Das Rätsel von Tunguska

Das Rätsel von Tunguska

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Freitag, den 27. Juni 2008. 3sat, 20:15 Uhr

Einen TV-Tipp der ungewöhnlichen Art gibt es in dieser Woche, was übrigens nichts mit dem mauen Angebot an Spielfilmen in dieser vor allem vom Fußball geprägten Woche zu tun hat. Vielmehr jährt sich in den nächsten Tagen eine der größten und rätselhaftesten Explosionen der Menschheit zum hundertsten Mal – die Explosion von Tunguska, die seit langem schon Wissenschaftler, Literaten wie Thomas Pynchon (nachzulesen in dessen neustem Roman Gegen den Tag / Against the Day) und Interessierte in aller Welt in ihren Bann gezogen hat.
Was geschah am 30. Juni 1908 in der Tunguska-Region in Sibirien? Es war gegen 7:15 am Morgen, als sich in der Nähe des Flusses Podkamennaya Tunguska eine gewaltige Explosion ereignete — manche Augenzeugen vermeinten auch mehrere Erschütterungen vernommen zu haben. Die Folgen waren verheerend: Auf einem Gebiet von der Größe des Saarlandes wurden 60 Mio. Bäume umgeknickt, noch in 500 Kilometer Entfernung waren ein Feuerschein, eine gewaltige Erschütterung und eine immense Druckwelle zu spüren – dass dies nicht eine der größten Katastrophen der Menschheit wurde, liegt allein daran, dass sich der Vorfall auf kaum besiedeltem Gebiet ereignete. Die Sprengkraft des Ereignisses wurde von Experten mit 10 bis 15 Megatonnen TNT beziffert, was dem mehr als Tausendfachen der Hiroshima-Atombombe „Little Boy“ entspricht – andere Wissenschaftler gehen sogar von einem noch höheren Wert aus und schätzen eine Sprengkraft von 50 Megatonnen TNT.

Am wahrscheinlichsten galt bislang der Einschlag eines Steinasteroiden oder Meteoroiden, der vor dem Aufschlag in der Luft explodierte und daher keinen Krater hinterließ. Doch es gibt auch geophysikalische Erklärungen wie die des deutschen Astrophysikers Wolfgang Kundt, der das Ereignis als Folge einer Explosion eines großen Erdgasvorkommens einschätzt. Bislang gab es allerdings für beide Theorien ebenso wenig Beweise wie für absonderlichere Hypothesen, die das Tunguska-Ereignis in Zusammenhang mit dem Absturz eines extraterrestrischen Flugkörpers oder dem Kontakt mit Antimaterie brachten – und dies sind noch die harmlosesten der Erklärungsversuche.

Der Filmemacher Christoph Schuch (Self-Made Paradise, Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben) und die Autorin Ute Mügge-Lauterbach, die gemeinsam mit dem Regisseur das Drehbuch für diesen faszinierenden Wissenschaftsthriller schrieb, begleiten in ihrem Film den deutschen Geologen Christoph Brenneisen auf dessen Expedition in das Gebiet der Katastrophe. Seine Suche nach den Ursachen der gewaltigen Explosion bildet das Grundgerüst des Films. Außerdem kommen in dem Film namhafte Wissenschafter aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Russland und den USA zu Wort, von denen der Kulturanthropologe Dr. Benny Peiser die bis heute nachwirkende Faszination des Tunguska-Ereignisses treffend auf den Punkt bringt: „Die Tunguska-Katastrophe veränderte unsere Sicht auf die Welt und auf unsere Stellung im Kosmos — denn bis dahin glaubten wir, dass das Universum wie ein Uhrwerk funktioniert und nichts Dramatisches geschehen würde. Aber in Wirklichkeit wissen wir seit Tunguska, dass wir potentiell im Zentrum kosmischer Einschläge liegen.“

Das Rätsel von Tunguska ist eine Wissenschaftsdokumentation voller Witz und Wissen, mal spekulativ und voller Begeisterung für durchgeknallte Thesen und Theorien, dann wieder ganz auf dem Boden der Tatsachen. Dass der Film in einer Langfassung auch auf der großen Kinoleinwand ein überaus spannendes und sehenswertes Ereignis wäre, steht ganz außer Zweifel. Vielleicht dürfen wir uns ja bald auf solch einen Film freuen.

Das Rätsel von Tunguska

Einen TV-Tipp der ungewöhnlichen Art gibt es in dieser Woche, was übrigens nichts mit dem mauen Angebot an Spielfilmen in dieser vor allem vom Fußball geprägten Woche zu tun hat.
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