Die fantastische Reise des Dr. Dolittle (2020)

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Der neue „Dr. Dolittle“ ist das Chaos schlechthin. Können wenigstens die fluffigen Tiere, ein Staraufgebot an Synchronstimmen, oder Robert Downey Jr. retten, was hier vermurkst wurde?

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle (2020)

Eine Filmkritik von Artemis Linhart

Ein Kunstfehler

Die Jugend von heute bekommt ihren eigenen Dr. Dolittle. Dieser hat mehr Tiere im Schlepptau, denn je zuvor. Die – durchaus putzigen – flauschigen und gefiederten Gefährten können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, was bei diesem Film alles schiefgelaufen ist. “Die fantastische Reise des Dr. Dolittle” ist beispielhaft dafür, dass das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile. In der Theorie hat der Film alles, was man für einen Kassenschlager mit Sequel-Potenzial braucht: Ein Staraufgebot an Synchronstimmen (im Original Octavia Spencer, Marion Cotillard und Emma Thompson, um nur ein paar zu nennen), einen Haufen sympathischer CGI-Tiere, einen Oscar-gekrönten Regisseur, Antonio Banderas im Kerzenschein, und natürlich Robert Downey Jr. — Was dabei herauskommt, wenn man all das in einen Topf wirft und einmal kräftig umrührt, ist der erste Anwärter für den schlechtesten Film des Jahres.

Die Evolution des Dr. Dolittle Franchise ist eine durchaus interessante. Es scheint, als würden die Verfilmungen über die Generationen hinweg sukzessive bizarrer. Angefangen hat alles mit Hugh Lofting, der als Soldat im Ersten Weltkrieg den namensgebenden Doktor erfand. Um seinen Kindern die düstere Realität des Krieges zu ersparen, schickte er ihnen statt regulären Briefen ausgedachte Geschichten, die er selbst illustrierte. Diese bildeten die Grundlage für seine Buchreihe über John Dolittle, deren erster Band 1920 erschien.

Die erste, die sich filmisch an den Stoff heranwagte, war Ende der 1920er die deutsche Universal-Künstlerin Lotte Reiniger. Ihre drei Silhouetten-Animationsfilme waren jeweils rund acht Minuten lang. Der Rest ihrer geplanten Dolittle-Filmreihe konnte nicht finanziert werden. Rund 40 Jahre später folgte Richard Fleischer, der auch als Regisseur von Die phantastische Reise (Fantastic Voyage, 1966) und … Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green, 1973) von sich reden machte. Er inszenierte einen Oscar-prämierten Musical-Film mit Rex Harrison.

Weitere 30 Jahre später führte Betty Thomas den Tierdoktor mit Eddie Murphy an eine neue Generation von Kindern heran. Dass das nicht allzu gut enden konnte, realisierte irgendwann auch Murphy selbst. Er zog sich nach 2 Filmen aus dem Franchise zurück und gab den Kittel an eine erstmals weibliche Dr. Dolittle (Kyla Pratt) ab. Die Dolittle-Version für Generation Z und Alpha ist jene mit Robert Downey Jr. und es drängt sich leise die Frage auf, ob das wohl etwas über die Entwicklung der Gesellschaft im Allgemeinen aussagt. Wenn ja, dann sicherlich nichts Gutes.

Der John Dolittle des Jahres 2020 ist eigentlich einer der Viktorianischen Ära. Die Königin (Jessie Buckley) ist schwer erkrankt und verlangt nach ihrem alten Freund, dem holistischen Heiler. Doch dieser hat sich längst aus der Gesellschaft zurückgezogen und verkehrt nicht mehr mit Menschen. Seit dem Tod seiner Frau vor sieben Jahren hat er mit der Welt außerhalb seines Anwesens abgeschlossen. Dieses teilt er mit Tieren aus aller Welt, die längst sichtlich besorgt sind um den Gemütszustand ihres menschlichen Freundes. Dolittle ist äußerlich ziemlich verwahrlost. Sein zu langer Bart ist an manchen Stellen fast zu Dreadlocks verfilzt und beheimatet inzwischen einen kleinen, ebenfalls bärtigen, Mäuserich.

