Die Frau des Zoodirektors (2017)

Die Frau des Zoodirektors (2017)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein menschlicher Zoo

Gibt es auch bereits zahlreiche Geschichten über das Warschau während des Zweiten Weltkriegs, von denen sich die meisten insbesondere auf das berüchtigte Ghetto fokussieren, sind längst nicht alle erzählt. Basierend auf dem Roman Die Frau des Zoodirektors der US-amerikanischen Autorin Diane Ackerman hat die neuseeländische Filmemacherin Niki Caro diesbezüglich einen Aspekt inszeniert, der bisher überwiegend unberücksichtigt blieb: Die Rolle des Warschauer Zoologischen Gartens und seines seit 1928 amtierenden Direktors Jan Żabiński und seiner Familie bei der Rettung einiger jüdischer Menschen in Lebensgefahr. Im Zentrum des Films steht die couragierte Persönlichkeit von Antonina Żabińska als passionierte Tierexpertin und überzeugte Humanistin, die sich in diesen Zeiten mit ihrer Familie waghalsig auf gefährlichen Pfaden bewegt.

Noch führen der Zoodirektor Jan Żabiński (Johan Heldenbergh), seine Frau Antonina (Jessica Chastain) und sein Sohn „Ryś“ Ryszard (Timothy Radford) ein ganz auf die Tiere ausgerichtetes, harmonisches Leben in ihrer kleinen Villa mitten im Zoologischen Garten Warschaus. Antonina fühlt sich im Zoo weitaus wohler als auf gesellschaftlichem Terrain und hat sich längst zu einer versierten Spezialistin für die Belange der unterschiedlichsten tierischen Zoobewohner entwickelt. So assistiert sie erfolgreich bei der schwierigen Geburt eines Elefantenkalbs, was ihr einmal mehr die Bewunderung des deutschen Zoologen Lutz Heck (Daniel Brühl) einträgt, der offensichtlich auch darüber hinaus für die aparte Schönheit schwärmt. Die Situation in Warschau und damit das Dasein der Familie sowie ihres langjährigen Tierpflegers Jerzyk (Michael McElhatton) ändern sich jedoch drastisch, als 1939 die Nationalsozialisten Polen überfallen und besetzen.

Bei einem Bombenangriff wird der Zoo weitgehend zerstört, wobei viele Tiere sterben, und es ist nunmehr der nazigetreue Lutz Heck, dem die Aufsicht über das Gelände, die verbliebenen Bestände und auch über die Żabińskis übertragen wird. Diese – vor allem Antonina – kooperieren notgedrungen mit Lutz Heck, um den übrigen Zoo zu erhalten und möglichst unauffällig zu wirken, denn insgeheim engagiert sich die Familie im Widerstand gegen die Deutschen. Als die Situation in Warschau immer lebensbedrohlicher für unzählige Menschen wird, verstecken die Żabińskis zunächst eine jüdische Freundin Antoninas in ihrem Heim. Doch immer mehr Verfolgte benötigen ihre Hilfe, so dass sie schließlich die ehemaligen Tierunterkünfte des Zoos als Unterschlupf für gefährdete Juden nutzen. Eine heikle Entscheidung, denn Lutz Heck nutzt das Gelände für seine zoologischen Experimente und schwänzelt zudem immer enger um Antonina herum …

Die Frau des Zoodirektors ist bei allen historischen Hintergründen in erster Linie ein eindringliches Frauen-Porträt, so sensibel wie mit gewohnter Souveränität von Niki Caro (Whale Rider, 2002, Kaltes Land / North Country, 2006) inszeniert. Anfangs idyllische Bilder des Zoologischen Gartens werden später mit denen seiner Zerstörung und grauenhaften Darstellungen des Warschauer Ghettos kontrastiert, und auch die filigran gezeichnete Figur der Antonina erlebt krasse Gegensätze. Diese couragierte Frau kämpft nicht nur mit den Schrecken der Zeit und um das Überleben einiger bedrohter Menschen, sondern gerät auch noch in tiefgreifende Konflikte mit ihrem Mann Jan, bei seltenen innigen Momenten der Liebe und des Begehrens. Gleichzeitig bemüht sie sich, ihren Sohn Ryś zu schützen, der trotz seines jungen Alters gewaltige Geheimnisse wahren muss und durch eine Unachtsamkeit ganz gefährlich in das Visier des deutschen Zoologen gerät.

