Das starke Geschlecht (2021)

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Neun Männer vor einem schwarzen Hintergrund, fremde Texte und eigene Gedanken – mehr braucht Jonas Rothlaender nicht, um tief in die männliche Psyche hinabzusteigen. Ein Dokumentarfilm über das, was Männer wollen?

Das starke Geschlecht (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Let's Talk About Sex!

Manchmal ist die einfachste Form einfach die beste. Jonas Rothlaenders neuer Dokumentarfilm ist nichts anderes als eine Abfolge von Aussagen. Der Regisseur bittet neun Männer vor seine Kamera. Dort konfrontiert er sie mit anonymen Äußerungen anderer Männer über deren sexuelle Erfahrungen, befragt sie dazu und lässt sie ihre eigenen Erfahrungen reflektieren. Die filmische Versuchsanordnung ist simpel, das Ergebnis hochkomplex.

Die männliche Identität (gibt es überhaupt eine?) beschäftige ihn schon sehr lange, weil er selbst mit seiner eigenen hadere, sagt Jonas Rothlaender in Bezug auf seinen neuen Film. Nach seinem Langfilmdebüt, dem Dokumentarfilm Familie haben, in dem er die Abgründe der eigenen Familie ergründete, und seinem Spielfilmdebüt Fado, einem „aufwühlenden Körper-und-Geist-Drama um [die] Liebeszwänge und Erwartungen“, wie mein Kollege Simon Hauck auf Kino-Zeit schreibt, steigt der 1982 geborene Regisseur nun noch tiefer in männliche Abgründe hinab, die am Ende vielleicht gar keine Abgründe sind.

Dabei geht Rothlaender immer gleich vor: Erst drückt er den von ihm interviewten Männern Texte anderer Männer in die Hand, die sie sich im Stillen durchlesen sollen. Kameramann Andreas Hartmann hält ihre Reaktionen fest. Danach tragen die Männer die Texte vor – mal direkt in die Kamera, mal als Voiceover aus dem Off, mal Wort für Wort abgelesen, was dem Vorgetragenen eine Künstlichkeit verleiht, mal frei aufgesagt, was die Worte zu einem gewissen Grad auch zu ihren eigenen macht. Im Anschluss nehmen sie schließlich zu den Texten Stellung, wodurch sich ein Monolog, manchmal auch ein Dialog mit dem bis zuletzt unsichtbar bleibenden Regisseur ergibt. Durch die Einordnung der Texte verorten sich die Interviewten. Und ihre Reflexion des Fremden lässt sie ihre eigenen Positionen zum Thema reflektieren.

Vor der Kamera sitzen die unterschiedlichsten Typen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen, Wünschen und Ansprüchen an sich selbst, ihre Partner*innen und den Sex: ein bindungsscheuer Frauenheld mit unsicherem Ego, ein frustrierter Frauenversteher, der bewusst zum Macho geworden ist, ein frustrierter Frauenversteher, der sich manchmal wünschen würde, er wäre ein Macho, davor aber zurückschreckt, ein schüchterner und einfühlsamer Mann, der in seiner Jugend auf dem Dorf darunter litt, nicht männlich genug zu sein und seine Sexualität erst als Erwachsener in der Großstadt ausleben kann und, und, und… Die anonymen Aussagen und die anschließenden Reflexionen sind ebenso vielgestaltig. Und die Reaktionen des Publikums dürfen ähnlich variantenreich ausfallen. Denn in diesem Film ist alles dabei.

Vier Dinge fallen dabei auf. Erstens: Männer sind verschiedener als man (und frau) vielleicht denkt. Nur weil einer auf harten Sex steht, muss er im Alltag kein harter Hund sein und umgekehrt. Vorlieben können sich verändern. Auch muss man nicht nur eine davon haben. Die Übergänge sind fließend. Zweitens: Die Männerbilder, also das, worunter sich die Befragten einen „echten“ Mann vorstellen, klaffen meilenweit auseinander. Sie reichen von Männern, die immer dominant sein müssten, bis zu Männern, die sich von Frauen alles gefallen lassen müssten. Drittens: Ausnahmslos alle Männer sind unsicher, hadern mit der eigenen Sexualität, waren lange auf der Suche danach oder sind es immer noch – und das ganz gleich, ob sie sich nach außen hin hart oder weich geben, ob sie beim Sex dominieren oder sich dominieren lassen. Und viertens geht es den befragten Männern im Grunde immer darum, die Bedürfnisse von Frauen zu befriedigen. Ein erstaunlicher Fakt in einer Gesellschaft, die zwar emanzipierter ist als noch vor Jahrzehnten, in der Gleichberechtigung aber noch lange nicht erreicht ist.

An diesem letzten Punkt zeigt sich, woran es bei der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Männern, ihrem äußeren Erscheinungsbild, ihrem Verhalten und ihrer Sexualität womöglich kranken könnte. Wie so häufig liegt das Problem an einer mangelhaften oder gleich völlig mangelnden Kommunikationen. Denn ganz gleich, ob einer der Interviewten den Macho oder den Softie gibt, er führt es stets darauf zurück, dass Frauen das von ihm erwarten würden. Das mag sein, weil freilich auch Frau nicht gleich Frau ist und ihre Wünsche mannigfaltig sind. Doch statt die Frauen einfach zu fragen, wird lieber angenommen und gemutmaßt. Und selbst mit guten Freunden kommen keine ernsthaften Gespräche über Sex zustande.

Rothlaenders Film macht einen ersten Schritt und nimmt Männern die Scham. Wenn er eins zeigt, dann die Komplexität der (männlichen) Sexualität. Männer pauschal zu verurteilen und eine aggressive Sexualität unter dem Schlagwort der toxischen Männlichkeit zu pathologisieren, greift zu kurz. Sexualität kann aggressiv sein, ohne dass davon eine Gefahr ausgeht. Auf der anderen Seite kann selbst der harmloseste Blümchensex schlagartig gefährlich werden. Auch hier sind die Übergänge fließend. Wünsche und Verlangen zu unterdrücken, kann nicht das Ziel sein. Mehr über (männliche) Sexualität, über deren mediale Darstellung und Wahrnehmung, über Rollenbilder und Stereotype zu sprechen und den Sprechenden zuzuhören, ist hingegen ein Anfang.

Das starke Geschlecht (2021)

Der Regisseur Jonas Rothlaender konfrontiert verschiedene Männer mit anonymen Statements anderer Männer zu ihren sexuellen (Grenz-) Erfahrungen und den damit verbundenen Rollenbildern. Daraufhin beginnen die Protagonisten offen über die eigene Sexualität nachzudenken und von ihren Erfahrungen zu berichten. „Das starke Geschlecht“ ist eine Reflexion über männliche Sexualität, ihre Machtstrukturen und Stereotype von Männlichkeit unserer Gegenwart

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