Bliss (2019)

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Painter’s Block – In Joe Begos‘ neuem Film sucht die Malerin Dezzy ihr Heil in Drogen, Sex und Blut. Das wird intensiv.

Bliss (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Viel Rot und viel Schatten

Dezzy malt nicht für die große Masse; ein Plattencover mag ihr in der Szene einen gewissen Ruf gebracht haben, aber eigentlich soll in drei Tagen ihre Ausstellung in der Galerie eröffnet werden. Nur das eine große Bild, das will ihr irgendwie nicht gelingen, ein Wirbel in Rot- und Gelbtönen, der eine ganze Wand in ihrem Atelier einnimmt, noch ohne eine klare Richtung.

Dora Madison spielt diese junge Künstlerin nicht als nette Person. Sie flucht schlimmer als ein Jauchekutscher, kann aber auch freundlich und konziliant sein, wenn sie etwas von jemandem möchte – zum Beispiel noch einen kleinen Aufschub für die Mietzahlung, ihr Vermieter läuft ihr schon im Flur hinterher.

Aber wehe, wenn sie nicht bekommt, was sie möchte: Dezzy ist keine nette Person und jedenfalls reichlich großkotzig für jemanden, die auf Pump lebt und anscheinend nicht liefern kann. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an den kleinen Dealer (Jeremy Gardner), von dem sie immer mal wieder Drogen kauft, und er überlässt ihr eine ordentliche Portion von „Bliss“, einem neuen Gemisch, eher ein schwarzes Pulver wie Asche.

Vielleicht weiß er selbst nicht genau, was da drin ist, es ist jedenfalls stark und gefährlich, warnt er sie, aber Dezzy lässt sich von solchen Warnungen nicht beeindrucken. Ihr Leben besteht immer daraus, mehr zu nehmen, als gut für sie ist. Hinein in die Nacht, in Musik und Alkohol und „Bliss“, alles für den kreativen Schub, der doch kommen soll.

Was kommt, ist eine stroboskopisch beleuchtete Nacht des Exzesses, voll Musik, Licht, Sex. Anschließend malt Dezzy wie besessen, auf der roten Leinwand greifen auf einmal schreiende Menschenfiguren, eine Masse kleiner Gestalten, aus der Tiefe hinauf… und die Künstlerin braucht mehr von diesem Kick; und schließlich auch noch etwas anderes, das sie nur mit Gewalt bekommen kann.

Joe Begos schickt Madison auf eine Tour de Force, eine mäandernde Geschichte scheinbar ohne Ziel und roten (hah!) Faden. Er lädt diesen Film ganz und gar seiner Hauptdarstellerin auf die Schultern, und sie reißt den Film an sich: frei über einige Oktaven hinweg brüllend, schreiend, fluchend; ihren Körper windend, badend in Rot, in blauem, gelbem, violettem Licht, die wilden Locken hin und her werfend. Es ist Kino ganz als Körperlichkeit, immer da, wo es nicht Latex braucht für die zerfetzten Gliedmaßen.

Denn Bliss ist ein Horrortrip in mehr als einem Sinn; Begos eignet sich Abel Ferrarras The Addiction (1995) an, mit ähnlich vielen Schatten und Sonnenbrillen, aber ohne die politischen Gedanken, ohne die ganze Condition humaine, aber grell in Farbe getaucht, mit einer kräftigen Infusion von Gaspar Noés Climax (2018), die sich jedoch anfühlt, als habe Kameramann Mike Testin sein Werkzeug an ein Seil gebunden und im Kreis durch den Raum geschleudert.

Das ist frenetisch und irre, wie man es zuletzt vielleicht in Panos Cosmatos‘ Mandy (2018) gesehen hat, aber weniger zurückhaltend, noch wahnhafter. Alles hier ist Energie und Bewegung und Farbe, die sich anfühlt, als sei sie ohne Licht gemalt, so düster ist diese Welt, so dunkel die Gedanken, das Blut nachtschwarz auf Dezzys Lippen.

Begos feiert traditionelle Mittel der Subkultur: Das Latex, im Soundtrack dröhnen Elektro und Metal, Kleidung und Clubs wirken gelegentlich wie aus den 1980ern geliehen, gedreht ist der Film auf 16-Millimeter-Film, ein Kontrapunkt zum digitalen Zeitalter, wenn man so will; was auf der Leinwand zu sehen sein wird, die letzten Sekunden des Films eine Anti-Apotheose der Künstlerin, ganz in Rot und Weiß.

Aber was das soll? Man weiß es nicht genau. Eine Allegorie auf den künstlerischen Schaffensprozess, auf die völlige Hingabe an die Kunst, das Aufgehen in einem Rausch des Erschaffens? Eine kritische Auseinandersetzung mit Sucht und Hemmungslosigkeit, gegossen in eine Splatterorgie des Vampirismus?

Vielleicht steckt das darin, aber festlegen lassen mag sich Begos‘ Film nicht, und am Ende ist nicht ganz klar, ob er die Festlegung scheut oder sie bewusst unterläuft als kinematographische Feier von Farbe und Schatten, die am Ende in allem nur das Rot sehen will, so rot, so rot.

Bliss (2019)

Eine brillante Malerin gerät in eine kreative Krise - die schwerste ihres Lebens -, die sie davon abhält, endlich ihr Meisterwerk zu vollenden. Durch ihren Kampf gegen die künstlerische Blockade gerät sie in einen Strudel aus Drogen, Sex, Gewalt und Mord, der sie tief in die Abgründe von Los Angeles führt.

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