Bad Tales (2020)

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Sommer in einer Siedlung in den Randbezirken von Rom. Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein, doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Abgründe, die Verzweiflung, die Angst und Familien, wie sie einander nicht fremder sein könnten.

Bad Tales (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Abgründigkeit der Vorstädte

Ein zuerst abrupt abgebrochenes und dann weggeworfenes Tagebuch eines Kindes steht am Anfang dieses Films, von einem Ich-Erzähler gefunden, mit Interesse gelesen und dann weitergeschrieben. Auf diese Weise entsteht eine Geschichte, die wahr sein könnte, aber nicht den Anspruch darauf erhebt.

Ein anschließender Drohnenflug etabliert dann den Ort des Geschehens, eine Vorstadt im Speckgürtel von Rom, die überwiegend aus Einfamilienhäusern besteht. Immer wieder wird der Film im weiteren Verlauf sommerliche Idyllen einstreuen: Die Kinder des Viertels bei einer Wasserschlacht, stets in Zeitlupe gefilmt, sodass der Eindruck eines ungetrübten Vergnügens entstehen könnte. Wären da nicht die außergewöhnlichen Kameraperspektiven und Blickwinkel, die irritieren.

Bad Tales, der internationale Titel von Favolacce, deutet bereits ebenfalls an, dass die beschworenen Idyllen trügerisch sind. Denn der Teppich an Geschichten und Miniaturen, an Bruchstücken und Episoden, den Damiano und Fabio D’Innocenzo ausbreiten, ist voller Risse und Löcher, angegriffen und zerfressen vom Gift, das diesen Film auf jeder Ebene durchzieht: Es ist das Gift von Neid und Missgunst, Angst und Verzweiflung, Entfremdung, kalter Wut und Enttäuschung, sexuellem Begehren und fortschreitendem Kontrollverlust, der sich irgendwann einmal seinen Weg an die Oberfläche bahnen wird.

Die schleichende Zersetzung der bürgerlichen Fassade offenbart sich auf vielerlei Weise: Auf einem Kindergeburtstag sitzen zwei Männer beisammen, beobachten die Frau eines Nachbarn und phantasieren darüber, was sie mit ihr am liebsten machen würden. Und ihre Art und Weise zu sprechen, zeigt deutlich, dass sie kaum mehr als Tiere sind, die nur eine hauchdünne Schicht der vermeintlichen Zivilisation davon abhält, zu vergewaltigen und zu töten. Der Riss, der diese Viertel durchzieht, zeigt sich aber auch und vor allem bei den Kindern: Wie dressierte Affen tragen zwei von ihnen ihre Zeugnisnoten vor und müssen durch eine scharfe Bemerkung lernen, dass selbst beste Zensuren nicht genügen, um den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden. Einige von ihnen werden Bomben bauen, um das ganze Viertel in die Luft zu jagen und so dem Elend der emotionalen Verwahrlosung zu entkommen — ein Plan, der misslingen wird. Und als Zuschauer bedauert man dies ehrlich gesagt ebenso wie der Lehrer, der die Kinder auf die Idee brachte und der sich später auf perfide Weise für seine Entlassung rächen wird. Und so wird der Film nicht mit einem lauten Knall enden, sondern ganz still und leise und dennoch nicht weniger eindringlich.

Bereits der Beginn des Films mit dem achtlos weggeworfenen Tagebuch verdeutlicht, dass es den beiden Filmemachern vor allem um die Kinder geht, um ihren Blick und den Blick auf sie. Um das, was die Welt der Erwachsenen aus ihnen macht: Kleine Monster, verzweifelte Seelen, frühsexualisierte Wesen, die mit unschuldigen Kindergesichtern das reproduzieren, was sie von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Noch beklemmender wird dies dadurch, dass die Eltern ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen, dass sie doch nur das Beste für ihre Kinder wollen. Welch groteske Fehleinschätzung, welche Hybris, was für eine Idiotie.

Favolacce ist gerade erst der zweite Filme der Zwillingsbrüder Damiano und Fabio D’Innocenzo, ihr Erstling La Terra Dell’Abbastanza / Boys Cry wurde 2018 in der Sektion Panorama gezeigt und erregte dort bereits einiges an Aufsehen. Doch auch der Nachfolger muss sich nicht verstecken, sondern dekonstruiert mit emotionaler Wucht und formaler Strenge eine Vorortsiedlung und mit ihr die allgegenwärtige Angst vor dem sozialen Abstieg, die unterdrückte Wut der Menschen, die sich vom Leben benachteiligt fühlen, die auf diese oder jene Weise den Anschluss verloren haben, die sich etwas anderes ersehnten und die dann doch genau hier gelandet sind, ohne Aussicht, diesem Ort jemals entkommen zu können. Das Gift dieser toxischen Kombination wird am Ende seine Wirkung tun — und wie bereits zuvor werden die Kinder die Leidtragenden sein.

Bad Tales (2020)

Es war einmal ein düsteres Märchen, das in den Außenbezirken Roms, in einer brachial anmutenden, bedrückenden Sumpflandschaft spielte. Eine kleine Gemeinschaft von Eltern, Jugendlichen und Lehrern. Dort verhüllt das Schweigen den subtilen Sadismus der Väter, die Passivität der Mütter und die schuldbeladene Gleichgültigkeit der Lehrer. Schlussendlich ist es die Verzweiflung der Kinder, die in verdrängter Wut explodiert.

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