*innen, ein Plot, wenige, überwiegend vorgefundene Sets, das war’s, mehr braucht er nicht für seine Filme. Und dennoch offenbart sich gerade darin, in dieser Beschränkung und Verknappung der Mittel, eine Weltsicht und Perspektiven in das Leben der Figuren hinein, die voller kostbarer Momente und feiner Beobachtungen stecken.

Gam-hee (Kim Min-hee) ist zum ersten Mal seit ihrer Heirat allein, da sich ihr Mann auf Geschäftsreise befindet. Nie zuvor in den fünf Jahren ihrer Ehe („He says that people in love should always stick together“, erklärt sie die Zurückgezogenheit in einer Szene — und später noch einmal) waren sie für einen Tag getrennt und nun ist er gleich einige Tage weg, was Gam-hee dazu benutzt, um nacheinander zwei Freundinnen zu besuchen, die sie durch die Zweisamkeit der Ehe ein wenig aus den Augen verloren hat. Und eine dritte wird sie per Zufall in einem Kino treffen. Während dieser Begegnungen entspinnen sich Dialoge zwischen den Frauen — über das Leben, die Liebe, die Männer, die hier kaum je auftauchen. Und nur auf den ersten Blick wirken diese Gespräche banal, denn zwischen den Zeilen offenbart sich mehr, als man zunächst glaubt — und das gerade dadurch, dass die Gespräche einander stark ähneln, dass Gam-hee immer wieder das Gleiche oder zumindest Ähnliches erzählen und sich immer auch ein wenig rechtfertigen wird.

Es sind Begegnungen, in denen sich die Frauen erstmal wieder einander annähern müssen — und doch spürt man zwischen den Zeilen, was vor allem Gam-hee bewegt und dass sich hinter der Fassade der Zufriedenheit so manche Enttäuschung und Frustration verbirgt. Und auch bei ihren Gesprächspartnerinnen zeigen sich kleinere und größere Lebenslügen in all dem, was sie sagen und was sie lieber verschweigen. Und wenn Gam-hee bei jedem ihrer Gespräche sagt, dass sie so wie ihre Freundinnen auch leben könnte und gerne würde, dann schimmert darin keine Höflichkeit hindurch, sondern vielmehr das Eingeständnis, dass ihr die Enge ihrer Partnerschaft ganz und gar nicht behagt.

Männer tauchen in diesen Episoden nur am Rande auf, sie sind eher Störenfriede und werden entweder schnell an der Tür abgewimmelt, wie ein nerviger Schriftsteller, mit dem Su-Young mal eine kurze und natürlich vom Alkohol befeuerte Affäre hatte. Einem anderen Eindringling in die Frauenfreundschaften beschert der Film immerhin die zweifelsohne schönste Szene des gesamten Werks: Darin streitet sich Young-ji, die Mitbewohnerin von Gam-hees Freundin Young-soon, mit einem Nachbarn, der gerade erst in die Gegend gezogen ist. Der Grund für die ruhig und höflich-zurückhaltend geführte Auseinandersetzung sind die streunenden Katzen der Gegend, die von den Frauen liebevoll gefüttert werden. Da der neue Nachbar und dessen Frau aber nicht gerade Katzenfreunde sind, wollen sie dies unterbinden, um die „Räuberkatzen“ nicht weiter anzulocken. Doch Young-ji und Young-soon, die sich später dazugesellt, stellen sich stur und sehen es keineswegs ein, ihr Tun zu unterlassen. Und während des ganzen Dialogs voller absurder Komik sitzt eine der sehr gut im Futter stehenden Katzen am Bildrand, beobachtet die Szenerie, bei der es um ihr weiteres Schicksal geht, sichtlich desinteressiert und wird am Ende herzhaft in die Kamera gähnen, die am Schluss auf das Tier zoomt.

Auf den ersten Blick ist The Woman Who Ran (ein Titel, der sich eigentlich auf jede der Frau beziehen könnte, auch wenn wohl Gam-hee gemeint ist) ein unspektakulärer Film, der seine wahre Größe erst bei genauerem Hinsehen und Hinhören offenbart. Aber gerade dies macht ihn zu einem Film, wie man ihn selten findet — im Kino ebenso wie auf einem Festival der Berlinale.

Die Frau, die rannte (2020)

Während sich ihr Ehemann auf einer Geschäftsreise befindet, trifft Gamhee drei ihrer Freunde in den Außenbezirken von Seoul. Oberflächlich betrachtet plaudern sie nur freundlich miteinander, doch dahinter verbirgt sich noch etwas anderes.

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