Bilder (m)einer Mutter (2021)

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In ihrem Dokumentarfilm „Bilder (m)einer Mutter“ entwirft Melanie Lischker aus Super-8-Aufnahmen und Tagebucheinträge eine private Chronik – und noch viel mehr.

Bilder (m)einer Mutter (2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Alles über meine Mutter

Es gibt viele Spiel- und Dokumentarfilme, die sich mit Mutterschaft befassen – und deshalb gibt es wohl auch so viele Klischees, die mit diesem Sujet verbunden sind. Etwa von der aufopfernden Mutter, der dominanten Mutter oder der überbeschützenden Mutter. Das Thema der Entfremdung findet sich wiederum weitaus häufiger in Filmen über Väter, die oft lediglich als Erzeuger wahrgenommen werden, da sie sich dem Familienleben entzogen haben, nicht bereit oder gar nicht fähig waren, eine Beziehung zum eigenen Kind aufzubauen.

In Melanie Lischkers dokumentarischem Porträt Bilder (m)einer Mutter ist jedoch genau dieser emotionale Zustand der Fremdheit der Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit der Mutter, die zu dieser Zeit bereits nicht mehr am Leben ist. Zu Beginn ist von „Leerstellen“ die Rede. Familienfotos werden uns verschwommen gezeigt, um visuell zum Ausdruck zu bringen, was kurz darauf mit den Worten „Es verwischt“ beschrieben wird. Die Erinnerungen sind vage, lassen sich kaum noch abrufen. Die Mutter ist, viele Jahre nachdem sie „gegangen“ ist (wie es zunächst heißt), nahezu eine Fremde für Lischker und deren jüngeren Bruder. Der Vater hält sich derweil mit Einblicken in die Vergangenheit zurück. „Was muss mit einer Frau passiert sein, damit sie in einer Familie keine Rolle mehr spielt?“, fragt sich Lischker anfangs.

Der Versuch einer Annäherung findet dann, wie der Titel schon sagt, über Bilder statt. Der Vater besitzt ein Filmarchiv mit Super-8-Aufnahmen – mehr als 100 Stunden Material, das die Zeit des Kennenlernens von Gabi und Thomas, den Eltern der Regisseurin, ebenso dokumentiert wie die Kindheit der zwei Geschwister. Hinzu kommen Tagebücher, die Gabi damals führte, sowie recht sachlich anmutende schriftliche Aufzeichnungen des Vaters, die jeweils aus dem Off vorgelesen werden. 

In der Zusammenführung dieser Quellen geschieht vielerlei. So entsteht beispielsweise die Chronik einer Beziehung. Gabi und Thomas lernen sich 1973 im tiefen Bayern kennen. Gabis Eltern sind einfache Angestellte, sie selbst hat bei sich zu Hause kein eigenes Zimmer. Die Eltern von Thomas sind Geschäftsleute. Gabi hat einen ausgeprägten Freiheitsdrang und fühlt sich in der Beziehung mit Thomas abhängig. Um gemeinsam in den Urlaub fahren zu können, müssen sich die beiden verloben. Das begonnene Lehramtsstudium, die Ausflüge in die Maskenbildnerei und die Ausbildung zur Erzieherin können die Zwänge, denen sich Gabi ausgesetzt sieht, nicht dauerhaft vertreiben. Dann kommen die Kinder zur Welt.

Lischker macht es sich hier nicht zu leicht. Ihr Film ist keine Abrechnung mit ihrer Mutter, die in der sogenannten „Hausfrauenehe“ offenkundig unglücklich war und deshalb keine enge Bindung zu ihren Kindern zu entwickeln vermochte. Ebenso sucht die Regisseurin die Schuld nicht beim Vater, indem sie diesen zur Person macht, die Gabis Selbstverwirklichung verhinderte. Vielmehr arbeitet Lischker aus ihrer privaten Betrachtung die gesellschaftlichen Zu- und Missstände heraus, mit denen eine ganze Generation von Frauen im Westdeutschland der 1970er und 1980er Jahre konfrontiert wurde.

Bilder (m)einer Mutter ergänzt damit auch den Dokumentarfilm Die Unbeugsamen von Torsten Körner, der sich den Frauen der Bonner Republik widmet, um eine wichtige private Komponente. Während die darin gezeigten Politikerinnen – etwa Waltraud Schoppe von den Grünen, die auch im Archivmaterial von Lischkers Werk kurz zu sehen ist – durch ihren Kampf gegen den alltäglichen Sexismus heute (endlich!) als Pionierinnen wertgeschätzt werden, gibt es zahllose Frauen wie Gabi, die vermutlich nie als Heldinnen der Frauenbewegung gefeiert werden, da ihnen als Einzelperson, in irgendeiner bayerischen Stadt, schlichtweg kein Sieg gegen all die Widerstände vergönnt war.

Der Film gibt Gabi ein Gesicht und eine Stimme. Er redet nichts schön, er verklärt die Dinge nicht – aber er geht gegen die Undeutlichkeit, gegen das allmähliche Verwischt-Sein vor. Bilder und Worte liefern nicht zwangsläufig Antworten, doch sie können Menschen (wieder) sicht- und hörbar machen. Und deshalb brauchen wir sie, jederzeit.

Bilder (m)einer Mutter (2021)

Eine scheinbar ganz normale Kindheit in den 80er Jahren, festgehalten auf unzähligen Videokassetten. Darauf eine Kleinfamilie in der jeder seine Rolle spielt. Doch über dem Alltag liegt eine Schatten.Der Vater dokumentiert mit seiner Kamera fast nebenläufig wie die Mutter zwischen Weihnachten und Schulfest immer mehr zum Schatten ihrer selbst wird. Zuerst verschwindet sie aus den Videoaufnahmen, dann schließlich ganz aus dem Familienleben. Mit dem Film fordert die Regisseurin ihre Familie heraus, das jahrelange Schweigen um den Verlust ihrer Mutter zu brechen. Ein Tagebuch wird gefunden und die alten Super8 Filme des Vaters, auf denen die Mutter noch verliebt in die Kamera lachte.

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Meinungen
Ann-Kathrin Bayer · 17.10.2021

Ein wunderbarer Film. Die Geschichte der Mutter hat mich zum Nachdenken gebracht. Dass man so intim in eine Familie eintaucht, die dabei ist zu zerfallen ist tief berührend. Auch die politische Ebene mit den historischen Zitaten trägt dazu bei, dass ich in der Zeit zurück reise. Der Familienminister aus den 50er Jahren sagt gruselige Dinge über die Rolle der Autorität in den Familien - genau das ist es was auch meine Mutter geprägt hat. Von wegen Befreiung der Frau in den 70er Jahren... Ich habe mich sehr wohl als gut gebildet begriffen, dieser Film hat mir die Frauengeschichte jedoch nochmal auf andere Art und Weise nahe gebracht. Er lässt spüren, welche Auswirkungen diese starren Rollenbilder auf einzelne Schicksale haben können.

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