Ballad of a White Cow (2020)

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Minas Ehemann wurde zu Unrecht wegen Mordes hingerichtet. In ihrem Versuch, das Gericht zur Verantwortung zu ziehen, stösst sie auf viele Widerstände. Als sich Reza als Freund des Verstorbenen vorstellt und sie unterstützt, schöpft sie wieder Hoffnung.

Ballad of a White Cow (2020)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Das Recht auf Leben

Minas (Maryam Moghaddam) Mann wurde zu Unrecht wegen Mordes hingerichtet. Als Schadenersatz wird Mina vom Gericht zwar eine größere Geldsumme zugesprochen, doch in der Zwischenzeit muss sie weiterhin mit sehr wenig Einkommen zurechtkommen und für ihre siebenjährige Tochter Bita (Avin Purraoufi) sorgen. Deswegen ist sie mit der Miete im Rückstand. Die Arbeit in der Milchfabrik und die Einmachgläser, die sie zuhause verziert und die sich als kleine Geschenke verkaufen lassen, reichen nicht aus. Als Reza (Alireza Sanifar) plötzlich vor ihrer Tür steht und sich als Freund ihres Mannes ausgibt, scheint es, als könne es wieder aufwärts gehen.

Er besorgt ihr eine neue Wohnung und überweist ihr Geld, das er angeblich ihrem verstorbenen Mann geschuldet hat. Arglos fasst Mina Zuneigung zu ihm, doch Reza handelt in erster Linie aus einem schlechten Gewissen heraus. Er war der Richter, der Babaks, Minas Mann, Hinrichtungsurteil unterschrieben hat.

Im Sozialdrama des iranischen Regieduos Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam übernimmt Moghaddam selbst die Hauptrolle der leidgeprüften, aber dennoch großmütigen und hoffnungsvollen Mutter. Um Schuld und Sühne geht es in The Ballad of the White Cow, aber auch um soziale Zwänge und Unterschiede. 

Wichtiges Thema des Films ist die Auseinandersetzung mit der Todesstrafe. Im iranischen Kino beschäftigen sich aktuell mehrere Autoren damit, man denke an den Berlinale-Gewinnerfilm von 2020 Das Böse gibt es nicht von Mohammad Rasoulof oder an Yalda von Massoud Bakhshi. In einem Land mit einem repressiven Regime, das noch vor kürzerer Zeit einen geradezu totalitären Charakter aufwies, kann die Todesstrafe als besonders willkürliches Rechtsmittel gelten. Oder ist es ein Menschenrecht eine Hinrichtung zu verlangen, wie ein Kollege von Reza einmal behauptet? Im Koran stehe, dass Gott diese Kompetenz selbst den Menschen zugesprochen habe. Um die Rechtsordnung zu sichern, seien Hinrichtungen nötig, und dabei müsse man in Kauf nehmen, dass es auch unschuldige treffen könne. 

Ähnlich wie bei Yalda interessieren sich die Autoren von The Ballad of the White Cow für die gesellschaftliche Rolle der iranischen Frau. Ohne Mann gilt eine Frau nichts. Ein Immobilienmakler macht Mina unmissverständlich klar, dass es für sie unmöglich sein wird, als Alleinstehende eine Wohnung anzumieten. Keiner sei dazu bereit, im besten Fall werde sie betrogen, prophezeit er. Auch stehen ihre Chancen nicht besonders hoch, den Sorgerechtsstreit um ihre Tochter gegen ihren Schwiegervater und ihren Schwager (Pourya Rahimisam) zu gewinnen. Am besten sie verheirate sich sofort wieder, schlägt letzterer vor und bietet sich bereitwillig selbst an. 

Ihre Wohnung verliert Mina im übrigen deswegen, weil man gesehen hat, wie Reza, ein Nicht-Verwandter, bei ihr im Haus war. Und auch später, als sich Mina hilfsbereit um Reza kümmert, als dieser einen Zusammenbruch erleidet und bei ihr übernachtet, wird dies den beiden vorgeworfen. Das sei ein unangebrachtes, unkeusches Verhalten. Geschickt zeigen die Autoren wie sich ihre Protagonistin in diesem absurden Regelkatalog bewegt und trotz der ihr auferlegten Einschränkungen für ihre Bedürfnisse kämpft. Dabei bewahrt sie bis zuletzt ihren Stolz und ihre Würde. 

Dazu gehört es auch, dass sie den Namen ihres toten Mannes reinwaschen will. Mina will von dem zuständigen Richter eine Entschuldigung haben, sie will sehen, dass er Verantwortung übernimmt. Diese Schuld fühlt Reza sehr stark, doch kann er sich Mina nicht zu erkennen geben. Im Grunde tragen die beiden aber eine Last, die sie nicht selbst verschuldet haben. Davon spricht der Film auch. Wieviel kann der Einzelne leisten, wenn das System um ihn herum taub und blind für eigenen Fehler und Wucherungen ist?

Die Charakterzeichnung ist differenziert und vielschichtig. Mina gibt sich entschlossen nach außen, im Umgang mit ihrer Tochter kann sie Zuneigung und Zärtlichkeit zeigen. Hilflos sind ihre Versuche, dem Mädchen die Realität möglichst schonend beizubringen, was dadurch erschwert wird, dass die beiden durch die Zeichensprache kommunizieren, weil Bita taubstumm ist. Vor den schwierigen Umständen flüchtet sich das Kind in seine Leidenschaft für Filme. Damit geben die Autoren auch eine leise Liebeserklärung an das Kino selbst ab.

The Ballad of the White Cow ist sehr dicht erzählt. Der schnelle Schnitt dynamisiert die Bilder, die weitgehend mit einer statischen Kameraeinstellung aufgenommen werden. Die Erzählweise unterstreicht die Anstrengung der Hauptfigur, die ständig in Bewegung ist. Von der Arbeit zur Schule der Tochter, dann nach Hause und wieder von vorne. Sie ist in Bewegung, während die Gesellschaft, in der sie lebt, starr und unbeugsam bleibt.

Ballad of a White Cow (2020)

Der Iran, in der Gegenwart: Minas Ehemann ist aufgrund eines falschen Vergeltungsurteils hingerichtet worden. Ein Jahr später stellt sich seine Unschuld heraus. Die Mutter einer gehörlosen Tochter legt daraufhin Beschwerde gegen das Urteil beim zuständigen Gericht ein. Während Mina gegen die Mühlen der Bürokratie ankämpft, plagt den Richter in dem Fall das schlechte Gewissen. Er gibt trotz Protesten seinen Beruf auf und sucht nach einer Möglichkeit, Wiedergutmachung zu leisten. Ohne Auskunft über seine wahre Identität zu geben, freundet er sich mit Mina und deren kleiner Tochter an. Den kleinen Gefälligkeiten des Mannes begegnet Mina bald mit echten Gefühlen ihm gegenüber.

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