Doch es geht nicht nur um das Leben der Queen. Im Fall ihres Todes geht Dolittles Grundstück samt Anwesen, das Königin Victoria ihm zeitweilig zur Verfügung gestellt hat, in den Besitz des britischen Schatzamtes über. Zeit also, die Zähne zusammen zu beißen und sich wieder hinaus in die Welt zu wagen. Nachdem ihm seine Tierfreunde eine “vehemente Körperpflege” verpasst haben, ist der Bart ab (denkt denn niemand an Herrn Maus?) und der Doktor wieder präsentabel. Er schwingt sich auf den nächstbesten Vogelstrauß und reitet zum Buckingham Palace.

Mit dabei ist auch ein Junge namens Tommy (Harry Collett), der es sich in den Kopf gesetzt hat, Dolittles Lehrling zu werden. Es stellt sich heraus, dass die Königin vergiftet wurde und der Einzige, der das Gegenmittel auftreiben kann, ist – richtig – unser guter alter Tierdoktor. So machen sich Dolittle, zehn seiner besten Freunde (diverses Getier) und Tommy auf zur Insel Sumatra, wo lediglich Michael Sheen als Dolittles Erzfeind und Antonio Banderas als König der Piraten zwischen ihnen und dem gesuchten Heilmittel stehen.

Diese abenteuerliche Mission hilft Dolittle letztendlich, seinen Platz in der Welt aufs Neue zu entdecken und trägt somit auch zu seiner eigenen Heilung bei. Was man dem Film zugutehalten kann, ist, dass er auch gesundheitliche Beschwerden der psychischen Sorte thematisiert. Neben Dolittles offensichtlicher depressiver Episode schlagen sich auch seine tierischen Kumpanen mit diversen seelischen Problemen herum. Da gibt es den sumatrischen Tiger mit dem Mutterkomplex; den Drachen mit dem Verlusttrauma; den Gorilla mit den Selbstwertproblemen und Versagensängsten. All diese Beschwerden erkennt Dolittle, nimmt sie ernst und geht sie mit Gefühl an. Er behandelt Tiere und Menschen ganzheitlich, diagnostiziert und therapiert psychische Angelegenheiten mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die physischen.

Vor allem das jüngere Publikum könnte davon profitieren, dass hier psychische Leiden dezent destigmatisiert werden. Vielleicht macht es Mut, zu sehen, dass selbst große und wilde Kreaturen wie ein Gorilla manchmal Angst haben können und dass das durchaus in Ordnung ist. Ansonsten vermittelt der Film weniger progressive Werte. Die (menschlichen) weiblichen Figuren sind ausschließlich dazu da, den Plot voranzutreiben – allen voran die Queen als „Jungfrau in Nöten“.

Dolittles Frau musste einen tragischen Tod finden, um die Existenzkrise des Protagonisten zu evozieren, die Tochter der Königin (Carmel Laniado) dient als Tommys love interest und muss zuhause bleiben, um ihre kranke Mutter zu pflegen, während Dolittle und sein Lehrling sich ins große Abenteuer stürzen. Die weiblichen Charaktere übertreffen damit auch die restlichen Figuren in ihrer Eindimensionalität.

Das bei weitem Schlimmste an dem Film aber ist seine Inkohärenz. Sowohl in Bezug auf den Plot, als auch formal wirkt er wie eine Aneinanderreihung bestenfalls lose zusammenhängender Elemente. Die Charaktere reden im wahrsten Sinne des Wortes aneinander vorbei – es wirkt mitunter, als würden sich ihre Blicke im Dialog nicht einmal treffen. Der Film kann sich nicht entscheiden, wo er hinwill, geht in mehrere Richtungen zugleich und bewegt sich dabei doch nirgends so wirklich hin. Er findet keine richtige Balance zwischen bemühtem Übermut und den vereinzelten düsteren Komponenten. Bei all der Zerfahrenheit bleibt die potenziell herzerwärmende Geschichte über Isolation, Trauer und Verletzlichkeit auf der Strecke.

Auch sprachlich herrschen grobe Unstimmigkeiten. Die Jugendsprache mancher der Tiere passt nicht in das viktorianische Setting des Films und ist nur ein weiterer Beitrag zu diesem unsorgfältig zusammengestückelten Durcheinander aus flachen Witzen und unkoordinierten, hastig abgespulten Story-Elementen. Was eine schöne Geschichte über freundschaftlichen Zusammenhalt und Nächstenliebe hätte sein können, ist stattdessen ein seichtes, substanzloses Etwas. Hektisch, sprunghaft und gleichzeitig doch so vorhersehbar und öde. Nichts an diesem Film vermag es, einen in seinen Bann zu ziehen – auch (oder erst recht) nicht das exzessive Pathos, das Robert Downey Jr. seiner Rolle des Dolittle verleiht.

Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie es nur so weit kommen konnte, dass aus Hugh Loftings unbedarften Briefchen etwas derartig Jenseitiges entstand. Dazu lohnt es sich, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Produktions-Umstände dieses Ungetüms sprechen für sich: Die etwas eigenwillige Wahl des Regisseurs fiel auf Stephen Gaghan, der in den 2000ern mit politischen Filmen wie Traffic – Macht des Kartells und Syriana Oscar-Buzz generierte. Als Gaghans Vision eines neuen Dolittles bei Test-Screenings negative Ergebnisse einfuhr, wurde kurzerhand der Kinostart um neun Monate verschoben und das Umschreiben sowie Nachdrehen von Teilen des Films veranlasst. Regie führte nun Jonathan Liebesman, der bisher maximal Razzie-Buzz generiert hat. Dem Endresultat nach zu schließen, scheint das Ausmaß der nötigen Schadensbegrenzung zu diesem Zeitpunkt aber bereits kaum noch bewältigbar gewesen zu sein.

In einem anonymen Reddit-Post ließ ein angeblicher Mitarbeiter seinen Ärger und so manches Geheimnis über die Produktionsbedingungen des Films verlauten. Beispielsweise seien unter der Führung von Gaghan Szenen gedreht worden, bevor überhaupt geplant worden war, wo die animierten Tiere platziert werden sollten. Bezüglich der Ablösung Gaghans witzelte der Poster: „Den derzeitigen Stand der Dinge kenne ich nicht, aber wenn der Film auch nur im Entferntesten sehenswert ist, dann haben die neuen Leute eine Medaille verdient.” Ob man diesen Gerüchten Glauben schenkt oder nicht, hängt nicht unwesentlich davon ab, ob man den Film schon gesehen hat. Dass er nun im “dump month” Januar erscheint, in dem oft Kinostarts deponiert werden, die voraussichtlich floppen werden, ist vielleicht das einzig Stimmige in Bezug auf diese Produktion.

Die Zielgruppe des Films sind definitiv Kinder. Dolittle ist bunt, laut und rasant und wartet mit reichlich Furz-Witzen auf. Für das erwachsene Publikum werden zwischendurch Rush Hour und Scarface Referenzen eingestreut, die – wie auch der Film in seiner Gesamtheit – willkürlich und lieblos erscheinen. Die fantastische Reise des Dr. Dolittle ist mühsam, während er andauert, doch vergessen, sobald man den Kinosaal verlässt. Insgesamt also ein harmloser, durchaus familienfreundlicher Action-Adventure-Film, der überladen genug ist, um Kinder bei Laune zu halten, und zu belanglos, um mehrmals gesehen werden zu wollen.

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle (2020)

Als die junge Queen Victoria (Jessie Buckley) erkrankt, setzt Dr. John Dolittle (Robert Downey Jr.) zusammen mit seinen exotischen Tieren Segel zu einer mystischen Insel um ein Heilmittel zu finden. Dort begegnen ihm nicht nur alte Widersacher, sondern auch sagenhafte Kreaturen.

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Meinungen
Markus · 27.03.2020

Also ich finde den Film durchaus gelungen. Ich habe Ihn mit meiner Tochter zusammen im Kino gesehen. Ich hatte den Eindruck auch die andren Gäste waren begeistert. Ich konnte sehr gut in die Geschichte eintauchen und den Alltag vergessen. Sollte das nicht ein guter Film leisten ? ich gucke sehr viele Filme und verstehe nicht warum dieser Film so zerrissen wird. Vielleicht wird auch nur nachgelabert, ohne den Film selbst zu schauen.

Bernd · 16.02.2020

Der schlechteste Film den ich in den letzten Jahren gesehen habe. Mein Geschmack überhaupt nicht getroffen.

Markus · 27.03.2020

Was für Filme schaust du denn sonst ? Man darf nicht Äpfel mit Birnen vertauschen.
Wenn man den Film als Kinderfilm sieht, dann er ganz bestimmt nicht der Schlechteste der letzten Jahre.
Oder Sie schauen sonst keine Kinderfilme

Kommentare

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