Beckett (2021)

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John David Washingtons Höhenflug hält an. Nach seinem Durchbruch in „BlacKkKlansman“ und den Hauptrollen in „Tenet“ und „Malcolm & Marie“ überzeugt der Schauspieler auch in seinem nächsten Film, der ganz anders ist als das zuvor Gezeigte.

Beckett (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Der Tourist, der zu viel wusste

Keine Sorge, mit Samuel Beckett hat dieser Film nichts zu tun, auch wenn sich sein Titelheld mitunter in einem absurden Theaterstück wähnen dürfte. Ursprünglich sollte Ferdinando Cito Filomarinos Thriller wie die Romanvorlage Born to Be Murdered heißen und regulär in die Kinos kommen. Stattdessen startet er jetzt bei Netflix, wo er die Erwartungen der Streaming-Kundschaft ordentlich unterlaufen dürfte.

Der von Washington gespielte Tourist ist nicht das übliche Thriller-Material – und weit weg vom Klischee des durch Europa reisenden Amerikaners. Beckett macht mit seiner Freundin April (Alicia Vikander) in Griechenland Urlaub. Zwischen Ruinen stellen sie sich vor, was die Touristen um sie herum in ihrem Privatleben machen. April quillt vor Einfällen über, Beckett bringt kaum ein Wort heraus. Auch ihre nächste Übernachtung telefonisch zu bestätigen, traut er sich nicht. Diese Figur ist so zurückhaltend, dass sie beinahe verschwindet.

Von den Ein-Mann-Armeen des zeitgenössischen Actionthriller-Kinos, den Jason Bournes, Bryan Mills, Jack Reachers und Tyler Rakes, könnte dieser Beckett gar nicht weiter entfernt sein. Wo die Standard-Heroen direkt in den übermenschlichen Flucht- und Kampfmodus schalten, geht Beckett sehr lange einen realistischen Weg. Nach einem schweren Autounfall heißt das zunächst einmal: der Gang zu den Behörden. Und selbst als Beckett sich unvermittelt in einem Komplott wiederfindet, dessen wahres Ausmaß weder er noch das Publikum zu diesem Zeitpunkt erfassen, reagiert er wie du oder ich. Wie ein normaler Mensch und nicht wie ein Supermann.

Dass Ferdinando Cito Filomarino die Dinge in seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm etwas anders anpackt, verraten vermeintlich unscheinbare Details. Beckett und April sind ungeschminkt unterwegs. In wetterfester Kleidung und mit zerzausten Haaren stapft Alicia Vikander nicht wie eine Hollywood-Schönheit, sondern wie du oder ich durch die griechische Landschaft. Nichts Ungewöhnliches, doch gerade weil es so ungewohnt ist in einem Medium, in dem Frauen üblicherweise schon perfekt zurechtgemacht aus dem Bett steigen, ist es eine Erwähnung wert. So realistisch wie Vikander ausschaut, bleibt der Film lange Zeit.

Die Action ist nicht übertrieben und sehr dosiert eingesetzt. Beckett bittet um Hilfe, anstatt Drohungen und Gewalt einzusetzen. Und als er es gegen Ende des Films verzweifelt versucht, gelingt es ihm nicht einmal, eine Fahrerin von ihrem Motorroller zu zerren. Das ist erfrischend, weil die üblichen Tropen – von gestohlenen oder mit vorgehaltener Waffe gekaperten Fahrzeugen über haarsträubende Verfolgungsjagden bis zu unmöglichen Stehaufmännchen-Qualitäten – allesamt nicht bedient werden. Bei allen, die auf Nonstop-Action aus sind, hat so viel Logik allerdings Langeweile zur Folge.

Der Regisseur lässt sich, seiner Hauptfigur und der Handlung Zeit. Filomarino ist nicht an einem Helden interessiert, der schon alles kann, an keinem, der bereits „a very particular set of skills“ besitzt, sondern an einem, der an seinen Aufgaben wächst und am Ende über sich hinauswächst. Auf seiner Odyssee von den Überresten antiker Stätten ins moderne Athen trifft er auf helfende Hände wie die Aktivistinnen Lena (Vicky Krieps) und Eleni (Maria Votti) und auf Widerstände wie den Botschaftsmitarbeiter Tynan (Boyd Holbrook) und gerät in die Wirren eines politisch aufgeheizten Klimas. Becketts Verzweiflung nimmt zu und mit ihr letztlich dann doch der Realismus ab. Aber das ist zu verschmerzen.

Die Geschichte eines Mannes, der unversehens in eine Verschwörung gerät, steht in der Tradition von Alfred Hitchcocks Der Mann, der zuviel wußte (1934 u. 1956) und Der unsichtbare Dritte (1959), Costa-Gavras Z – Anatomie eines politischen Mordes (1969) oder Alan J. Pakulas Zeuge einer Verschwörung (1974). An deren Klasse reicht Beckett zwar weder erzählerisch und gleich gar nicht visuell heran, im Meer der stets gleich gestrickten Actionthriller bietet er aber eine willkommene Abwechslung.

Beckett (2021)

Nach einem tragischen Verkehrsunfall in Griechenland wird der amerikanische Tourist Beckett in eine gefährliche politische Verschwörung hineingezogen und muss um sein Leben rennen.

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