Baghdad In My Shadow (2019)

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In London lebt eine Diaspora irakischer Auswanderer verschiedener Generationen, die dort ein selbstbestimmtes und sicheres Leben führen möchte. Doch alte Denkmuster aus der Vergangenheit holen sie wieder ein. Samirs neuer Film über Trauer, Mut und Liebe schwankt zwischen Drama und Kriminalgeschichte.

Baghdad In My Shadow (2019)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Der Schatten der Vergangenheit

Die Kamera fährt über die Dächer einer großen Stadt. Als der Blick auf ein riesiges Wandbild von Saddam Hussein fällt, ist es klar, dass es sich um Baghdad handeln muss. In Sekundenschnelle verfliegt die anfänglich friedliche Stimmung, als ein Wagen vor einem gut gesicherten Gebäude zum Stehen kommt und zwei gefesselte Männer hineingeführt werden. Sie sollen unter brutaler Folter zugeben, dass sie gegen das politische Regime agitiert haben. Nur einer von ihnen wird es schaffen, lebend wieder herauszukommen.

So fängt das Drama des irakisch-schweizerischen Regisseurs Samir an, in dem er sich mit dem Trauma des Krieges, den Folgen eines diktatorischen Regimes und dessen Erbe in der Gegenwart auseinandersetzt. Baghdad in My Shadow ist gleichzeitig eine Hommage an das kulturelle Leben der irakischen Hauptstadt, wie es einmal war und vermutlich in seiner Vielfalt nur noch in Erinnerungen oder in Wunschvorstellungen existiert. Der Film erzählt davon, wie sich für diese Sehnsucht zwar ein alternativer Ort finden lässt, doch wie instabil und prekär er notwendigerweise bleiben muss.

So ein Ort ist das Café Nawas. Benannt nach einem arabisch-islamischen klassischen Autor, der selbst ein Nonkonformist war, bietet es Zuflucht für Entwurzelte verschiedener Art. Einer von ihnen ist Tauriq (Haytham Abdulrazaq), der vor etwa zwanzig Jahren nach London auswanderte und hier seitdem eine neue Heimat gefunden hat. Wie sich nach und nach herausstellen wird, ist er der eine, der es aus der Folterkammer in Baghdad geschafft hat, während sein Bruder zurückblieb. Von Politik und noch weniger von Religion will der Dichter, der im British Museum als Nachtwächter arbeitet, nichts mehr wissen.

Doch zwangsläufig wird er, genauso wie die anderen Mitglieder der irakischen Diaspora, die sich regelmäßig im Café treffen, mit Überbleibseln und Verhaltensmustern aus der Vergangenheit konfrontiert. Sein Neffe Nasser (Shervin Alenabi) gerät unter den Einfluss eines opportunistischen Imams, der ihn zum Werkzeug für sein eigenes religiös-fanatisches und misogynes Gedankengut macht. Ungeschönt, eindrücklich und auf beklemmende Weise zeigt der Film, wie so eine Spirale der Radikalisierung verlaufen kann. Er erzählt von der Ohnmacht, mit der Angehörige konfrontiert werden, aber auch vom Schuldgefühl, das sie zwangsläufig dabei empfinden.

Um Schuld und Sühne geht es auf verschiedenen Ebenen in Baghdad in My Shadow. Nasser macht seinen Onkel für den Tod seines Vaters verantwortlich, als er erfährt, dass Tauriq damals politisch engagiert war und sein Vater nach dem Prinzip der Sippenhaft mit zum Leidtragenden wurde. Obwohl Tauriq weiß, dass er konkret keine Schuld an den absurden Repressalien des damaligen Regimes hat, gibt er sie sich im Grunde doch. Er lebt mit einer Last, die nie von ihm weichen wird. Als Iraker in einem westlichen Land wird er zudem mit einem institutionellen Misstrauen bedacht.

Die gleiche Erfahrung machen auch andere seiner Landsleute. Im Café verdient Amal (Zahraa Ghandour) ihr Geld. Sie träumt davon, wieder als Architektin arbeiten zu können, doch erstmal muss sie sich damit begnügen, die Baustellen der Stadt, an denen sie täglich vorbeiläuft, von außen zu betrachten. Bauarbeitern, die mit dem Neubau des Innenministeriums beschäftigt sind, fällt sie wegen ihres arabischen Aussehens auf, und sie wird für eine Spionin gehalten. Vorurteile und wie diese zu überwinden sind, bilden ebenfalls ein zentrales Thema des Stoffes. Dabei bemüht sich das Drehbuch um eine möglichst große Breite der Argumentation, in dem es auch die Beziehung von Amal mit einem Engländer oder das Motiv der Homosexualität ins Spiel bringt. Entstanden ist zwar ein anspruchsvolles Ensemble an Figuren, andererseits aber auch eine argumentative Dichte, die es nicht zulässt, dass die Charaktere wirklich an Gestalt annehmen, noch den einzelnen Themen genug Raum lässt und ihnen damit an Intensität nimmt. Auch hätte man gut auf die eine oder andere recht sentimentale Szene verzichten können.

Leider kann sich der Film zudem nicht entscheiden, ob er ein Sozialdrama oder doch ein Thriller sein soll. Die fragmentierte Struktur, die aus Rückblenden auf mindestens drei Ebenen besteht, schwemmt den Film auf und verkompliziert unnötig die Form. Statt der Geschichte eine zusätzliche Spannung zu verleihen, hemmt sie den Erzählrhythmus nur. Darüberhinaus bietet Baghdad in My Shadow einige technische Spielereien auf wie Zeitlupe, die reichlich ungeschickt wirken und eigentlich nicht zu einem derart erfahrenen Regisseur passen.

Baghdad In My Shadow (2019)

In einem Café in London treffen sich häufig irakische Migranten, bis ihr friedliches Zusammenleben wegen eines radikalisierten Jugendlichen bedroht wird. „Baghdad in my Shadow“ ist ein Ensemblefilm zwischen der arabischen und westlichen Welt und erzählt von Atheismus, Gleichberechtigung und Homosexualität, die drei wichtigen Tabu-Themen des Islam.

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