Bliss (2021)

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In Mike Cahills neuem Film geht es um eine simulierte Hölle und das Paradies dahinter – oder ist es umgekehrt? Owen Wilson und Salma Hayek gehen der Sache auf den Grund.

Bliss (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Matrix Reversed

In ihrem Imaginieren einer Zukunft erzählt die Science-Fiction auch immer etwas über unsere Gegenwart. Das Kino setzt dabei seit jeher auf Schauwerte und mit Vorliebe auf einzelne Individuen, die ein ganzes Gesellschaftssystem ins Wanken bringen. Mike Cahill geht den umgekehrten Weg. Der 1979 geborene Regisseur und Drehbuchautor blickt vor der Folie eines überschaubaren Sci-Fi-Szenarios auf kleine persönliche Dramen. Das ist in seinem ersten Film für die Amazon Studios nicht anders.

Der Auftakt katapultiert uns zurück ins vergangene Jahrtausend, als die Wachowski-Schwestern das Genre aus den Angeln hoben. Greg Wittle (Owen Wilson) fristet einen tristen Büro-Alltag. Das Grau in Grau, die Frustration und alles, was nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse während der Exposition folgt, erinnert unweigerlich und beabsichtigt an Matrix. Sogar kleine bunte Pillen, in diesem Fall gelbe und blaue Kristalle, kommen vor. Doch Greg wirft sie nicht freiwillig ein. Zufallsbekanntschaft Isabel (Salma Hayek) mixt sie ihm heimlich in den Drink. Wer daraufhin ein Actionfeuerwerk erwartet, ist schiefgewickelt. Denn Cahill denkt den Matrix-Plot umgekehrt. Was, wenn die angeblich simulierte Welt doch echt ist und die angeblich echte falsch?

Salma Hayek ist nicht Laurence Fishburne, ihre aufgedrehte Isabel kein Morpheus. Um echte und nur geträumte Welten geht es trotzdem. Und wer nicht genau hinsieht, verpennt, was eigentlich dahintersteckt. Aufmerksamen Zusehenden ist schnell klar, dass Isabel nicht die zuverlässigste Erzählerin ist. Die bunten Kristalle öffnen Greg nicht die Augen, sondern helfen ihm, sie vor der Welt zu verschließen. „Ignorance is bliss“ lautet eine zum geflügelten Wort gewordene und oft und auch in diesem Film zitierte Stelle aus einem Gedicht von Thomas Gray. Und „Bliss“ heißt nicht nur dieser Film, sondern auch die darin vorkommende Droge, die Glückseligkeit verspricht, indem sie einen die Welt ignorieren lässt.

Wer Mike Cahills erste zwei Spielfilme Another Earth und I Origins gesehen hat, weiß allerdings, dass es sich dann doch nicht ganz so einfach verhält. Auch in Bliss zieht Cahill doppelte Böden ein, erzählt in alle Richtungen offen und bleibt bis zum Schluss vage. Das Los Angeles, durch das sich Isabel mit Greg bewegt, wirkt in den Aufnahmen des deutschen Kameramanns Markus Förderer stets ein wenig schmutziger als von den üblichen Hochglanzbildern der Westküstenmetropole gewohnt. Es sei eine Computersimulation, sagt Isabel. In der fernen Zukunft solle diese dazu dienen, unzufriedene Menschen zufriedener zu machen. Wer einmal in die simulierte Welt eingetaucht sei, lerne das Leben in der echten Welt wieder zu schätzen.

Cahills Film präsentiert uns diese vermeintlich echte Welt als Paradies, in der die Menschen der Zukunft Hologramme berühmter Persönlichkeiten der Vergangenheit abrufen können. Das bringt dem Philosophen Slavoj Žižek einen amüsanten Gastauftritt ein, bei dem er über das Verhältnis von Himmel und Hölle nachdenkt. Und im Kern dreht sich Bliss genau darum: um das Verhältnis von Himmel und Hölle und um unser Verständnis dieser Begrifflichkeiten, was sich wiederum auf unsere Weltanschauung und Weltwahrnehmung auswirkt. Welche Welt ist echt, die ans Fegefeuer erinnernde, die wir zu Beginn des Films sehen oder die paradiesische, von der Isabel Greg erzählt? Ist Drogenkonsum die Hölle oder himmlisch, weil er von der Last des Alltags erlöst? Ist das Wissen um den Schmerz und das Elend der Welt Fluch oder Segen?

Cahill erzählt von diesen gewichtigen Fragen abermals anhand eines zwischenmenschlichen Dramas, vergisst dabei aber irgendwann die Menschen. Im Wechsel zwischen den Realitäten verliert er seine Figuren aus den Augen. Die Frage, welche Welt echt ist und welchen Bildern wir trauen können, scheint ihm wichtiger zu sein als die Frage, was diese Welten und (Traum-)Bilder mit Greg und Isabel anstellen. Das persönliche Drama, das sich hier vor unseren Augen abspielt und in Gregs Fall auch ein familiäres ist, lässt einen – ganz anders als in Cahills vorangegangenen Filmen – am Ende ziemlich kalt.

Thomas Grays (durchaus humoristisches) Gedicht endet mit folgenden Zeilen: „Thought would destroy their Paradise. / No more;—where ignorance is bliss, / ‚Tis folly to be wise.“ Wo Unwissenheit Glückseligkeit verspricht, wäre es folglich töricht, klug zu sein. Greg entscheidet sich am Ende gegen den Rausch und die (Selbst-)Täuschung und für das Wissen. Dadurch sind wir Zusehenden zwar ein wenig klüger, aber nach diesem durchwachsenen Seherlebnis nicht unbedingt glücklicher.

Bliss (2021)

„Bliss“ folgt Greg, der gerade eine Scheidung hinter sich hat und kurz danach gefeuert wird. Eines Tages trifft er auf die mysteriöse Isabel, die auf der Straße lebt und davon überzeugt ist, dass die kaputte Welt um sie herum lediglich eine Computersimulation ist.

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