Contra (2020)

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Mit Hilfe eines zynischen Professors bereitet sich Naima auf einen Debattierwettbewerb vor. Damit zeigt sie allen, dass sie trotz ihres Migrationshintergrunds erfolgreich sein kann. Sönke Wortmann überträgt die französische Komödie von Yvan Attal auf deutsche Verhältnisse.

Contra (2020)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Die Kunst, sich mitzuteilen

Plakative französische (Sommer-)Komödien gibt es viele, mindestens eine im Jahr. Oft sind sie in Deutschland genauso erfolgreich wie in Frankreich selbst. Den französischen, und allgemein romanischen, Lebemännern und Femmes fatales verzeiht das Publikum in der Regel, erstaunlicherweise, unangebrachte Witze, die auf Rasse und Sozialklasse abzielen, einfacher. Selbst Sexismus wird den Filmfiguren oft als Charme ausgelegt – was nicht selten irritiert angesichts der öffentlichen Diskussionen, die zu diesen Themen überall geführt werden.

So tolerant ist man in den eigenen Reihen bei weitem nicht, weswegen Versuche, ähnliche filmische Stoffe auf deutsche Verhältnisse umzuformen, meist massive Kompromisse eingehen und mehr als unbeholfen wirken. Ein Beispiel dafür ist der Film Es ist zu deinem Besten (2020) (ein direktes Remake der spanischen Komödie Es por tu bien von Carlos Therón, aber auch sehr nahe an der Monsieur Claude und seine Töchter-Reihe) von Marc Rothemund. 

Bei Sönke Wortmann sieht es anders aus. Er hat für seine letzten zwei Produktionen Vorbilder ausgewählt, die sich bereits im Original durch eine differenziertere Argumentation auszeichnen und auch in seinen Neuverfilmungen funktionieren. Mit Der Vorname (2018) erzielte er einen beachtlichen Publikumserfolg, der an den des französischen gleichnamigen Vorgängers Le prénom (2012) von Alexandre De La Patellière und Matthieu Delaporte anknüpfte. Contra folgt nun dem gleichen Experiment und hat ähnliche Erfolgsaussichten. 

Dieses Mal stammt die Vorlage von Yvan Attal, der 2017 in Le Brio die Geschichte einer jungen arabischstämmigen Frau erzählt, die in der Pariser Banlieue wohnt und als Jurastudentin auf einen vorurteilsbehafteten Professor stösst. Dieser wird, nachdem er sie in einen als rassistisch angesehenen Vorfall verwickelt, vom Universitätsdekan zu ihrem Mentor für die Teilnahme am nationalen Debattierwettbewerb verpflichtet. Auf diese Weise soll der Professor seinen Namen wieder reinwaschen. Von diesen Beweggründen weiß die junge Frau nichts, lässt sich aber trotzdem, wenn auch widerwillig, auf die Situation ein, möchte sie doch mit dem Wettbewerb sich selbst und allen anderen gegenüber beweisen. 

Neïla wird zu Naima (Nilam Farooq) und Professor Pierre Mazard zu Richard Pohl (Christoph Maria Herbst). Von den Pariser Banlieues transferiert Wortmann die Geschichte in die Vororte von Frankfurt am Main. Als Schauplatz dient zudem die Goethe-Universität in Frankfurt selbst. In diesen Tempel der Weisheit stolpert eine ehrgeizige, aber dennoch durch eine von Zurückweisung und Diskriminierung geprägte Sozialisierung verunsicherte junge Frau und droht, gleich zu Beginn, hinzufallen, noch bevor sie ihre ersten Schritte in eine selbstbestimmte Zukunft wagen kann. Die Vorurteile, mit denen sie bereits in der kleinen Einheit des Vorlesungssaals konfrontiert ist, machen nicht viel Mut auf eine offenere Haltung der restlichen Gesellschaft. Naima wird sich gegen alle Erwartungen durchsetzen müssen. So rührselig, wie sich das anhört, verhält sich der Film an vielen Stellen auch tatsächlich. 

