Bis an die Grenze (2020)

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Drei PolizistInnen in Paris bekommen nach ihrer Schicht einen Sonderauftrag: Sie sollen einen Geflüchteten zum Flughafen bringen, damit er abgeschoben werden kann. Aber zwei von ihnen halten diese Entscheidung für falsch ..

Bis an die Grenze (2020)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Polizisten in Paris

Eigentlich fängt „Bis an die Grenze“ von Anne Fontaine ganz vielsprechend an: Virginie (Virginie Efira) wird von dem Schreien eines kleinen Kindes geweckt. Sie steht schließlich auf und geht mit dem Kleinkind in die Küche. Ihr Ehemann kommt dazu – und sagt, er freue sich, dass sie einander sehen könnten. Wenig später erinnert er sie, dass sie abends bei seiner Mutter sind. Doch Virginie hat das vergessen, wohl nicht zum ersten Mal, wie die Reaktion ihres Mannes vermuten lässt. Tatsächlich beschäftigt Virginie etwas anderes: Sie ist schwanger, will das Kind nicht und hat am nächsten Tag eine Abtreibung. Zunächst aber muss sie zur Arbeit und mit ihrem Kollegen Erik (Grégory Gadebois) eine Frau begleiten, die von ihrem Mann misshandelt wurde und nun ein paar Sachen aus der Wohnung holt.

Danach springt die Perspektive zu Erik, angekündigt mit großen weißen Lettern auf der Leinwand. Auch Erik hat Schwierigkeiten mit seiner Frau, sie nörgelt, versteckt seine Zigaretten und wirft ihm vor, dass er ihr kein Kind machen kann. In diesem Strang gibt es nun Ergänzungen zu dem Einsatz mit der misshandelten Frau, außerdem werden Erik und sein Kollege Aristide (Omar Sy) zu einem weiteren Tatort gerufen. Eine Frau hat ihr Kind zur Strafe in eine Gefriertonne gesteckt, nun ist es tot.

Es folgt schließlich die dritte Perspektive, die von Aristide. Auch hier gibt es wieder Ergänzungen – und immer noch könnte der Film als multiperspektivische Erzählung über den Alltag einer Pariser Polizeieinheit funktionieren. Stattdessen melden sich letztlich alle drei Polizisten zu einem Sondereinsatz: sie sollen den Geflüchteten Tohirov (Payman Maadi) abholen und zwecks Abschiebung zum Flughafen bringen.

Spätestens hier kippt das Gleichgewicht der Story: da sind die privaten Probleme der PolizistInnen, die – das ist überdeutlich – zeigen sollen, dass PolizistInnen auch nur Menschen sind, dass sie ihre eigenen Schwierigkeiten haben, die sie vor ihren KollegInnen verbergen, dass sie das Privatleben nicht aus dem Job und den Job nicht aus dem Privatleben lassen können. Dazu kommt nun Kritik an Asylpolitik, Abschiebepraxis und die Vermutung, dass Tohirov in seiner Heimat der Tod droht. Hieraus wird nun ein vermeidlicher Konflikt gestrickt, der sich letztlich kaum auflösen lässt – und einige schwer zu glaubende Handlungen wie einen Zwischenstopp bei einem Fastfood-Laden beinhaltet.

Auch bei Tohirov wird mit den großen weißen Lettern angedeutet, dass er eine Perspektive bekommt. Tatsächlich aber erfährt das Publikum nur, was Virginie aus seiner Akte vorliest: ein Bericht von Folter. Das war es – und steht in keinerlei Gleichgewicht zu den Charakterisierungen der PolizistInnen. Es ist einzig Payman Maadi zu verdanken, dass aus Tohirov mehr als ein Plot Device für einen moralischen Konflikt wird. Er lässt eine Geschichte erahnen, die im Film nicht enthalten ist.

Deshalb fragt man sich bei diesem routiniert gefilmten Werk unweigerlich, warum diese Konflikte und Probleme so unfassbar groß angelegt sein müssen – im Privaten wie im Beruflichen, vorher ging es ja schon um Gewalt gegen Frauen und die Tötung eines Kindes. Oder wieso sich Anne Fontaine und ihre Co-Drehbuchautorin Claire Barré nicht nur auf die Abschiebesituation konzentriert hätten. Sie hätte genug Potential für einen sehr spannenden Film ergeben: Wie fühlen sich PolizistInnen dabei, wie gehen sie damit um, wenn sie überzeugt sind, dass die Entscheidung falsch ist – und ab wann stumpft man ab? Alles spannende Fragen, die in diesem Film leider nicht beantwortet werden. Ja, er basiert auf dem Roman Die Polizisten von Hugo Boris. Aber nur weil etwas in der Vorlage steht, muss es nicht in eine Verfilmung aufgenommen werden.

Bis an die Grenze (2020)

Die Polizisten Virginie, Aristide und Érik werden zu einem ungewöhnlichen Einsatz gerufen: Sie sollen einen tadschikischen Asylbewerber vom Abschiebezentrum zum Flughafen eskortieren um seine Abschiebung durchzusetzen. Während der Fahrt realisiert Virginie, das auf den Mann in seiner Heimat der sichere Tod wartet. Die Polizisten geraten in einen Gewissenskonflikt: Sollen sie Dienst nach Vorschrift leisten oder doch eigenen moralischen Grundsätzen treu bleiben? Die Mission stellt alle drei vor ein Dilemma – ein Einsatz, bei dem eine einzige Nacht das Schicksal eines Mannes entscheidet.

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