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„Keine Faxen“, droht Räuber Hotzenplotz gerne seinen Gegenübern. „Das mag ich nämlich nicht.“ Und dann ist Vorsicht geboten. Denn Hotzenplotz ist der berüchtigtste Räuber der Welt, aber auch etwas müde und traurig. Wie das zusammengeht, zeigt Michael Krummenacher in seiner Neuverfilmung.

Der Räuber Hotzenplotz (2022)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Ohne Faxen

Es ist noch nicht allzu lange her, dass Gernot Roll den Buchklassiker von Otfried Preußler verfilmt hat. Nun gibt es erneut eine Verfilmung, dieses Mal unter der Regie von Michael Krummenacher. Wieder vereint sie die drei Bände vom Räuber Hotzenplotz und verknüpft ihre Episoden zu einer spielfilmtauglichen Geschichte, mit einigen anderen Wendungen als sein Vorgänger, vor allem aber ist diese Version viel weniger klamaukig, ernster und mit einer wunderbar komplexen Titelfigur.

Seit einigen Jahren treibt im Städtchen der gefürchtete Räuber Hotzenplotz (Nicholas Ofczarek) sein Unwesen. Jetzt aber hat er es nach Meinung von Kasperl (Hans Marquardt) und Seppel (Benedikt Jenke) zu weit getrieben: Er hat die Kaffeemühle der Großmutter geklaut, die sie ihr zum Geburtstag geschenkt hatten. Und weil Wachtmeister Dimpfelmoser nur Protokolle schreibt und die Uhr im Revier besser im Auge hat als jeden Räuber, aber nichts dafür tut, dass der Hotzenplotz gefasst und die Kaffeemühle zu ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückfindet, nehmen die beiden Jungs die Sache selbst in die Hand.

Schon in den ersten Szenen des Films von Michael Krummenacher werden die Stärken dieser Adaption deutlich: Er nimmt Otfried Preußler ausgedachte Geschichte in ihrer Einfachheit, ihrem Humor und ihrer Zauberhaftigkeit ernst, macht aus den Dialogen aus dem Buch eben keinen Klamauk und überdreht das Original nicht, wie das beim Hotzenplotz von Gernot Roll und vielen deutschen Kinderfilmen schnell der Fall ist.

Der Räuber Hotzenplotz nimmt auch seine Figuren ernst. Gerade dem Räuber gibt er eine wunderbare Ernsthaftigkeit und Mehrdimensionalität, die freudig überrascht. Dieser Hotzenplotz ist nicht zufrieden mit seiner Situation, er weiß, dass er böse sein soll, aber eigentlich hält er sich doch für einen guten Menschen und ist ehrlich getroffen, als Seppel ihm das Gegenteil vorwirft. Immer wieder denkt er über berufliche Alternativen nach, denn eigentlich hätte er viel bessere und schönere Ideen für sein Leben – wäre da nicht das Bild seines Vaters, eines berühmten, schrecklichen Räubers, eines Räubers eben, wie er im Buche steht, und in eben dieser Verpflichtung der Nachfolge sieht er sich gefangen. Nicholas Ofczarek spielt den Hotzenplotz mit viel Gefühl und Melancholie, aber auch etwas schräg und schauerlich – in genau eben dieser Schwebe, in der die Figur angelegt ist.

Großartig gezeichnet und großartig gespielt sind auch alle anderen Figuren: die Großmutter (Hedi Kriegeskotte), die den klarsten Blick auf die Dinge zu haben scheint und eine selbstbewusste, kämpferische Frau ist, die die Zügel gerne selbst in die Hand nimmt. Der Seppel, der in Der Räuber Hotzenplotz fast gewitzter erscheint als der Kasperl, eine sanfte Frau Schlotterbeck (Christiane Paul), ein nicht allzu tollpatschiger Dimpfelmoser (Olli Dittrich), eine mysteriöse Fee Amaryllis (Luna Wedler) und allen voran der große Zauberer Petrosilius Zwackelmann, herrlich gespielt von August Diehl mit einem herrlich entstellten Gebiss.

Dieser Zwackelmann ist nahe dran an der Figur aus dem Buch, und doch gibt ihm auch August Diehl wiederum eine Tiefe, wie man sie von einer (bösen) Figur in einem Kinderfilm nicht erwartet. Es macht unglaublich Spaß, ihm dabei zuzuschauen, wie er mit sich ringt, wie er von Seppel herausgefordert wird und nachgibt, oft nicht recht weiß, was er eigentlich antworten soll, seine Agenda hat, aber nicht zum Ziel kommt, und wie sehr ihn diese Menschen nerven. Dieses tief ausgeatmete Huahh nimmt man mit aus dem Kino.

Der Räuber Hotzenplotz stammt aus derselben Schmiede wie Die kleine Hexe (2018) mit Karoline Herfurth in der Hauptrolle. Und man merkt den Macher:innen ihre Erfahrungen mit Preußler-Stoffen an. Gerade der Filmanfang und auch die liebevolle Ausstattung erinnern sehr an Die kleine Hexe, und das passt einfach wunderbar. Die Melodie der Kaffeemühle ist von Anfang an ein wichtiges und stimmiges Motiv für die Geschichte, das passend eingesetzt und nicht – wie im Vorgängerfilm in der Dauerschleife – gespielt wird.

Das Setting ist wieder mit viel Liebe zum Detail ausgestattet, so hat man sich als Kind den Ort von Märchen und Geschichten vorgestellt, und so tun das bestimmt auch die Kinder von heute und werden im Film darin bestärkt: Das gemütliche Haus der Großmutter, nicht zu aufgeräumt, aber immer mit einer Leckerei auf dem Tisch und viel Herzenswärme im Bauch; die vollgestopfte Räuberhöhle, in der es allerhand zu entdecken gibt, und das unauffällige, aber doch faszinierende Schloss mit seinem unendlichen Turm, in dem alles herumfliegt, was ein Petrosilius Zwackelmann herbeizaubern kann.

Der Räuber Hotzenplotz ist ein guter, weil ernst gemeinter, unterhaltsamer und schöner Kinderfilm und ein würdiger Eröffnungsfilm für das Kinderfilmfest München. So soll Kinderkino sein: geliebte Geschichten mit viel Liebe auf die Leinwand gezaubert. Im Dezember soll der Film in die Kinos kommen, und wenn die Kassen stimmen, dann – so haben die Produzent:innen bei der Eröffnungsfeier verraten – denken sie auch gerne über einen zweiten Teil nach.

Der Räuber Hotzenplotz (2022)

Die Kaffeemühle der geliebten Großmutter (Hedi Kriegeskotte) wurde gestohlen! Kasperl und sein Freund Seppel machen sich umgehend auf, um den gerissenen Räuber Hotzenplotz (Nicholas Ofczarek) zu fangen. Unglücklicherweise geraten sie dabei in die Hände des Räubers sowie des bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmann (August Diehl), bei dem sie die wunderschöne Fee Amaryllis (Luna Wedler) entdecken, die es nun ebenfalls zu befreien gilt. Der ermittelnde Polizist Dimpfelmoser (Olli Dittrich) sowie die Hellseherin Schlotterbeck (Christiane Paul) mit ihrem zum Krokodil mutierten Dackel Wasti sorgen für weiteres Durcheinander. Werden es die beiden Freunde schaffen, dem Räuber Hotzenplotz das Handwerk zu legen?

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Meinungen

Axel Schultz · 23.10.2021

Finde es toll das der Klassiker immer wieder neu verfilmt wird. Bin gespannt wie Olli Dittrich als verteilter Dimpfelmoser ist.