Dass es sich bei Contra um einen auf ein breiteres Publikum zielenden Unterhaltungsfilm, wenn auch des gehoberen Niveaus, handelt, ist unbestritten. Deshalb mag man ihm auch ein gewisses hohles Pathos zugestehen. Trotzdem behält er seine Relevanz, weil er in erster Linie sowohl in Bezug auf die Emanzipation von Frauen allgemein und die von Menschen mit Migrationshintergrund im Besonderen genau den Zeitgeist trifft. In diesem Sinne kann er vermutlich aktiv zur öffentlichen Diskussion über diese Themen beitragen, indem er Zuschauer erreicht, die vielleicht von anderen, trockeneren Herangehensweisen unberührt bleiben. Auf humorvolle Weise verarbeitet Wortmann auf jeden Fall Motive wie Alltagsrassismus, Vorurteile und den erschwerte Zugang zu Bildung für sogenannte „sozial schwächere“ Bevölkerungsgruppen. 

Ob Contra tatsächlich authentisch die Lebensverhältnisse von Türkischstämmigen oder Arabischstämmigen in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland wiedergibt, können sicherlich einschlägige Statistiken über Studienabschlüsse geben, muss aber in letzter Instanz, insbesondere auf der emotionalen Ebene, von den Betroffenen selbst beurteilt werden. Von außen wirkt es zumindest so, als sei dies Wortmann recht gut gelungen. Natürlich ist er nicht frei von einer gewissen romantisierenden und beschönigenden Sichtweise, wenn er die verschiedenen Sphären beschreibt. Doch geht dies auch auf eine allgemeine Überspitzung, die zum Genre der Komödie gehört, zurück. Inhaltlich hält sich Wortmann sehr engmaschig an die Vorlage und gibt daher fast Szene um Szene daraus wieder. Dies ist an sich nichts Schlechtes, doch hätte man gerade in der belanglosen Auflösung der Geschichte zum Schluss eine eigene Wendung finden können, die für mehr Spannung gesorgt hätte.

Formal zeichnet sich der an sich kurzweilige Film durch einen insgesamt dichten Erzählrhythmus aus, der allerdings zum Ende hin abfällt, wenn die Dynamik im Zusammenspiel zwischen Nilam Farooq und Christoph Maria Herbst implodiert. Diese bildet sonst eindeutig die Stärke des Films. Herbst ist wie geschaffen für die Rolle des zynisch-sarkastischen Professors, die in einer Linie steht mit den Figuren, die Herbst, seit seiner Besetzung als Stromberg, systematisch verkörpert. Farooq hält Herbst gut Stand und beweist eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit. Ihrer Wandlung von der frechen Göre, die aus Selbstschutz eine schlagfertige Fassade aufgebaut hat, zur selbstbewussten Frau, sieht man gerne zu. Auch in den Momenten der vermeintlichen Schwäche, als sie beispielsweise vor dem Professor von ihrem Freund spricht und eine sehr schöne Liebeserklärung an diesen formuliert, bleibt sie souverän und eindrücklich. 

Schließlich lernt man tatsächlich auch noch etwas über die Techniken der Rhetorik, die im Film als Vorwand für die Geschichte gelten, aber auch aufzeigen, wie sich ein gesellschaftlicher Diskurs im Idealfall aus mit differenzierten Argumenten vorgetragenen, konträren Positionen herausbildet.

Contra (2020)

Professor Pohl geniesst mit seiner ungehobelten Art nicht gerade den besten Ruf an der Universität. Zu allem Überfluss lässt sich der Jurist zu rassistischen Bemerkungen gegenüber Studentin Naima hinreissen, als diese zu spät zu seiner Vorlesung erscheint. Blöd nur, dass ein Video seines verbalen Ausfalls im Internet schnell die Runde macht und Universitätspräsident Lambrecht auf den Plan ruft. Doch Pohl wird nicht vor die Tür gesetzt, sondern soll Naima dabei helfen, sich auf einen wichtigen Debattierwettstreit vorzubereiten. Der Dozent und die Studentin könnten unterschiedlicher nicht sein und müssen plötzlich als Team zusammenarbeiten. 

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