Die Familie mit den Schlittenhunden

Die Familie mit den Schlittenhunden

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Familienleben in der weißen Wildnis

Nachbarn gibt es hier oben keine – der nächste wohnt 20 Kilometer weit weg, die nächste größere Siedlung befindet sich in 80 Kilometer Entfernung, zu einer richtigen Stadt gar, die diesen Namen auch verdient, sind es 350 Kilometer Entfernung. Dazwischen liegen die endlosen Weiten des kanadischen Winters, der hier oben am Großen Sklavensee endlos zu sein scheint und dessen grimmige Kälte allein schon beim Zuschauen frösteln lässt. In dieser unwirtlichen Umgebung fernab jeglicher Zivilisation lebt die Familie Olesen, bestehend aus den Eltern Dave und Kristen und den beiden Töchtern Annika und Liv. Ebenfalls zur Familie gehören – der Titel deutet dies ja bereits an — 37 Schlittenhunde, die im kargen Leben der Familie eine wichtige Rolle spielen. Und das liegt nicht nur daran, dass sich Annika auf ihre Teilnahme am Junior-Iditarod, dem härtesten Schlittenhundrennen der Welt für Kinder und Jugendliche, vorbereitet.
Es sind vor allem und in erster Linie die extremen Lebensumstände, die die Existenz der Familie Olesen bestimmen. Da der Schulweg zu weit wäre, unterrichten Vater und Mutter die beiden Mädchen selbst. Und statt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, beschäftigen sich Annika und Liv mit den Hunden, die hier droben fast schon fehlende Freunde ersetzen. Vor allem aber geht es ums alltägliche Überleben, um die Mühen der Nahrungsbeschaffung, des Holzvorrates, um all die Hemmnisse, die ein Leben jenseits der fast permanenten -25°-Marke mit sich bringen. Da ist zum Beispiel die Sache mit der Hygiene. An das Verlegen einer Wasserleitung zum Betrieb einer Dusche ist wegen des grimmigen Frostes natürlich nicht zu denken, also hat man sich damit abgefunden, dass eine gründliche Wäsche einmal in der Woche ausreichen muss, wie Dave erklärt. Außerdem trage man so viele Schichten Kleidung übereinander, dass der Körpergeruch nicht so schnell nach außen dringen würde. Und überhaupt: Man ist ja unter sich…

Überhaupt versorgen sich die Olesens weitgehend autonom und bemühen sich darum, einfach nur ein Bestandteil des natürlichen Kreislaufs zu sein: Wenn man Glück hat, geht ein Schneehuhn oder ein Hase in die Falle. Und wenn nicht, dann gibt es eben wieder mal Fisch, wie Kristen an einer Stelle erklärt. Und man braucht schon sehr feine Ohren, um dabei eine Spur von Genervtheit herauszuhören.

Ansonsten überwiegt bei der Alltagsbeobachtung der Familie mit den Schlittenhunden vor allem die Faszination für die unbeschreibliche Natur, das Glitzern des Schnees, das blendend helle Sonnenlicht, das einfache Leben im Einklang mit der Umwelt. Und ein wenig scheint es so, als seien auch die beiden Filmemacher Ralf Breier und Claudia Kuhland dem arktischen Zauber der weißen Wildnis erlegen. Kritische Nachfragen darüber, ob den beiden Töchtern nicht ein „normales“ Umfeld von Gleichaltrigen fehle, sucht man ebenso vergebens wie eine konkretere Erforschung der Gründe, die die Olesens zu ihrem Ausstieg veranlasst haben. Wären da nicht die Vorbereitungen auf das Hundeschlittenrennen, würde der Film zwar durchaus ansehnlich gefilmt, aber weitgehend spannungsfrei vor sich hinplätschern.

Doch auch die geschickt als Rahmenhandlung platzierte Episode des Hinarbeitens auf das große Rennen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Film ein wenig davor drückt genauer hinzuschauen und das ungewöhnliche Lebensmodell der Olesens zumindest ansatzweise kritisch zu hinterfragen. Was darüber hinaus bleibt, ist die Erkenntnis, dass unser mitteleuropäisches Familienleben (zumindest dann, wenn man wirtschaftlich abgesichert ist), ein wahres Zuckerschlecken ist gegen den Lebensentwurf, den Die Familie mit den Schlittenhunden Tag für Tag der Natur abtrotzt.

Die Familie mit den Schlittenhunden

Nachbarn gibt es hier oben keine – der nächste wohnt 20 Kilometer weit weg, die nächste größere Siedlung befindet sich in 80 Kilometer Entfernung, zu einer richtigen Stadt gar, die diesen Namen auch verdient, sind es 350 Kilometer Entfernung. Dazwischen liegen die endlosen Weiten des kanadischen Winters, der hier oben am Großen Sklavensee endlos zu sein scheint und dessen grimmige Kälte allein schon beim Zuschauen frösteln lässt.
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