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Cédric Klapisch setzt mit „Das Leben ein Tanz“ einen Film in Szene, der in jedem Augenblick ein Tanzfilm ist – selbst dann, wenn gerade gar nicht getanzt wird.

Das Leben ein Tanz (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Eleganz überall

Die Werke des französischen Filmemachers Cédric Klapisch haben seit jeher etwas ausgesprochen Ungezwungenes und Spielerisches. Von „L’auberge espagnole“ (2002) über „So ist Paris“ (2008) bis hin zu „Der Wein und der Wind“ (2017) – stets blickt Klapisch mit interessiertem, aber niemals aufdringlichem Blick in die Lebenswelten seiner Figuren. Auch seine neue Arbeit „Das Leben ein Tanz“ zeichnet sich durch diese Art des Erzählens aus.

Zu Beginn lernen wir die Protagonistin Élise (Marion Barbeau) hinter den Kulissen einer Pariser Ballettaufführung kennen. Mit einer dramatisch anmutenden Ausleuchtung in satten Rot- und Blautönen lässt die Inszenierung in der Eröffnung an Dario Argentos Giallo-Klassiker Terror in der Oper (1987) denken. Während Élise auf ihren Auftritt wartet, beobachtet die Tänzerin voller Entsetzen, wie ihr Freund und Kollege Julien (Damien Chapelle) sie mit einer anderen Frau betrügt. Zutiefst gekränkt muss sie kurz darauf auf die Bühne – und liefert eine begnadete, schmerzvolle Performance. Auch die sich anschließende Credit-Sequenz lässt in ihrer betont stilisierten Form kaum erahnen, in welche Richtung die Handlung und damit Élises Geschichte wohl gehen wird. Vom Rache-Thriller bis zum Psychodrama scheint hier zunächst alles möglich zu sein.

Doch Klapisch jongliert gekonnt mit unseren Erwartungen und Seherfahrungen. Der Film läuft auf keine zugespitzte Genreformel hinaus, sondern nimmt immer wieder ganz neue, überraschende Wege. Noch am selben Abend erleidet Élise, kurz bevor der Vorhang fällt, einen Sturz. Ihr Knöchel ist schwer verletzt – und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich eine solche Verletzung zugezogen hat. Sie muss fortan einen Gips tragen; eventuell ist eine Operation und eine mehrjährige Sportpause nötig. Élise ist am Boden zerstört. Das Tanzen bedeutet ihr alles.

Im weiteren Verlauf ist Das Leben ein Tanz ein Tanzfilm der etwas anderen Art: Der Kameramann Alexis Kavyrchine erfasst jede Szene wie eine ausgefeilte Choreografie – egal, ob gerade (wieder) getanzt wird oder ob die Figuren bei der Physiotherapie sind, am Tisch sitzen, im Auto fahren oder ein Date haben. Denn in allem steckt Eleganz und eine besondere Grazie, sei es im Ablauf körperlicher Bewegungen, in der Dramaturgie von Blicken, in einem wilden Fahrstil oder in der freudigen Erwartung zweier Liebender, sich endlich in die Arme fallen zu dürfen. Der deutsche Verleihtitel ist dabei ebenso passend wie der Originaltitel En corps („im Körper“).

Der Film reiht fein beobachtete Momente so nonchalant aneinander, dass wir uns gänzlich in den zahlreichen Figuren, den zwischenmenschlichen Beziehungen und Problemen verlieren können. Da ist etwa die familiäre Situation von Élise. Von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter (Muriel Zusperreguy) hat sie das tänzerische Talent geerbt; schon als Kind wurde sie von ihr gefördert und hat bis heute das Gefühl, den mütterlichen Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Ihr Vater Henri (Denis Podalydès) gibt sich bei allem durchaus Mühe, tut sich aber sichtlich schwer damit, Gefühle zu zeigen. Und ihre beiden Schwestern Mélodie (Mathilde Warnier) und Aria (Marilou Aussilloux)? Ach, die haben ihre ganz eigenen Probleme …

Mit ihrer impulsiven Freundin Sabrina (Souheila Yacoub) und deren Partner Loïc (Pio Marmaï) begibt sich Élise in die Bretagne. Dort schließt sie sich einer Hip-Hop-Tanzgruppe an, verliebt sich in den sehr, sehr zauberhaften Mehdi (Mehdi Baki), findet neue Ziele und entdeckt unbekannte Seiten an sich selbst. Irgendwo dazwischen macht sich Élises emotionaler Physiotherapeut Yann (François Civil) falsche Hoffnungen, die ältere Besitzerin der ländlichen Unterkunft (Muriel Robin) gibt kluge Ratschläge, die jungen Menschen trainieren am Strand und flirten bis in die Nacht hinein. Wie schon bei seinen vorherigen Werken gelingen Klapisch diese treffenden, kleinen Skizzen des Miteinanders sowie der inneren und äußeren Konflikte ganz hervorragend. Die Musik des israelischen Choreografen, Tänzers und Komponisten Hofesh Shechter (der sich hier selbst spielt) und des französischen Ex-Daft-Punk-Mitglieds Thomas Bangalter gibt dem Ganzen noch eine weitere einnehmende Ebene.

Die Sequenz, in der Élise und Mehdi in den abendlichen Straßen von Paris einander leidenschaftlich entgegenstürmen, um die auf 19 Gehminuten berechnete Entfernung zwischen ihnen möglichst rasch zu überwinden, sollte als eine der romantischsten Passagen des Kinojahres in Erinnerung bleiben. Ganz zum Schluss fließen bei einer Person, von der es niemand erwartet hätte, Tränen der Rührung und des Stolzes. Sacre bleu, was für ein wunderschöner Film das doch ist!

Das Leben ein Tanz (2022)

Nach einem tragischen Unfall scheint die vielversprechende Karriere der Balletttänzerin Elise jäh zu enden. Doch weil sie sich ein Leben ohne Tanzen nicht vorstellen kann, sucht sie sich ihren eigenen Weg zurück auf die Bühne. 

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Meinungen

Ute Herrmann · 14.09.2022

ein wunderbarer Film❣️