Delete History (2020)

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Erpressung mit einem Sex-Video, Mobbing und zu viele Ein-Sterne-Bewertungen können zu einem lustigen Plot vermengt werden. Zumindest in den Händen von Benoît Delépine und Gustave Kervern.

Delete History (2020)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Nicht mal der Hacker kann sie retten

Marie (Blanche Gardin) muss erst einmal eine kurze Pause an einem Baum einlegen und sich am Rücken kratzen, als sie vom Einkaufen zurück in die Vorstadt-Siedlung kommt, in der sie lebt. Es sieht so aus, als wäre sie angetrunken und tatsächlich – bei ihrem Kumpel Bertrand (Denis Podaydès) trinkt sie erst einmal ein Bier. Danach macht sie noch einen Abstecher zu Christine (Corinne Masiero), trinkt selbst gebrautes Bier und geht dann nach Hause. Schließlich hat Maries Sohn Geburtstag, er wird 15 Jahre alt. Allerdings wohnt ihr Sohn schon seit zwei Monaten nicht mehr bei ihr, er ist mit seinem Vater ausgezogen.

Maries Haus ist leer, es fehlen Einrichtungsgegenstände, auch bei Christine und Bertrand ist zu erkennen, dass irgendetwas im Leben dieser drei durchschnittlichen Erwachsenen nicht ganz rund läuft. Sie leben nicht in einem sozialen Brennpunkt, sondern einer gepflegten Häuser-Siedlung. Aber Christine hat ihr Wohnzimmer untervermietet. Und Bertrand hängt ständig am Rechner oder Telefon. Daraus aber machen Benoît Delépine und Gustave Kervern nicht etwa ein Sozialdrama, sondern eine bissige, bittere Komödie.

Delete History erzählt von einer allumfassenden Überforderung von Menschen, deren Welt sich insbesondere durch technologische Veränderungen radikal verändert hat. Dabei schießen Delépine und Kervern in alle Richtungen: Überschuldung, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, geplatzte Lebensträume, Einsamkeit, konstante Preisvergleiche werden ebenso anvisiert wie geschlossene Postfilialen, Zeitarbeit und Sozialbetrug. Nicht jeder Witz, nicht jede Beobachtung sitzt – wenn es dem Regieduo aber gelingt, den Kern zu treffen, dann gibt es sehr komische Szenen. Beispielsweise als Christine Bertrand ihre Seriensucht gesteht und dabei alle Stadien einer Sucht abhandelt, inklusive Einstieg und sozialer Ausgrenzung. Oder Marie, die von einer Serverfarm in den USA träumt.

Ihre bissige Gesellschaftssatire bauen die Regisseure um drei große Probleme auf: Marie hat sich betrunken beim Sex filmen lassen und wird nun erpresst. Bertrands Tochter wird gemobbt und davon gibt es ein Video. Christine bekommt bei ihrem Fahrerjob immer schlechte Bewertungen, egal wie viel Mühe sie sich gibt. Für diese Probleme gibt es nur eine Lösung: God. Er sitzt in einem Windrad und ist ein Hacker. Tatsächlich aber hat auch Gods Handlungsspielraum Grenzen und sie müssen selbst tätig werden.

Delépine und Kervern sagen in ihrem Interview im Presseheft, dass ihr Film von ihrer Erfahrung beeinflusst ist, dass sie permanent von der modernen Welt überwältigt sind: man spricht nur noch mit automatischen Stimmen und fühlt sich von den immer neuen Angeboten ausgenutzt. In ihrem Film verbinden sie diese technologischen Veränderungen mit gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen: die drei Hauptfiguren haben sich beim Gelbwesten-Protest kennengelernt und sind nun Freunde. Dazu gibt es eine sehr schöne Szene, in der Christine in Indien anruft, weil sie bessere Bewertungen will. Der Angerufene fragt sie, ob sie auch Freunde braucht. Aber sie antwortet nur, sie habe alle Freunde, die sie brauche.

Es gelingt Delépine und Kervern trotz ihrer Überforderung nicht in Sozialromantik zu verfallen: es geht nicht darum, dass früher alles besser war, sondern vielmehr darum, dass der Mensch die Kontrolle über sein Leben nicht einfach nur verloren, sondern freiwillig abgegeben hat. Diese Entwicklung kulminiert in den Augen der Regisseure in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, die weitaus mächtiger werden wird als der Mensch. Doch sie wissen auch, dass es nicht darum geht, in die Vergangenheit zurückzukehren. Vielmehr sollte man sich darauf konzentrieren, was man in der Gegenwart hat – und was im Leben wirklich zählt. Ja, das hat eine leicht altmodische Note. Aber ist es nicht tatsächlich an der Zeit, zumindest das eigene Nutzungs- und Konsumverhalten zu hinterfragen?

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Meinungen
wignanek-hp · 28.02.2020

Ein wunderschöner Film, in dem man auch einmal herzhaft lachen konnte, weil eine Pointe gut gelungen war. Es ist gut, dass das Ende nicht im Sinne des Wortes "happy" ist, sondern Fragen offen lässt, die jeder für sich alleine interpretieren kann. Alles andere wäre bei diesem komplexen Thema nur Schönfärberei.

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