Es ist eine besondere Qualität des Films, dass die Lebensumstände der Menschen unter der Nazi-Herrschaft in einigen banalen bis bedeutsamen Facetten zum Ausdruck kommen. Antoninas Charakter und Engagement vermögen es, bei aller Verzweiflung dennoch dort Trost zu spenden, wo er existenziell wichtig ist, und solche intensiven Szenen puristischer Humanität lassen sie zu einer ganz großen Heldin werden, auch repräsentativ für all diejenigen, deren Geschichten unerwähnt bleiben. Wenn im Bonusmaterial der DVD dann ihre Kinder als ältere Herrschaften auftreten und ihre Tochter Teresa von der Wärme ihrer Mutter erzählt, spricht dies einmal mehr für das hervorragende Schauspiel Jessica Chastains als Antonina. Das Ehepaar Żabiński erhielt 1968 die israelische Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ und liegt auf dem berühmten Powązki-Friedhof in Warschau begraben.
 

Die Frau des Zoodirektors (2017)

Gibt es auch bereits zahlreiche Geschichten über das Warschau während des Zweiten Weltkriegs, von denen sich die meisten insbesondere auf das berüchtigte Ghetto fokussieren, sind längst nicht alle erzählt. Basierend auf dem Roman „Die Frau des Zoodirektors“ der US-amerikanischen Autorin Diane Ackerman hat die neuseeländische Filmemacherin Niki Caro diesbezüglich einen Aspekt inszeniert, der bisher überwiegend unberücksichtigt blieb: Die Rolle des Warschauer Zoologischen Gartens und seines seit 1928 amtierenden Direktors Jan Żabiński und seiner Familie bei der Rettung einiger jüdischer Menschen in Lebensgefahr.

  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
Martin Zopick · 12.11.2021

Der nichtssagende, eher verharmlosende Titel dieser wahren Geschichte zielt in die falsche Richtung. Der Film spielt im von den Nazis besetzten Warschau während des 2. Weltkrieges. Das Bombardement der polnischen Hauptstadt zerstört auch den Zoo. Die zentrale Figur Antonina (Jessica Chastain) versucht gegen den Willen ihres Mannes Jan Zabinski (Johan Heldenbergh) ihre Villa und den dadurch entstandenen Freiraum zu nutzen, den verfolgten Juden eine Möglichkeit zur Flucht aus dem Ghetto zu verschaffen. Hitlers Chefzoologe Dr. Heck (Daniel Brühl), der in Antonina verliebt ist, zeigt sich vorübergehend kooperativ. Offiziell wollen Jan und seine Frau als Fleischlieferant für die Armee eine Schweinezucht eröffnen. Sie verstecken Juden in Lebensmittelabfällen für den Transport in die Freiheit.
Erschießungen und die Vergewaltigung eines Mädchens schaffen ein latentes Klima der Angst, denn hinter jeder Aktion der Deutschen lauert der Tod. Auch Dr. Heck ist ein unsicherer Kantonist. Antonina kann ihn nur eine Zeitlang manipulieren.
Der Warschauer Aufstand (1944) wird thematisiert. Der Direktor des Zoos hat sich inzwischen der Volksarmee angeschlossen. Bei der Räumung des Ghettos wird kurz Dr. Korczak in einer Szene gezeigt, der zusammen mit den Kindern wirklich ins KZ gegangen war. Antonina kann einer Vergewaltigung durch Dr. Heck nur knapp entkommen, weil der Krieg zu Ende ist. Er entdeckt die Kellerräume, in denen die Juden Unterschlupf gefunden hatten. Die Spuren an den Wänden sind beeindruckende Zeugnisse menschlicher Existenz. Beinahe hätte Antoninas kleiner Sohn Ryszard seine Mutter noch in Bedrängnis gebracht, weil er einen Wand-Slogan laut ruft ‘Hitler kaputt!‘ Dr. Heck droht ihn zu erschießen. Als Ryszard draußen weiße Flocken sieht, ruft er ‘Schnee!‘ Die stammen aber aus den Schloten der Verbrennungsanlage. Die Regisseurin Niki Caro, die bereits mit ‘Whale Rider‘ und ‘Kaltes Land‘ überzeugt hatte, lässt den Film mit Bildern vom Wiederaufbau Warschaus und einer Familienzusammenführung der Zabinskis ausklingen. Spannende Unterhaltung mit Niveau.

Kommentare