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Ein Film über Trauer, schwere Vergangenheit, über Bewältigung – der atmosphärisch stimmig ist, aber zu sehr auf Dialoge, auf künstliche Erzählmittel setzt, um authentisch zu sein.

Der Russe ist einer, der Birken liebt (2022)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Mechanische Birken

Pola Beck beginnt ihren Film als Verrätselung. Eine Frau im Bett, voller Lust. Dabei ein Mann, der Lust bereitet und dabei zu einem anderen Mann wird – bis der Wecker ertönt. Zwei Frauen im Bett. Schnitt – eine längst verlassene Wohnung, staubig, mit verfaultem Obst. Schnitt – eine Frau am Strand, langsam steigt sie ins Wasser, Großaufnahmen betonen ihre Schritte im weichen Sand. Sie schwimmt, sie liegt im Wasser und spielt toter Mann. Der Zuschauer wird mit schönstem Expressionismus hineingeworfen ins verwirrende und widersprüchliche Leben von Mascha (Aylin Tezel), in die Pole ihres Lebens zwischen Freude und Trauer.

Mascha fährt Auto, offenbar hat sie es eilig, sie putzt am Lenkrad die Zähne, hat kein Wasser dabei, spült mit Kaffee: Es ist dies eine weitere Szene des Anfangs, und es ist eine Szene, wie sie nur in Filmen vorkommt, nicht im wirklichen Leben spielt. Es ist eine Szene, die lediglich zur Erklärung, zur Charakterisierung der Hauptfigur dienst: chaotisch, schnell in den Tag hinein lebend, frei. Später eine weitere dieser Szenen: Ein Freund kommt vorbei und benutzt ihre Waschmaschine, und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, erzählt dieser Cem (Sohel Altan Gol) gleich von seiner anstehenden Hochzeit mit seinem Freund.

Das ist das Problem von Der Russe ist einer, der Birken liebt: Viele Szenen, viele Figuren sind rein funktional, arbeiten einfach der Handlung zu, ohne diese Funktionalität auch nur im Ansatz zu verstecken. Cem beispielsweise ist immer da, um Mascha Trost zu spenden, um zu reden. Ja, er taucht sogar in Israel auf, einfach, weil der Handlungsfortgang dies erfordert; er ist eine solche Drehbuchfunktion.

Mascha ist tieftraurig. Eine bodenlose Melancholie durchzieht den Film. Atmosphäre kann man ihm keinesfalls absprechen: Wir erleben ihre Liebe zu Elias (Slavko Popadic), wir erleben, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wird nach einem schlimmen Sportunfall, der Elias lange ins Krankenhaus bringt. Wir erleben ihre tiefe, tiefe Trauer nach seinem Tod. Wir erleben ihre Flucht vor sich selbst, nach Israel, ihr neues Verliebtsein – eine Achterbahnfahrt der Gefühle, Gefühle, die der Film mixt: Indem er zeitlich hin und her schneidet, die verschiedenen Emotionen und Stimmungslagen von vor und nach dem Trauerfall aufeinanderprallen lässt, dadurch starke Dynamik, aber auch anfängliche Verwirrung erzeugt.

Das zweite Problem des Films: Wenn es um die Authentizität der Gefühle geht, darf man die Wahrhaftigkeit nicht überstrapazieren. Ein offener Oberschenkelbruch beim Fußball kann passieren. Ebenso, dass sich die OP-Narbe entzündet. Weniger glaubwürdig aber ist, dass Elias nach Wochen (der Gips ist ab) – die Knochen sind geheilt – nachts einen erneuten Entzündungsschub bekommt: ein Fieberanfall und dann ist er Tod. Eine nie heilende Wunde, die zum Tod führt, aber keinerlei Verantwortung des Krankenhauses für diese katastrophale Fehldiagnose? Das ist dann doch mehr als unwahrscheinlich.

Auch wenn die Bilder des Films stark und emotional sind, wird dennoch sehr viel über Dialoge gelöst. Die Liebe zwischen Elias und Mascha, die nie wirklich tief werden kann, weil Mascha wenig von sich erzählt – das wird uns erzählt, nicht gezeigt. Die Liebe Maschas zu Tal (Yuval Scharf), später, in Israel, die als Ex-Soldatin mit Kampferfahrung ebenso wenig von sich erzählt – das wird erzählt, nicht gezeigt. Die Gefühle Maschas – sie erzählt sie Cem, der ja immer punktgenau zur Stelle ist. Gezeigt werden sie nur vermittelt.

Es geht um Trauer, es geht um Bewältigung, es geht auch um Traumata: Mascha stammt aus Aserbaidschan, ist Jüdin, ist in Deutschland aufgewachsen. Sie kann fließend fünf Sprachen, arbeitet als Dolmetscherin und ist doch nirgends zu Hause. Du siehst nicht jüdisch aus. Du siehst nicht deutsch aus. Tal kann sie nicht in Schubladen stecken, beim Kennenlernen, im Vorgang des Verliebens – wie sieht ein Russe aus? Einer der jungen Israelis erklärt: Der Russe liebt Birken, er umarmt sie. Womit ein weiteres Symbol inklusive emotionaler Aufladung ins Spiel kommt, in das letztlich zu künstliche Spiel, das dieser Film treibt.

Der Russe ist einer, der Birken liebt (2022)

Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Olga Grjasnow erzählt der Film von der 29-jährigen Mascha, einer in Aserbaidschan geborene russische Jüdin, die in Köln versucht einer Karriere bei der UNO anzustreben. Doch dann lernt sie den Sportstudenten Elias kennen und die beiden ziehen sofort zusammen. Als Elias bei einem tragischen Sportunfall stirbt, flüchtet Mascha flüchtet aus ihrem Leben und zieht nach Tel Aviv.

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