Belle (2021)

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Nach „Summer Wars“ spinnt der Anime-Regisseur Mamoru Hosoda erneut eine Geschichte um eine virtuelle Welt, in der eine junge Schülerin den Weg zur Selbstheilung beschreitet — und dabei auch anderen hilft.

Belle (2021)

Eine Filmkritik von Michael Kohl

Digitale Selbstheilung

Ein Teenagermädchen erstellt sich im Metaverse einen Avatar, durch den sie zum Popstar aufsteigt. Dort greift ein virtuelles Biest die Sängerin an, was die selbsternannten Ordnungshüter alarmiert. Die Sängerin folgt dem Biest mit der Vermutung, dass es gar keine bösen Absichten hegt. „Belle“, der neue Anime von Mamoru Hosoda aus dem Studio Chizu („Der Junge und das Biest“, „Mirai“), präsentiert ein fantasievolles Universum, wo Menschen ihre Wunden hinter einer virtuellen Maske verstecken. Der Film erzählt mit den Mitteln von J-Pop und modernen sowie traditionellen Animationstechniken, wie das Freilegen von Traumata in der realen wie in der virtuellen Welt ein nötiger Schritt zur (Selbst-)Heilung sein kann.

Am Morgen nach der Anmeldung im Metaverse „U“ blickt die 17-jährige Suzu enttäuscht auf ihr Smartphone: keine Follower. Am Tag zuvor hat sich die Schülerin auf der virtuellen Plattform registriert und einen eigenen, engelsgleichen Avatar namens Bell erstellt: ein fragiler Frauenkörper, lange rosa Haare, hellblaue Augen. In der echten Welt sieht Suzu ganz anders aus: kleine Körpergröße, dunkle Haare, braune Augen. Doch beide teilen dieselbe glassklare Stimme, die Suzu erst im Metaverse unter ihrem Synonym selbstbewusst präsentiert. Der Erfolg, also die Zahl an Follower, bleibt zunächst aus. Die anderen Avatare sind misstrauisch, fangen aber an, über die neue Nutzerin zu reden. Wie in allen digitalen Echokammern wird Bell zur Sensation, je mehr User sich austauschen – egal ob positiv oder negativ. So schießt nach ein paar Tagen die Anzahl an Fans durch die Decke.

Mit diesem Erfolg hat Suzu nicht gerechnet. In der Realität an der Schule ist sie nicht die beliebteste Schülerin – eher eine schüchterne Außenseiterin. Sie lebt zusammen mit ihrem Vater. Ihre Mutter hat das Leben verloren, als sie ein fremdes Kind aus einem Fluss retten wollte. Es ist ein Trauma, das dazu führte, dass Suzu in der Realität nicht mehr singen kann. Aber als Bell kann sie ihrem Schmerz Ausdruck verleihen. Im Metaverse U steigt sie zum Popstar auf, deren wahre Identität niemand außer ihre Freundin kennt. Taisei Iwasaki, Ludvig Forssell und Yuta Bando haben für den Anime-Film die J-Pop-Songs komponiert, die die Kreation des japanischen Studio Chizu zeitweise zum Musical werden lassen. In erster Linie ist der Film jedoch eine Coming-of-Age-Story, die sich in einer nicht ganz so fernen Zukunft verorten lässt.

Die Idee von einer simulierten Realität ist nichts Neues, sondern schon seit den 1980ern ein beliebtes Thema in der Science-Fiction. Durch das von digitalen Konzernen angekündigte Versprechen eines Metaverse, einer großen, gar unendlichen Spiel- und Handelswiese mit Avataren, hat die Thematik zuletzt noch einmal an Aktualität gewonnen. Losgelöst von den irdischen Fesseln der Realität können dort die Menschen wie die Hauptfigur Suzu als Popstar ihre Träume verwirklichen oder, wie im Fall eines virtuellen Biests, zum Albtraum für andere werden. Ein solches Biest unterbricht rabiat ein Konzert von Bell vor einem Milliarden-Publikum und ruft eine selbsternannte Superheldengruppe auf die Spielfläche. Die Law-und-Order-Vigilanten versuchen ein Rechtssystem im mutmaßlich rechtsfreien Vakuum von U aufrechtzuerhalten. Nur Bell – mittlerweile umbenannt in Belle – folgt fasziniert dem Biest mit der Vermutung, dass der User dahinter wie sie die eigenen Wunden versteckt.

Regisseur, Autor und Animator Mamoru Hosoda kombiniert hier Modernität mit dem Märchen Die Schöne und das Biest. Gestalterisch erinnert das Schloss des Biests stark an die Vorlage von Disney und ist doch eine individuelle Vision. Der Palast schwebt zwischen den Wolken in den Weiten des Metaverse. Die Säle muten futuristischer an als die historisierende Vorlage. Die ganze virtuelle Welt wirkt zudem dreidimensionaler und unendlicher als die flächige, weitestgehend gezeichnete Realwelt. So gelingt dem Anime eine überzeugende stilistische Differenz zwischen den zwei Welten.

Hosoda wendet das Konzept von harter Schale und weichem Kern auf die digitale Welt an und schafft ein zeitgenössisches Update, indem sich die männliche und weibliche Figur gleichwertig gegenüberstehen. Die Frau dient hier nicht wie im Märchen zur Erlösung des zum Biest verwandelten Mannes. Belle rettet zwar den User oder besser gesagt die zwei jungen User hinter dem Biest, sie überwindet darüber hinaus aber auch ihren eigenen Schmerz. Auf diese Weise verknüpft Hosoda geschickt die analoge und virtuelle Welt trotz stilistischer Unterschiede. Der Filmemacher bewertet die beiden Realitätsebenen nicht eindeutig: Shitstorm und Eskapismus in der einen, Gewalt und Freundschaft in der anderen. Die Konflikte, egal wo, entstehen durch die Menschen und können nur durch diese beendet werden. Um authentische Hilfe im Metaverse anzubieten, muss Suzu ihre Maske als Belle fallen lassen. Doch das wahre Ich in einer fremden Welt zu zeigen, stellt sich als gar nicht so einfach heraus.

Belle (2021)

Die 17-jährige Suzu war jahrelang nur ein Schatten ihrer selbst. Doch das ändert sich, als sie „U“ beitritt, eine virtuelle Plattform mit 5 Milliarden Mitgliedern. Dort wird sie zu Belle, einer weltberühmten Sängerin und trifft auf eine mysteriöse Kreatur, mit der sie sich auf eine Reise durch etliche Abenteuer, die Liebe und die Entdeckung ihrer wahren Persönlichkeit begibt.

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